Fabio Coltorti im Interview

Fabio Coltorti im Interview: „Wer sagt, dass es mein letztes Jahr wird?”

Leipzig - RB Leipzigs Routinier Fabio Coltorti spricht über seinen surrealen Karriereverlauf, Trainer Ralph Hasenhüttl und seine spezielle Rolle im Team.

Von Ullrich Kroemer 26.05.2017, 04:00
Mit 36 Jahren noch heiß auf die Champions League: Fabio Coltorti hat alle Aufstiege von RB Leipzig von der Regionalliga an miterlebt.
Mit 36 Jahren noch heiß auf die Champions League: Fabio Coltorti hat alle Aufstiege von RB Leipzig von der Regionalliga an miterlebt. imago sportfotodienst

Dass Fabio Coltorti etwas anders tickt, als die meisten Fußballprofis zeigt schon sein Urlaubsziel. Die Sommerpause nutzt der Torhüter von RB Leipzig für Zeit mit seiner Familie im spanischen Marbella – und eine Palmblattlesung auf Bali.

Die vor 5000 Jahren beschriebenen Palmblätter, heißt es, geben Informationen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft preis. Das passt gut zu Coltorti, dessen abenteuerliche Fußballreise ihn erst in die Primera Division führte, danach in die Regionalliga Nordost und nun zurück in die Champions League. „Ich spüre: Meine Reise ist noch nicht zu Ende”, sagt der Schweizer.

Fabio Coltorti, wenn Sie eines Tages ein Buch schreiben, dann könnte das den Namen „Camp Nou – Torgelow – Camp Nou” tragen, haben Sie mal gesagt. Warum?

Fabio Coltorti: Der Titel stammt von unserem früheren Psychologen Philipp Laux. Anderthalb Jahre, bevor ich 2012 nach Leipzig kam, hatte ich noch mit Racing Santander in der Primera División beim FC Barcelona im Camp Nou gespielt. Und dann plötzlich Regionalliga. Als ich meinen Vertrag beim Aufstieg in die 3. Liga so gestaltet habe, dass auch Bundesliga und Champions League eine Perspektive waren, hat er gesagt: Du wirst mal ein Buch schreiben: „Camp Nou – Torgelow – Camp Nou”. Das war damals eher Wunschgedanke, nun kann es in der Champions League Realität werden, dass ich nochmal nach Camp Nou zurückkehre.

Warum gerade Torgelow?

Coltorti: Das war der kleinste Regionalliga-Klub, sehr dörfliches Ambiente. Auf dem Weg dahin sind wir an alten Kasernen vorbeigefahren – Fußballprovinz eben. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse und es hat mir auch Spaß gemacht. Aber dann im Bus zu sitzen und das zu erleben, war doch beeindruckend. Ich habe das voll angenommen, aber der Unterschied zur Primera Division war so krass – sowas erlebt man in einer realen Profikarriere eigentlich nicht.

Fabio Coltorti wurde am 3. Dezember 1980 in Locarno geboren. 2012 wechselte der Torhüter zu RB Leipzig, als der Verein noch in Regionalligist war.

Zuvor hatte er für Racing Santander in der spanischen Primera Division gespielt und stand dabei auch gegen Top-Teams wie FC Barcelona oder Real und Atlético Madrid auf dem Feld. 

Coltorti absolvierte in seiner Karriere acht Länderspiele für die Schweizer Nationalmannschaft, gehörte 2006 zum WM-Kader, kam dort aber - wie auch der Wolfsburger Diego Benaglio - als Ersatzmann hinter Pascal Zuberbühler nicht zum Einsatz.

Haben Sie bereits damals tatsächlich für möglich, dass Ihr Weg von Spielen beim Torgelower SV Greif oder dem SV Rathenow aus zurückführen würde in die großen Stadien Deutschlands und Europas?

Coltorti: Realistisch für mich war, als ich nach Leipzig kam, dass ich noch einmal Bundesliga spiele. Das war mein Antrieb, um überhaupt nach Leipzig zu kommen. Ich hatte alles schon gespielt: Uefa-Pokal, UI-Cup, Länderspiele, eine Weltmeisterschaft. Der einzige Wettbewerb, der mir noch fehlte, war Champions League. Das war bereits damals in meinem Kopf – mehr als Traum oder Wunschgedanke. Aber ich hatte im Hinterkopf: Wenn alles optimal läuft, ist die Königsklasse zwar sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.

Weshalb haben Sie sich 2012 für diesen krassen Schritt entschieden?

Coltorti: Ich habe eigentlich zwei Karrieren. Zunächst der Aufstieg seit 2001 von der 3. Schweizer Liga bis zur WM-Teilnahme und die Jahre nach Spanien. Das waren die ersten zehn Jahre meiner Karriere. Weil ich dann in Spanien nicht mehr zum Einsatz kam, musste ich meine Karriere mit 30 neu lancieren, weil es nicht mehr realistisch war, in einer Top-Liga unterzukommen. Nach einem Zwischenjahr in der Schweiz kam der Anruf von Peter Pacult und der Neustart in Leipzig. Da war ich gerade in Marbella auf einem Spaziergang vom Hafen zum Strand. Ich hatte schon überlegt, meine Karriere zu beenden. In die 2. oder 3. Liga wäre ich nicht gegangen, RB hat mich nur Dank der Zukunftsplanungen überzeugt. Im Nachhinein ist es das Beste, was mir passieren konnte.

Was waren Ihre prägendsten Momente in diesen fünf Jahren?

Coltorti: Die Aufstiege, die ich von der Emotionalität und Intensität her genau umgekehrt zur Spielklasse wahrgenommen habe. Alle Aufstiege waren schön und speziell. Aber der wichtigste und der emotionalste für mich war der in Lotte, als wir in die 3. Liga aufgestiegen sind. Hätten wir das in der Verlängerung nicht geschafft, hätte ich meine Karriere wohl beendet. Genauso der Aufstieg von der 3. in die 2. Liga.

Was macht diese Saison so speziell, was hat Ralph Hasenhüttl der Mannschaft gegeben?

Coltorti: Er hat perfekt in den Verein gepasst wie das letzte, fehlende Teil eines Puzzles. Es ist heute nicht selbstverständlich, dass ein Trainer ohne großen Staff kommt und sich so einfügt, davon profitiert und das Gefüge voranbringt wie Ralph Hasenhüttl. Er hat die Arbeit von Ralf Rangnick perfekt fortgesetzt, seine Ideen zu den bestehenden hinzugefügt und hat mit seiner Art – präzise und zugleich sehr emotional – den richtigen Ton gefunden.

Gab es den einen Moment, in dem der Trainer das Team auf seine Seite gezogen hat?

Coltorti: Das Gefühl war von Beginn an gut. Wir haben sofort gemerkt, dass das harmoniert. Die Mannschaft musste sich im Training nicht groß umstellen, wir haben da angeknüpft, wo wir aufgehört hatten. Das war auch ein Grund dafür, dass wir schon früh in der Saison sehr erfolgreich waren.

Haben Sie schonmal einen ähnlichen Teamgeist erlebt wie in Leipzig?

Coltorti: Auf dem Niveau noch nicht. Die Mannschaft ist im Kern so solide aufgebaut, dass der Teamgeist fast nicht zu übertreffen ist. Ich hatte das mal in kleinerem Rahmen in Thun, als wir mit dem kleinsten Budget Vize-Meister in der Schweiz wurden. Bei RB Leipzig haben wir nun Teamgeist plus sehr hohe Qualität.

Sie sind ausgebildeter Grundschullehrer. Hilft Ihnen das beim Umgang mit Spielern, die fast halb so alt sind wie Sie?

Coltorti: (lächelt) Da hilft mir das, was ich alles im Fußball schon miterlebt habe, mehr. Weil ich selbst nur selten spiele und oft zuschauen muss, aber mein Verhalten und meine Einstellung im Team und im Training sich dennoch nicht verändert haben, hat das auch Strahlkraft auf die Mannschaft.

Sie sind vor allem für die Spieler in der zweiten Reihe wichtiger Ansprechpartner?

Coltorti: Ansprechpartner ist zu viel gesagt. Ich will kein Lehrmeister sein. Aber klar, gibt es Gespräche, sodass sich Situationen für einige vielleicht nicht mehr so schlimm anfühlen, wie sie scheinen. Man kann auch Phasen nutzen, in denen man mal nicht spielt, um sich besser zu machen, fitter zu werden und stärker zurückzukommen. Dabei, das zu verstehen, kann ich manchmal etwas helfen.

Wie wichtig war Ihnen das eine Spiel gegen Darmstadt, das Sie in dieser Saison absolviert haben?

Coltorti: Alle Leute meinen, dass ich besonders nervös gewesen sei, weil ich zwei Bälle habe fallen lassen. Es war emotional, ein Tag, an dem alles gepasst hat. Ich habe es genossen und habe versucht, dann für die Mannschaft da zu sein, als sie mich brauchte. Aber meine Lebensqualität ist nicht mehr davon abhängig, ob ich ein oder zehn Spiele gemacht habe. 

Was gab den Ausschlag für Ihre Vertragsverlängerung um ein Jahr?

Coltorti: Ich habe vor sechs Monaten mit Yoga angefangen, habe mich dadurch körperlich verjüngt und fühle mich topfit. Ende Januar habe ich nach Absprache mit meiner Familie in der Winterpause dem Klub gesagt, dass ich noch ein Jahr dranhängen würde. Vor zwei, drei Monaten zeichnete sich dann ab, dass ich bleiben werde. Ich fühle mich wohl, kann der Mannschaft helfen und mich selbst weiterentwickeln. Ich spüre: Meine Reise ist noch nicht zu Ende. In meiner Visualisierung wird es auch in der Champions League das ein oder andere Spiel für mich geben.

Gibt es ein ganz spezielles Ziel, was Sie im letzten ihrer Karriere noch erreichen wollen?

Coltorti: Wer sagt denn, dass es mein letztes Jahr wird?

Sie können sich noch weitere Spielzeiten vorstellen?

Coltorti: Wer weiß denn, was noch passiert? Ich schaue nächstes Jahr wieder, was geschieht. Es wird sich alles weisen, wie es sein soll.

Freuen Sie sich auf die Arbeit mit zwei weiteren Schweizer Torhütern?

Coltorti: Ach, ich bin so lange aus der Schweiz weg. Nicht speziell des Landes wegen. Ich freue mich darauf, wieder neue Leute kennenzulernen. Vielleicht kann ich mein Schwizer-Dütsch wieder etwas mehr nutzen.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach der aktiven Karriere?

Coltorti: Die Richtung ist eingeschlagen. Es geht darum, mich selbst immer weiterzuentwickeln und meine Erfahrungen weiterzugeben. Ich möchte Mentoren finden, die mir etwas lernen und nicht Studiengänge, in denen ich ein Diplom erhalte. Das kann in Physiotherapie, Osteopathie, Kräuterkunde oder Akupressur sein. Ob ich mit Kindern oder Erwachsenen arbeiten – im Sport oder nicht – ist noch völlig offen. Aber zunächst freue ich mich auf Camp Nou (lacht). (mz)