Fiese Tricks bei DDR gegen BRD

Handball-Duell DDR - BRD: Klassenkampf um die Olympia-Teilnahme in Montreal 1976

Magdeburg - Auch wenn Heiner Brand oder Wieland Schmidt heute in geselliger Runde über die üblen Tricks von damals herzhaft lachen können - die Begleiterscheinungen in der Olympia-Qualifikation der Handballer für Montreal 1976 aus Ost und West konnten nicht schlimmer ...

03.03.2021, 08:01
1975 kämpften die Handballer aus BRD und DDR - hier beim Hinspiel in München - um ein Olympia-Ticket.
1975 kämpften die Handballer aus BRD und DDR - hier beim Hinspiel in München - um ein Olympia-Ticket. imago sportfotodienst

Auch wenn Heiner Brand oder Wieland Schmidt heute in geselliger Runde über die üblen Tricks von damals herzhaft lachen können - die Begleiterscheinungen in der Olympia-Qualifikation der Handballer für Montreal 1976 aus Ost und West konnten nicht schlimmer sein.

„Politisch war es sehr brisant“, erinnert sich DDR-Nationaltorhüter Wieland Schmidt an die beiden Spiele gegen das Team von Bundestrainer Vlado Stenzel. „Die Atmosphäre war auf beiden Seite enorm hitzig, wir wurden im Hinspiel als sozialistische Schweine beschimpft“, erzählte Schmidt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Bundesrepublik beendet Olympia-Traum der DDR 1976

Sein DDR-Team war als WM-Zweiter der haushohe Favorit. „Ich wollte unbedingt meinen Traum von Olympia in Montreal erfüllen“, sagte der einstige Weltklasse-Keeper. Doch der Jugoslawe Stenzel, der die westdeutschen Handballer seit 1974 betreute, machte seinem Ruf als „Magier“ schon frühzeitig alle Ehre. Er setzte auf einen personellen Umbruch und schaffte mit Heiner Brand und Co. den Sprung zu Olympia, wo ein vierter Platz heraussprang.

Doch für Gesprächsbedarf sorgen heute noch das Hinspiel in München und das dramatische Rückspiel mit dem gehaltenen Siebenmeter von Manfred Hofmann, der in der letzten Aktion nach der Verlängerung den Strafwurf des bis dahin treffsicheren Hans-Joachim Engel parierte. „Ein Glücksfall, dass ich genau in dem Moment den Fuß gehoben hab“, sagte Hofmann in der NDR-Dokumentation „Kalter Krieg“ und betonte: „Mein ganzes Leben geht es nur um diesen einen Siebenmeter, das macht mich wahnsinnig.“

Für die DDR-Handballer brach am 6. März 1976 nach dem 11:8-Sieg, der nach der 14:17-Niederlage im Hinspiel nicht für das Olympia-Ticket reichte, eine Welt zusammen. „Das war ein sehr harter Schlag für uns, nicht nur für mich, auch für die gesamte Mannschaft“, erinnerte sich Engel, der bis dahin alle Strafwürfe sicher verhandelt hatte. „DDR-Sportchef Manfred Ewald hat uns richtig zusammengefaltet, wir hätten die DDR im Stich gelassen, so die Vorwürfe. Ich saß danach total fertig in meinem Zimmer“, erinnerte sich Keeper Schmidt.

Handball-Klassenkampf 1974: DDR und BRD mit fiesen Tricks

Vor allem das ganze Drumherum spitzte sich im Klassenkampf Ost gegen West zu. In München fand das Handballspiel vor 10.500 Zuschauern plötzlich auf einem Filzboden statt, so etwas hatte es zuvor noch nie gegeben. „Na gut, das war auch ein Teil des Klassenkampfes, dass jeder dem anderen zutraute, ein paar linke Tricks zu machen“, gab Heiner Brand später mit Abstand zu. Sein Kumpel Joachim Deckarm erzielte neun Tore beim 17:14-Sieg.

Im Rückspiel wurden die Brand & Co. von den 3000 Zuschauer in der Eishalle von Karl-Marx-Stadt, wo damals Olympiasiegerin Anett Pötzsch und Welt- und Europameister Jan Hoffmann liefen und sprangen, gnadenlos ausgepfiffen.

Coach Stenzel rechnete mit allen dubiosen Mitteln. „Wir müssen aufpassen, dass wir bei dem Spiel in Karl-Marx-Stadt zum Beispiel nicht im Hotel Schlafmittel in die Suppe kriegen“, meinte er und nahm Lunchpakete für sein Team mit, wofür er von den Hotelköchen traurige Blicke erntete. Trotz der 8:11-Niederlage, die zum Weiterkommen reichte, sprach er rückblickend in seiner einzigartigen Karriere von seinem „Lieblingssieg“.

Kein einziger DDR-Handballer in „Hall of Fame“ des deutschen Sports

Dabei holte er zwei Jahre später mit seinem Team den WM-Titel, die DDR dann 1980 das einzige Olympia-Gold für deutsche Handballer. Während es mit Bernhard Kempa, Heiner Brand, Joachim Deckarm und Erhard Wunderlich vier Westdeutsche Sportler in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports schafften, ist nicht ein DDR-Handballer dabei. Nur die dreifache Weltmeisterin Kristina Richter schaffte es als ostdeutsche Sportlerin in die Ruhmeshalle. „Im vergangenen Sommer wurde uns ein neuer Versuch vom DHB in Aussicht gestellt, nun schieben sie alles auf die Corona-Pandemie“, sagte Schmidt.

Der ehemalige Weltklasse-Handballer glaubt, dass es seine ehemaligen Teammitglieder mehr als verdient haben. „Frank-Michael Wahl, als Rekordnationalspieler und Ehrenkapitän des DHB, der auch als Trainer in Hameln unterwegs war, oder Leute wie Lothar Doering, der als Spieler Olympiasieger wurde und als Bundestrainer unsere DHB-Frauen zum WM-Titel führte, gehören einfach in die Hall of Fame“, betonte das Torhüter-Idol vom SC Magdeburg, der heute noch beim DHB oder beim HC Leipzig mit Torhütertalenten arbeitet. (dpa)