„Der Sport gibt das Tempo vor“

RB Leipzig Boss Oliver Mintzlaff: „Der Sport gibt das Tempo vor“

Leipzig - RB-Boss Oliver Mintzlaff über die Entwicklung des Vereins, die Gerüchte über ein Champions-League-Verbot.

24.02.2017, 16:58
Oliver Mintzlaff.
Oliver Mintzlaff. imago sportfotodienst

Ortstermin im funktionalen Büro von Oliver Mintzlaff im Leistungszentrum von RB Leipzig am Cottaweg unweit des Stadions. Der Red-Bull-Fußballchef und Boss von RB Leipzig ist gut aufgelegt, empfängt in Jeans, grauem Strickpullover und Sneakers. Gerade eben erst ist der 41-Jährige aus Arizona zurückgekehrt, wo er sich um die Belange des New Yorker Red-Bull-Ablegers gekümmert hat. Im Gespräch mit Ullrich Kroemer spricht der Rheinländer über die Entwicklung seines Vereins und nimmt auch zu einigen heiklen Fragen Stellung.

Herr Mintzlaff, Sie haben am Abend der Krawalle von Dortmund während des Spiels zwischen 8.000 RB-Fans im Gästeblock gestanden. Was haben Sie im Block oder zuvor von den Ausschreitungen mitbekommen?
Oliver Mintzlaff: Wir waren begeistert über die Euphorie, die vor diesem Spitzenspiel bei unseren Fans herrschte. Da sollte es ein schönes Signal sein, dass wir mit im Fanblock stehen. Das hatten wir uns eine Woche zuvor überlegt. Von den Randalen haben wir dann im Block gar nichts mitbekommen. Die zum Teil primitiven und diffamierenden Plakate haben wir zwar in Teilen gesehen, aber weder Ralf Rangnick noch ich haben uns damit  beschäftigt.  Das hat uns nicht tangiert. Wir haben uns auf das spannende Spiel konzentriert. Vom Ausmaß der Vorfälle haben wir erst nach dem Spiel erfahren.

Es gab das Gerücht, dass der BVB Ihnen keine Logentickets zur Verfügung gestellt hatte.
Mintzlaff: Das stimmt nicht, im Gegenteil. Ich war vor dem Spiel bei Herrn Rauball am Tisch, habe lange mit ihm gesprochen.  Auch Herr Watzke und Herr Zorc waren im Vorfeld darüber informiert, damit beim BVB nicht der Eindruck entsteht, wir nähmen die Gastfreundschaft nicht an.

Sie haben sich eigens mit Herrn Watzke und Herrn Rauball zum Krisengespräch getroffen. Warum war diese Aussprache nötig? Mintzlaff: Herr Watzke hatte sich bei Ralf Rangnick per SMS für die Vorfälle entschuldigt. Daraufhin haben wir zu einem Treffen in Berlin eingeladen – ein respektvolles, sehr sachliches vernünftiges Gespräch. Es hat einfach Sinn gemacht, sich an einen Tisch zu setzen, um die Vorkommnisse aufzuarbeiten. Wir waren uns einig darin, dass wir als Teil der Bundesliga alle gemeinsam an einem Strang ziehen müssen, damit so etwas nicht wieder passiert. Wir waren alle schockiert darüber, was da vor dem Spiel vorgefallen ist, als Familien und friedliche Anhänger auf gewaltbereite Fans getroffen sind. Es darf in den Stadien auch mal emotional zugehen und Meinungsverschiedenheiten geben. Aber Gewalt hat im Fußball nichts verloren – nirgendwo.

Es gab viele kritische Stimmen gegen Hans-Joachim Watzke, weil er verbal das Klima dafür geschaffen habe, dass der Protest eskalierte. Teilen Sie diese Einschätzung?
Mintzlaff: Nein, das kann ich so nicht teilen, und das haben wir weder Herrn Rauball, noch Herrn Watzke vorgeworfen. Das Verhältnis war auch zuvor nicht schlecht, es war normal. Natürlich hat Herr Watzke ab und zu mal die eine oder andere Spitze gegen uns losgelassen, doch das gehört doch auch ein Stück weit zum Fußball mit dazu. Aber das konnten wir alles richtig einsortieren.

Einige Fans und Ultras offenbar nicht.
Mintzlaff: Das Zusammentreffen hat dazu geführt, dass wir künftig noch ein Stück respektvoller miteinander umgehen werden.

Welche Konsequenzen werden die Vorfälle von Dortmund für RB Leipzig haben?
Mintzlaff: Jeder Verein ist in der Verantwortung sicherzustellen, dass nicht nur die Gastmannschaften vernünftig empfangen werden, sondern insbesondere auch die Gästefans ohne Attacken an- und abreisen können.  Da sind alle in der Pflicht, zumal das nicht nur unseren Verein betrifft – es ist schließlich eine ligaweite Problematik. Wir wollen, dass auch weiterhin Familien und Kinder zu unseren Auswärtsspielen fahren können. Fakt ist, dass es bisher ligaweit über 60 Vorfälle gab, von denen lediglich drei uns betroffen haben. Dies muss einfach richtig eingeordnet werden, ohne dass ich damit die Vorkommnisse verharmlosen möchte.

Gibt es Aspekte des Protestes, die Sie nachvollziehen können?
Mintzlaff: Wir leben Gott sei Dank in einem freien, demokratischen Land, in dem jeder seine Meinung äußern darf. Andere Klubs zeigen, dass es andere Strukturen gibt, die alle ihre Daseinsberechtigung haben. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass jemand unser Modell nicht gutheißt. Das ist auch okay, das respektieren wir. Aber wir sind eben davon überzeugt, dass dieser Weg, den wir hier eingeschlagen haben, für uns der richtige ist.

Hat vernünftig geäußerte Kritik Einfluss auf die Entwicklung der Klubstrukturen bei RB – etwa hinsichtlich der viel kritisierten mangelnden Mitgliedermitbestimmung?
Mintzlaff: Grundsätzlich hinterfragen wir uns ständig, ob wir uns auch auf dem richtigen Weg befinden. Die Strukturen, um erfolgreicher zu sein und besser arbeiten zu können, werden permanent angepasst. Aber zum Thema Mitgliederstruktur haben wir eine klare Meinung. Die wird sich auch durch Kritik nicht ändern. Wir verstehen dieses Thema eben auf eine andere Art und Weise, als es andere Vereine tun. Aber dazu stehen wir auch und gehen diesen Weg unbeirrt weiter.

Es bleibt also bei den aktuell 17 stimmberechtigten Mitgliedern?
Mintzlaff: Unser Verein definiert sich nicht über die Mitglieder, sondern über die Werte und positiven Attribute, die wir transportieren. Wir als Vereinsführung tauschen uns öfter mit den Fans aus, da wird über alles diskutiert, sie  können alles fragen. Die Frage nach der ordentlichen Mitgliedschaft steht dabei aber nicht im Mittelpunkt.

War Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie einen Kulturkampf im Fußball würden ausfechten müssen, als sie 2014 den Job angetreten haben?
Mintzlaff: Nicht in dem Ausmaß. Aber ich habe damals auch nicht damit gerechnet, dass wir jetzt schon in der ersten Bundesliga spielen und sogar in der Winterpause auf Platz zwei stehen würden. Aber ich finde, dass dieser sogenannte Kulturkampf auch ein Stück weit ein Konstrukt der Medien ist. Wir haben so viele Klischees, die man uns vorgeworfen hat und die auch medial verbreitet wurden, gar nicht bedient: dass wir alles aufkaufen, dass es einen finanziellen Großangriff gibt, wir 200 Millionen Euro in den Kader stecken, Mario Götze & Co. verpflichten. Am Ende des Tages sind wir mit dem jüngsten Bundesligateam mit der wenigsten Bundesligaerfahrung in die Saison gegangen.

Was dem Team auch viel Akzeptanz eingebracht hat.
Mintzlaff: Neue Dinge werden in unserer konservativen Gesellschaft, die wir in Deutschland nun einmal haben, oftmals zunächst kritisch beäugt. Gerade im Fußball, wo ja nahezu jeder mitreden möchte und alles besser weiß. Aber ich finde den Prozess hochspannend: Jeder beschäftigt sich mit uns. Wenn dann noch attraktiver Fußball mit einer klaren und langfristigen Philosophie dazukommt, sind wir eine absolute Bereicherung, wie auch diverse unabhängige Umfrageergebnisse zeigen. RB Leipzig ist attraktiv für die Bundesliga.

War es Kalkül, auf diese junge Mannschaft und den Sympathieträger Ralph Hasenhüttl zu setzen, die das Image des Vereins überaus positiv prägen?
Mintzlaff: Absolut nicht. Ralf Rangnick, der Motor unseres sportlichen Erfolgs, hat mit dem Anspruch großer Nachhaltigkeit eine Mannschaft zusammengestellt und entwickelt, die jetzt Ralph Hasenhüttl tagtäglich toll weiterentwickelt. Das ist in erster Linie keine Imagefrage, sondern eine Philosophiefrage. Dass das dem Verein auch gut tut, will ich gar nicht bestreiten. Aber die Zuschauer im Stadion sollen spüren und erkennen können, dass wir hier nicht nur Spieler zusammengekauft haben, die hier kicken, weil sie gut bezahlt werden, sondern dass hier etwas Langfristiges entwickelt wird – auf dem Platz und im gesamten Klub.

Sie sind gern gut vorbereitet. Geht Ihnen die Entwicklung mit der wahrscheinlichen Qualifikation für europäische Wettbewerbe in der kommenden nicht zu schnell?
Mintzlaff: Sportlicher Erfolg kann nie schnell genug kommen. Wenn man Leistungssport betreibt, will man gewinnen. Dann kann man nicht sagen, dass wir lieber noch zwei Jahre warten würden, um alle Strukturen anzupassen. Der Sport gibt immer das Tempo und die Richtung vor. Wir müssen  schauen, dass wir die internen Strukturen im Verein so weiterentwickeln, um dem folgen können. Ich finde es toll, dass wir uns schneller als geplant entwickeln, weil das eine gewisse Dynamik in allen Bereichen des Klubs mit sich bringt. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter ist wie ein Unternehmer gefordert, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

Sie stellen zum 1. Mai einen sogenannten Chief Commercial Officer ein, bleiben aber anders als ursprünglich geplant Geschäftsführer. Warum?
Mintzlaff: Wir stellen jemanden als operativen Direktor ein, der nicht aus dem Fußball kommt, sondern in der Wirtschaft in verschiedenen Bereichen als Geschäftsführer gearbeitet hat. Das verschafft mir Luft, mich mehr um strategische Projekte zu kümmern: primär um den Stadionausbau, dazu sind weitere Projekte in Planung. In meiner Funktion als Vereinsvorstand möchte ich beispielsweise auch den Frauenfußball bei RB Leipzig stärker voranbringen.

Wie groß wird der Umbruch im Team zur neuen Saison sein, wenn Rasenballsport tatsächlich in Champions oder Europa League starten darf?
Mintzlaff: Auch hier verfolgen wir einen langfristigen Weg. Wer Ralf Rangnick kennt, kennt seine Maximen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, nach der Saison ist vor der Saison. Ralf ist Visionär, sehr weitsichtig. Er beschäftigt sich natürlich schon jetzt mit dem RB Leipzig der Zukunft und  wie das Team in der nächsten Saison möglicherweise aussehen könnte. Da gibt es verschiedene Überlegungen. Wenn wir international spielen sollten, hätten wir andere Bedürfnisse und Budgets als wenn wir nur in zwei Wettbewerben starten würden.

Fans und Kritiker beschäftigt gleichermaßen, ob RB Leipzig im Rahmen des Financial Fairplays der Uefa überhaupt europäisch spielen dürfte. Inwiefern kann das zum Problem werden?
Mintzlaff: Diesbezüglich ist öffentlich sehr viel Halbwissen im Umlauf. Ich kann versichern, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.

Und was eine mögliche Wettbewerbsverzerrung durch zwei Red-Bull-Klubs angeht?
Mintzlaff: RB Leipzig und Red Bull Salzburg sind zwei eigenständige Vereine.

Beide Klubs sind von dem Geld von Red Bull abhängig
Mintzlaff: Ich bin der Ansicht, dass jeder Profi-Klub vom sportlichen Erfolg abhängig ist.  Und das gilt auch für uns in Leipzig. Ich kann nur für RB Leipzig sprechen: Wir sehen bezüglich des Financial-Fair-Plays und hinsichtlich der Integrität des Wettbewerbs keine Probleme auf uns zukommen.

Am Wochenende gastiert der 1. FC Köln erstmals in Leipzig. Wie ist Ihr Verhältnis mit den Kölner Verantwortlichen, auch nach den Vorkommnissen im Hinspiel?
Mintzlaff: Das Verhältnis ist gut. Wir haben Herrn Spinner, Herrn Wehrle und Herrn Schmadtke zum Mittagessen eingeladen und haben einen vernünftigen und guten Austausch, auch in der Aufarbeitung der Geschehnisse rund um das Hinspiel (Kölner Ultras blockierten die Buseinfahrt des Stadions, diverse Straftaten gegen RB-Fans nach dem Spiel, Anm.d.Red.) Auch wenn ich selbst nicht dabei sein kann, weil ich in Asien unterwegs bin, freue ich mich als Rheinländer, wenn der 1. FC Köln nach Leipzig kommt, hoffe allerdings, dass die Punkte bei uns bleiben. Das würden die Kölner dann sicher auch schnell vergessen, weil sie danach an Karnevalssonntag und Rosenmontag noch genug zu feiern haben  (lacht).

Hatten sie als Bonner in ihrer Jugend und Zeit vor dem Red-Bull-Fußball eine besondere Beziehung zum „Effzeh“?
Mintzlaff: Ich war zwar kein Fan des FC, aber ich bin in Bonn aufgewachsen, da lag Köln vor der Haustür. Ich bin auch öfter ins Stadion gegangen und habe mich  gefreut, wenn Köln gewonnen hat. Später gab es dann immer mal wieder Phasen mit Höhen und Tiefen. Doch seit das „Dreigestirn“ verantwortlich ist, hat der FC eine überragende Entwicklung genommen. Man sieht, dass nachhaltige und konzeptionelle Arbeit zum Erfolg führt. Deswegen freut es mich für die Kölner Verantwortlichen, dass sie sehr an Stabilität gewonnen haben und für ihre gute Arbeit belohnt werden.

War es eigentlich Ihre berufliche Vision, eines Tages selbst einen Bundesligaklub zu führen?
Mintzlaff: Das sicherlich nicht, aber ich wollte schon immer im Sport arbeiten, weil mich das seit jeher begeistert hat. Ich habe bei Puma ein Unternehmen erlebt, dass sich extrem entwickelt hat. Als ich 2000 dort anfing, hat der Konzern 300 Millionen Euro konsolidierte Umsätze generiert. Und als ich ging, waren es zwei Milliarden. Das war eine unglaubliche Wachstumsstory, die ich unter Jochen Zeitz miterleben durfte.

Viele nehmen Sie als Quereinsteiger im Fußball wahr.
Mintzlaff: Ich habe schon seit 2003 80 bis 90 Prozent meiner Zeit mit Profifußball zu tun gehabt. Da war mein Interesse sehr groß, auch im Fußball weiterzuarbeiten. Dass ich danach in einer Agentur als Berater mit hochklassigen Spielern wie Mario Gomez oder Bernd Leno zusammengearbeitet habe, ist für meine Arbeit heute sehr hilfreich.

Sie haben auch Ferbers Frau, die Schlagersängerin Andrea Berg, gemanagt.
Mintzlaff: Dass ich mal als Manager einer Sängerin arbeite, damit hätte ich tatsächlich nicht gerechnet. Aber das hat sich damals so ergeben und hat mir auch viel Spaß gemacht. Ich möchte keinen einzigen Tag dieser Zeit missen. Auch das war eine tolle Erfahrung, in denen ich viele Mechanismen des Management-Geschäfts von einer anderen Seite kennengelernt habe. Als Quereinsteiger würde ich mich also nicht bezeichnen. Ich bin halt kein Fußballprofi gewesen, sondern komme aus der Wirtschaft. Deswegen scoute ich auch keine neuen Talente, sondern überlasse das lieber Ralf Rangnick. (mz)