Kein Bundesstützpunkt mehr

Kein Bundesstützpunkt mehr: Halles Schwimmer verlieren Förderstatus

Halle (Saale) - Stars und Sternchen aus Halles Sportszene - am Montag werden sie in ihrer alten Heimat für geballte Kompetenz sorgen. Anlässlich des 60. Geburtstages ihres SV Halle kommen Olympiasieger wie Ruderer Rüdiger Reiche oder Speerwerferin Silke ...

Von Petra Szag 02.11.2018, 09:00

Stars und Sternchen aus Halles Sportszene - am Montag werden sie in ihrer alten Heimat für geballte Kompetenz sorgen. Anlässlich des 60. Geburtstages ihres SV Halle kommen Olympiasieger wie Ruderer Rüdiger Reiche oder Speerwerferin Silke Renk.

Schwimmikone Kornelia Ender wird erwartet - und auch die aktuelle Prominenz wie Bob-Olympiasieger Torsten Margis oder Halles Rio-Heldin Julia Lier sind in der Leopoldina. Sie alle wollen bei einem Kolloquium mitdiskutieren. Thema: „Jubeln künftig nur noch andere?“

SV Halle verliert Förderung in drei Sportarten

Da passt die Nachricht, die dieser Tage vom Bundesinnenministerium aus Berlin beim SV Halle hereinflatterte: Ab 2019 werden drei seiner geförderten Schwerpunktsportarten den Bundesstützpunkt-Charakter verlieren.

Neben Turnen männlich und Rudern wird die Traditionssportart Schwimmen degradiert. Erhalten bleiben in Halle nur die Bundesstützpunkte Leichtathletik und Wasserspringen. In Magdeburg sind das Leichtathletik, Kanurennsport, Rudern und nun Schwimmen.

Leistungssportreform als Auslöser

Auslöser der Neusortierung, die sich Leistungssportreform nennt, ist der Versuch, das dem deutschen Spitzensport zur Verfügung stehende Geld noch mehr auf die erfolgsversprechenden Disziplinen zu konzentrieren.

Seit 2014 wird in der Sportpolitik darüber nun schon heftig debattiert. Beteiligt daran sind neben dem Geldgeber, dem Bundesinnenministerium (BMI), auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Spitzenfachverbände. Nun endlich liegen die verbindlichen Ergebnisse vor.

Diese sind aus hallescher Sicht ernüchternd. „Wir müssen die Entscheidung respektieren, auch wenn wir sie gerade bei den Schwimmern nicht nachvollziehen können, und versuchen, das Beste daraus zu machen“, sagt sichtlich angefressen SV-Geschäftsführer Ingo Michalak.

Sachsen-Anhalt hat bis zuletzt für Halles Erhalt gekämpft

Bis zuletzt hatte man in Sachsen-Anhalt für Halles Erhalt gekämpft. „Wir sind in dem Glauben gelassen worden, dass Schwimmen auf Grün gesetzt ist“, erklärt Michalak seinen Frust.

Auch wenn die Ablösung von Meistertrainer Frank Embacher sowie der darauf einsetzende Aderlass unter den Hoffnungsträgern für Unruhe gesorgt hat. „Wir haben vielversprechende Talente, die noch Zeit brauchen und wir haben die moderne Schwimmhalle“, begründet Michalak seine Zuversicht.

Stärkste Trainingsgruppe Deutschlands in Magdeburg

Weil in der Landeshauptstadt unter Bernd Berkhahn die derzeit stärkste Trainingsgruppe Deutschlands trainiert, ist die Neu-Berufung Magdeburgs jedoch folgerichtig. Ein Doppelstandort in Sachsen-Anhalt wäre damit sinnvoll.

Doch der wurde abgelehnt. „Dabei geht es doch gar nicht darum, durch den Doppelstandort mehr Geld zu kriegen“, sagt Michalak. Allein der Imageverlust wiege schwer.

Bundestrainerstelle von Frank Embacher fällt weg

Und doch hat Halles Degradierung auch finanzielle Folgen. Das bestätigt der Leistungssportdirektor des Landessportbundes (LSB), Torsten Kunke. Die Bundestrainer-Stelle, die Frank Embacher in Halle inne hatte, fällt nun weg.

Den Zuschuss, den der Landessportbund für Halles aktuelle Cheftrainerin Heike Gabriel innerhalb der Mischfinanzierung bekommt, wird gestrichen. „Wir als Arbeitgeber werden dieses Geld nun allein aufbringen müssen, Auswirkungen auf Frau Gabriel wird die Entscheidung also nicht haben“, versichert Kunke.

Stadt Halle trägt nun mehr Kosten für die Schwimmhalle

Auch die Stadt Halle wird tiefer in die Tasche greifen müssen. Die 25.000 Euro pro Jahr vom BMI für die Schwimmhalle im Rahmen der Trainingsstättenfinanzierung fallen nun weg.

Wer nun daraus schließt, dass ebendiese Summe automatisch nach Magdeburg fließt, der irrt aber. „Wir haben noch keine Information darüber, wie die neuen Bundesstützpunkte ausgestattet werden“, sagt Kunke.

Trotzdem sollen die Kommunen nicht im Regen stehen gelassen werden. Um für das nun eingetretene Horror-Szenario gewappnet zu sein, hatte sich schon im Vorjahr die AG Spitzensport mit Sachsen-Anhalts Sportminister Holger Stahlknecht, dem Landessportbund und Olympiastützpunkt Sachsen-Anhalt (OSP) sowie den betreffenden Kommunen darauf geeinigt, gemeinsam den Fehlbetrag aufzubringen.

Schwimmer, Turner und Ruderer sind betroffen

Das wird aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Denn neben der Schwimmhalle betrifft die Degradierung auch die Trainingsstätte der halleschen Turner, für die bisher Geld floss. Die Ruderer wurden schon vorher finanziell nicht mehr unterstützt.

Seit der Wende gibt es in Halle für Ruderer und Turner den Bundesstützpunkt. Beide Sportarten verlieren jetzt ihren Status. Das konnten auch der Olympiasieg von Julia Lier 2016 im Doppelvierer sowie ein vierter Platz von Erik Kohlbach und Eric Streibler bei der Junioren-WM 2018 nicht verhindern. Turner Nick Klessing schaffte es dieses Jahr zur WM nach Doha. Halles Schwimmer wurden 2008 berufen, verlieren den Status also nach den zehn Jahren. Die Leichtathleten und Wasserspringer behalten ihren Bundesstützpunkt.

Wie aber wird das Loch gestopft? Werden die Hallen geschlossen? Oder sogar geöffnet für Jedermann-Baden und -Turnen, um Geld einzuspielen? OB Bernd Wiegand hielt sich bislang bedeckt.

Auf die MZ-Anfrage zur Zukunft der Sportstätten kam als Antwort: „Sachliche Kriterien zu dieser Entscheidung sind der Stadt nicht bekannt. Ungeachtet dessen stellt die Stadt weiterhin alle erforderlichen Sportanlagen wie bisher zur Verfügung.“

Landessportbund hält an Förderkonzept für Schwimmen, Leichtathletik und Rudern fest

Unabhängig von der Entscheidung von BMI und DOSB halten Landessportbund und OSP an dem Konzept fest, Schwimmen, Leichtathletik und Rudern in Halle und Magdeburg als Schwerpunktsportarten vorrangig zu fördern.

Dazu kommt noch der Kanurennsport in der Landeshauptstadt. „Wir müssen versuchen, die Zeit bis 2020 zu nutzen, Argumente schaffen, dass man an uns nicht vorbeikommt“, fordert Kunke.

Dann wird die Entscheidung nochmals überprüft. Medaillen müssen also her. Bei Olympia in Tokio dürfen nicht nur andere jubeln. (mz)