Exklusiv-Interview vor Gladbach-RBL

Bundesliga Gladbach gegen RB Leipzig: Marco Rose über seine Wurzeln in Leipzig

Leipzig - Herr Rose, wie emotional spannend ist Ihr erstes Bundesliga-Duell gegen RB Leipzig aus Sicht des heimatverbundenen Leipzigers Marco Rose?Marco Rose: Wer weiß, wie sehr ich meine Heimatstadt liebe, weiß auch, dass dieses Spiel speziell für mich ist. Das hat aber mehr mit der Tatsache zu tun, dass ich gegen einen Bundesligaklub aus der Stadt spiele, in der ich aufgewachsen bin und in der ich verwurzelt ...

Von Ullrich Kroemer 30.08.2019, 06:00
Gladbachs Trainer Marco Rose stellt sich vor dem Spiel gegen RB Leipzig den Fragen der Journalisten.
Gladbachs Trainer Marco Rose stellt sich vor dem Spiel gegen RB Leipzig den Fragen der Journalisten. www.imago-images.de

Herr Rose, wie emotional spannend ist Ihr erstes Bundesliga-Duell gegen RB Leipzig aus Sicht des heimatverbundenen Leipzigers Marco Rose?
Marco Rose: Wer weiß, wie sehr ich meine Heimatstadt liebe, weiß auch, dass dieses Spiel speziell für mich ist. Das hat aber mehr mit der Tatsache zu tun, dass ich gegen einen Bundesligaklub aus der Stadt spiele, in der ich aufgewachsen bin und in der ich verwurzelt bin.

Wie oft sind Sie in Leipzig bei Ihrer Frau und Ihrer Tochter?
Rose: So oft wie möglich. Die Flugverbindung Düsseldorf – Leipzig ist super. Wenn ich dann zu Hause bin, kümmere ich mich allerdings eher um die Familie als um Fußball.

Sie waren also am vergangenen Sonntag nicht im Stadion und haben sich RB gegen Frankfurt angeschaut?
Rose: Nein, ich habe etwas mit meiner Familie gemacht.

Finden Sie es als Leipziger generell gut, dass hier Bundesliga-Fußball gespielt wird?
Rose: Unbedingt! Viele Leute in der Region haben darauf gewartet, nicht nur Bundesliga, sondern auch Champions und Europa League zu sehen. Da ist ein absoluter Mehrwert für die ganze Region entstanden.

Wie nehmen Ihre Familie, Freunde und Bekannte RB wahr?
Rose: Positiv wie auch kritisch. Es ist wie überall im Fußball: Entweder bist du Fan, oder du bist Fan von einem anderen Verein. RB hat sich mittlerweile etabliert in der Stadt, ist ein gern gesehener Klub. Trotzdem gibt es mit Lok und Chemie natürlich Vereine, die schon länger in Leipzig verwurzelt sind.

Sie haben mal gesagt, dass man sich gut überlegen sollte, in seiner Heimatstadt als Trainer zu arbeiten. Inwiefern?
Rose: Es geht darum, dass man seine Heimat genießen will. Wenn ich in Leipzig ankomme, möchte ich in Ruhe was essen gehen, in Ruhe an einen See fahren. Ich möchte, dass meine Tochter zur Schule gehen kann, ohne dass es Thema ist, ob der Papa am Wochenende gewonnen oder verloren hat. Auf der anderen Seite wäre es natürlich herausragend, wenn du in deiner Heimat, wenn du bei deiner Familie bist, den Job ausüben kannst, den du am liebsten machst.

Haben Sie jemals ernsthaft darüber nachgedacht, nach Leipzig zu wechseln und wie konkret hat RB tatsächlich um Sie geworben?
Rose: Dazu möchte ich nichts mehr sagen. Ich bin jetzt Trainer von Borussia Mönchengladbach. Das ist das alles Entscheidende.

Als Trainer bei Lok haben Sie drei Ligen tiefer schon einmal als Trainer in Leipzig gearbeitet. Wie prägend war dieser Anfang als Trainer für Sie und die 13 Jahre zuvor als Spieler bei Lok und VfB?
Rose: Das war absolut prägend. Ich habe da meine Jugend-Ausbildung genossen, hatte eine tolle Zeit im Nachwuchs und habe es in die erste Männermannschaft geschafft. Wenn ich die Augen schließe, kann ich mich an alles genau erinnern: die Katakomben, das Stadion, der Hartplatz, die Halle. Das ist alles noch sehr präsent. Als ich dann Trainer wurde, habe ich alles wieder so angetroffen, weil sich nicht so viel verändert hatte. Ich bin dem Verein und Trainern wie Achim Steffens schon sehr dankbar dafür, was ich dort erleben und für meine Zukunft mitnehmen durfte. 

Ihr Großvater Walter hat für Chemie gespielt und war später Platzwart in Leutzsch. Hat er Ihnen etwas mitgegeben für Ihre Karriere?
Rose: Ja, wir Roses waren über ganz Fußball-Leipzig verteilt. Mein Opa Walter ist eine richtige Legende in Leutzsch. Ich war 13, als er 1989 starb. Natürlich habe ich Geschichten mitgehört, wenn wir zu Besuch waren. Auch meine Oma hat viel über ihn erzählt. Er hatte damals einen Hund, auf den ich immer aufgepasst habe. Das war meine Kernaufgabe (lacht). Er selbst hatte eine stoische Ruhe, die ich dann als Fußballer zwar so nicht hatte, aber mit den Jahren bekomme ich das auch ganz gut hin. Möglicherweise werde ich ihm ähnlicher mit den Jahren.

Prägend für Sie als Profi war die Station bei Mainz 05, als Sie mit und unter Jürgen Klopp spielten. Mit dabei war auch HFC-Trainer Torsten Ziegner. Wie gut ist der Draht heute noch?
Rose: „Ziege” war damals mein Teamkollege. Der Kontakt ist eng, von gemeinsamen Silvesterfeiern über Urlauben und regelmäßige Telefonate. Er ist ein richtig guter Freund für mich mit toller Familie.

Haben Sie Zeit, die 3. Liga und den HFC zu verfolgen?
Rose: Ich interessiere mich schon sehr für den Fußball in der Region. Vor allen Dingen, wenn es um Freunde geht. Ich schaue auch nach Halle, weiß, dass die Mannschaft unter „Ziege” mittlerweile richtig guten Fußball spielt. Sie werden auch dieses Jahr wieder oben mit dabei sein, hatten gegen Bayern II einen Ausrutscher, aber gegen Haching waren sie wieder bärenstark. Da schaue ich schon hin, auch nach Chemnitz zu David Bergner oder Jens Härtel in Rostock.

Sie haben vor dem Wechsel nach Gladbach sechs Jahre für den Salzburger Red-Bull-Klub gearbeitet. Wie gehen die Fans am Niederrhein mit Ihrer Vergangenheit um, wie wurden Sie aufgenommen?
Rose: Für mich war das nie ein Thema. Ich wurde hervorragend aufgenommen: von meinem Trainerteam, den Vereinsmitarbeitern ebenso wie von den Fans. Was mir vorher über den Verein berichtet wurde, hat sich bestätigt.

Nämlich?
Rose: Borussia Mönchengladbach ist ein Riesen-Verein, der unglaubliche Strahlkraft in Deutschland hat und auch darüberhinaus. Überall treffe ich Leute, die Gladbach-Fans sind. Der Klub ist bodenständig, mit einer gesunden Portion Selbstironie ausgestattet, entspannt und dennoch sehr ambitioniert und professionell. Max Eberl und andere leben hier vor, dass es trotz gewisser wirtschaftlicher Zwänge möglich ist, immer wieder vorn anzugreifen. Das ist eine gute, lässige Grundstimmung. So stelle ich mir das vor.

Wie bewerten Sie den angekündigten, 19-minütigen Pfeifprotest gegen das „Konstrukt“ RB?
Rose: Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen und Dinge zu kritisieren, die er nicht gut findet. Und ich finde auch, dass man diese Meinungsäußerungen akzeptieren muss. Die Proteste sollten allerdings friedlich und anständig sein und nicht unter der Gürtellinie stattfinden.

Was bietet Gladbach, was Salzburg nicht mehr bieten konnten?
Rose: Ich möchte das nicht vergleichen, weil ich herausragende Jahre in Salzburg hatte. Die Jungs werde ich genauso in Erinnerung behalten wie meine Leipziger Jungs. Wir standen im Europapokal-Halbfinale, hatten gemeinsam große Erlebnisse. Das schweißt zusammen. Und dennoch habe ich mich für den Schritt in die deutsche Bundesliga entschieden, weil es sich richtig anfühlte, den Schritt zu machen. Ich hätte ja auch in Salzburg bleiben können, um erstmals in der Vereinsgeschichte Champions League zu spielen. Und dennoch wollte ich etwas Neues machen.

Spielen die beiden emotionalen Siege, die Sie mit Salzburg gegen Leipzig gefeiert haben, noch irgendeine Rolle für das Spiel am Freitag?
Rose: Wenig, die Rahmenbedingungen sind komplett andere. Grundlegend muss man zuerst die Wucht und individuelle Qualität von Leipzig aufnehmen, die man erst einmal verteidigt kriegen muss. Und dann gilt es, Lösungen mit Ball zu finden. Was man sich nicht erlauben darf gegen Leipzig, ist es auch nur eine halbe Minute, zehn Sekunden, drei Sekunden oder auch nur eine Sekunde unaufmerksam zu sein.

Beide Teams befinden sich gerade im spielerischen Umbau. Während Julian Nagelsmann mehr Kreativ- und Ballbesitzspiel einbauen will, versuchen Sie, mehr Gegenpressing-Elemente ins Gladbacher Spiel zu implementieren. Wie sehr ähneln sich letztlich beide Spielideen?
Rose: Wenn es dann irgendwann mal so aussieht, wie es aussehen soll, sind beide Spielideen wahrscheinlich nicht weit auseinander. Es geht mir ebenso wie Julian Nagelsmann um das Komplettpaket Fußball. Aber der Weg, den man dafür gehen muss, ist noch weit. Das braucht Zeit.

Was konkret?
Rose: Das sind viele, viele Details. Zum Beispiel gegen den Ball aus der Organisation heraus den richtigen Moment zu finden, um gemeinsam zu attackieren. Wenn wir dann den Ball haben und meine Spieler im 120-Prozent-Modus sind, heißt es auch wieder etwas herunterzufahren und Klarheit in unser Spiel zu bekommen. Wir wissen, dass einiges schon erkennbar ist, wollen aber noch mehr Konstanz reinbringen. Wenn wir an etwas Neuem arbeiten, verlieren wir anderes wieder. Es ist ein Prozess, der wird eine Weile andauern. Das Wichtigste ist, dass die Mannschaft auch wirklich mit aller Kraft versucht, die neuen Ideen umzusetzen. Das ist das Allerwichtigste.

Sie haben aus Salzburg Alexander Zickler mit nach Mönchengladbach gebracht. Welche Aufgaben hat er als Stürmer-Trainer und weshalb wollten Sie ihn auch weiterhin dabei haben?
Rose: Er ist mein Co-Trainer, kann in erster Linie seine Erfahrungen an unsere Stürmer weitergeben, weil er selbst ein internationaler Topstürmer war. Er ist etwa für Torschusseinheiten zuständig, kümmert sich um die Standards und ist auch darüberhinaus ein wichtiger Ratgeber und sehr guter Freund für mich.

Was können Sie von Frankfurt lernen, das RB in der Vorwoche in der zweiten Hälfte dominiert hat?
Rose: Frankfurt hat in der Europa League im vergangenen Jahr super Tempofußball gezeigt. Dass sie es gegen Leipzig gut gemacht haben, war für mich nicht überraschend. Das ist eine Möglichkeit, Leipzig zu begegnen.

Wie gut kennen Sie eigentlich Ihren Kollegen Julian Nagelsmann?
Rose: Wir haben uns noch nicht kennengelernt. Er ist trotz seiner jungen Jahre ein sehr angesehener Trainer, der sich seinen Status durch sehr gute inhaltliche Arbeit erarbeitet hat.

Julian Nagelsmann kann ein Spiel rhetorisch in seine Einzelteile zerlegen. Ihre Credos hingegen sind: Fußball ist keine Wissenschaft. Und: Ich werde den Fußball nicht neu erfinden. Wie passt das zusammen?
Rose: Och, vielleicht ist er ja auch ein ganz lässiger Typ, der auch mal Mut zur Lücke hat? Natürlich ist es wichtig, seine Mannschaft akribisch vorzubereiten. Das mache ich auch. Aber all das, was ich mache, erfinde ich nicht neu. Das ist alles schon mal dagewesen. Und es gibt immer bessere Trainer, die das auf höherem Niveau schaffen. Ich versuche, einfach meine Arbeit so gut wie möglich zu machen und mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Da hat sich auch in der Bundesliga nichts bei Ihnen verändert?
Rose: Ich würde zumindest sagen, dass ich mich nicht verändert habe. (mz)