Champions League

RB Leipzig gegen Besiktas Istanbul: Warum nur 250 Fans zum Champions-League-Spiel fliegen

Istanbul - RB Leipzig: Die erste Auswärtspartie von RB Leipzig findet in Istanbul statt. Ausgerechnet. Wegen der türkischen Politik fliegen nur 250 Fans zum Besiktas-Spiel.

Von Martin Henkel
Zwei Polizisten beobachten das Abschlusstraining der Leipziger Spieler in der Vodafone Arena in Istanbul. dpa-Zentralbild

„Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute.“ Katarina Klempel sitzt am Leipziger Flughafen. Es ist Sonntag, später Nachmittag. Noch kann sie umkehren. Niemand würde glauben, ihre Bedenken wären Hysterie. Aber Umkehren ist keine Option. Auch nicht für ihren Mann Jörg.

Beide sind Fans von RB Leipzig, Dauerkartenbesitzer. Er seit 2010, sie seit 2014. Dienstag ist Champions-League, die Sachsen treffen in Istanbul auf Traditionsklub Besiktas. „Wir reisen da jetzt hin“, sagt sie. Das eine Auge zwinkert ihrem Mann zu.

RB-Leipzig-Fans in Istanbul: Besiktas ist ein bunter Stadtteil

Wenig später ist es passiert: Die Klempels sind in der Türkei. Problemlos eingereist. Ohne Fragen an der Passkontrolle, ohne scheele Blicke, ohne Filzen oder Festsetzen. Am nächsten Morgen schlendern sie durch die Altstadt vom Stadtteil Besiktas. Die Kopfsteinpflastergassen sind eng, Cafés drängen sich neben Restaurants, Bars neben Fischläden und Kebab-Spieße. Überall sind Menschen, stehen, eilen, sitzen, plaudern, Studenten, Alte, Angestellte, Teetrinker. Eine warme Brise streift durch das Viertel und in den Platanen rascheln die Blätter.

Verblüfft stellen die Klempels fest, dass sie zwar in ein Land gereist, in dem ein wütender Präsident gerade versucht, die Türkei nach seinen Vorstellungen reichlich gewaltsam umzubauen. Doch hier in Besiktas ist davon nichts zu spüren.

Vielen RB-Leipzig-Fans war angebotene Reise zu teuer

Nicht im Ansatz - und bedauerlich! Ungefähr 20 RB-Fans aus dem Bekanntenkreis der Klempels wollten eigentlich zum ersten Auswärtsspiel im Europapokal eines Leipziger Klubs nach dem Fall der Mauer reisen. Egal, wohin. Wie die Kölner das vor zwei Wochen gemacht haben, als sie den FC nach 25 Jahren Abwesenheit zum Comeback gegen Arsenal begleiteten, 20.000 von ihnen, die wenigsten mit Ticket. So war es vereinbart, lange vor der Auslosung, und eine Nummer kleiner. Dann geriet Besiktas Istanbul in die Gruppe. Oh je, die Türkei! Jetzt sind die Klempels allein vor Ort.

Dabei müsste das Szeneviertel eigentlich voll sein mit Leipzigern. 2.000 von ihnen hätten Karten haben können, das sind genau jene fünf von der Uefa vorgeschriebenen Prozent, die jede Heimmannschaft in der Königsklasse abtreten muss. Aber es kommen nicht mehr als 250.

Vielen war die vom Verein angebotene Reise zu teuer. 600 Euro sollte die Tour inklusive Flug, Shuttle, Spiel und einer Übernachtung kosten. Business as usual für Champions-League-Spiele. Die meisten allerdings verzichteten der Zustände in der Türkei wegen auf das historische erste Auswärtsspiel von RB Leipzig in Europa. Denn sie hätten auch anreisen können wie die Klempels - selbst organisiert für die Hälfte des finanziellen Aufwandes.

Verehrung für Atatürk

Vielleicht hätte man deshalb jemanden vorschicken sollen, um die Lage zu erkunden. Wer weiß, was das hätte bewirken können. Wenn jemand davon berichtet hätte, dass das Leben in Besiktas kaum ein anderes ist als im Szeneviertel einer deutschen Stadt.

Na ja, kaum anders. Von Erdogan und seiner Regierungspartie jedenfalls ist nichts zu sehen. Nicht einmal eine Kaffeetasse im Souvenirshop. Stattdessen hängen Fahnen vom Fußballverein über den Gassen, und Kemal Atatürk schaut altväterlich von Fenster-Bildern auf seine Landsleute herab.

Kemal Atatürk ist der Gründungsvater der modernen Türkei. Er schaffte vor gut einem Jahrhundert das alte Kalifat ab, verfügte die Latinisierung der türkischen Sprache und verordnete eine strikte Trennung von Staat und Religion. Kemalist zu sein - wie die Mehrheit der Bewohner von Besiktas und der Anhänger des Klubs - bedeutet deshalb, dem versuchten Umbau der alten Türkei die Stirn zu bieten.

Wo sonst also hätte man sich fern von den Umtrieben in Ankara besser aufhalten und mit Fußball beschäftigen können als hier. Von der Altstadt zum Stadion ist es nur ein Spaziergang von 15 Minuten, den Bosporus entlang, vorbei am Dolmbahce Palast, in dem der letzte osmanische Sultan residierte, ehe Atatürk übernahm und von dort aus die Staatsgeschäfte leitete. Bilder aus seinem Leben hängen von Efeu umrahmt gegenüber an der Mauer einer Kaserne. Es ist als würde man an der Filmrolle eines Mannes vorbeilaufen, der für all das steht, was die Deutschen bislang mit der Türkei verbanden. Irgendwie muslimisch zwar, und doch so vertraut.

Lauteste Arena der Welt

Das Freiluft-Panoptikum endet am Vodafone-Park. Es passen zwar nur 42 000 ins Stadion, aber wenn es einen Kessel im europäischen Fußball gibt, dann es hier. Der Lärm dort drin ist ohrenbetäubend, seit 2013 halten die Fans von Besiktas den Dezibel-Rekord im Weltfußball. Er liegt bei 141.

Dorthinein also muss RB - und dorthinein müssen sein 250 Fans. Auch bei dem Gedanken wird es Katrin Klempel mulmig zumute. Aus anderen Gründen. „Die Aufregung“, sagt sie, „ist groß. Ich freue mich riesig auf das Spiel.“ (mz)