Oliver Minztlaff im Interview

RB Leipzig: Oliver Minztlaff im Interview über Transfers, Geld, Fans und Nagelsmann

Leipzig - Seit sich Ralf Rangnick zu Investor Red Bull verabschiedet hat, steht Oliver Mintzlaff noch mehr in der Verantwortung als zuvor. Zum Bundesligaauftakt hat die MZ mit RB Leipzigs Geschäftsführer über den heiklen Start bei Union Berlin, Leipzigs Strategie für die nächsten Jahre, das Transfer-Tauziehen um Timo Werner und den ...

Oliver Mintzlaff.
Oliver Mintzlaff. www.imago-images.de

Seit sich Ralf Rangnick zu Investor Red Bull verabschiedet hat, steht Oliver Mintzlaff noch mehr in der Verantwortung als zuvor. Zum Bundesligaauftakt hat die MZ mit RB Leipzigs Geschäftsführer über den heiklen Start bei Union Berlin, Leipzigs Strategie für die nächsten Jahre, das Transfer-Tauziehen um Timo Werner und den Stadionumbau.

Herr Mintzlaff, ihr Auftaktgegner Union Berlin hatte sich für sein Bundesligadebüt nichts sehnlicher gewünscht, als ein Spiel ohne Beteiligung von RB Leipzig. Trifft Sie so etwas?
Oliver Mintzlaff: Nicht im Ansatz. Am Ende des Tages ist Union Berlin aufgestiegen und nun Teil der deutschen Bundesligageschichte. Mich freut, dass ein Traditionsklub sich sehnlichst gewünscht hat, in der Bundesliga zu spielen und dass es jetzt geklappt hat. Von daher kann ich nur gratulieren. Wir freuen uns auf ein gefühltes Derby und sehen das sportlich fair. So wie wir alles sportlich fair sehen. 

Der Unioner Anhang hat einen Stimmungsboykott angekündigt. Weitere Aktionen sind nicht ausgeschlossen.
Unser Fokus liegt auf dem Wesentlichen. Wichtig ist, dass die Fans und alle Beteiligten ein friedliches Spiel erleben. Weil es hier um Fußball und einen sportlichen Schlagabtausch geht und nichts anderes. Da darf kein Platz sein für Gewalt und Aggression. Mich würde es schwer wundern, wenn man das bei Union jemand anders sieht. Die Vorfreude muss doch riesengroß sein, da sollte man sich mit den positiven Dingen beschäftigen und nicht damit, ob die immer gleichen Teile der Fans den anderen Klub mag oder nicht.

Was erwarten Sie von ihren Kollegen bei Union Berlin? Präsident Zingler unterstützt die Ultras bei ihren Protesten ausdrücklich.
Ich gehe davon aus, dass Vereinsverantwortliche sich ihrer Verantwortung bewusst sind.

Nach dem Spiel an diesem Sonntag folgen Partien gegen Frankfurt, Gladbach, die Bayern. Wie viel Eingewöhnungszeit genehmigen Sie Ihrem neuen Trainer Julian Nagelsmann?
Wir haben mit ihm einen langfristigen Vertrag abgeschlossen und zudem eine ordentliche Ablöse bezahlt. Wir sind dafür bekannt, dass wir nicht in Aktionismus verfallen. Der Trainer muss nicht nervös werden, wenn es mal die eine oder andere Niederlage gibt. Wir wissen, dass das eine neue Zeitrechnung ist und sich Dinge verändern und es dafür eine gewisse Eingewöhnung braucht. Wir haben einen der interessantesten Trainer der Liga und eine Reihe neuer Spieler, die erst einmal integriert werden müssen. Von daher: alles mit der Ruhe. Wir freuen uns auf den Start.

Was ist die Mindestzielsetzung für die Saison: Ist RB Leipzig ohne Champions League noch vorstellbar?
Wir wollen natürlich fortsetzen, wo wir aufgehört haben. Wir haben uns die vergangenen drei Spielzeiten immer für das internationale Geschäft qualifiziert und mit den gestiegenen Erfolgen des Vereins haben sich die Leitplanken ganz natürlich verschoben und wurden entsprechend angepasst. Wir haben mehr investiert, zahlen höhere Gehälter und natürlich ist der Anspruch, sich für den Europapokal zu qualifizieren und idealerweise für die Champions League. Mit dieser Erwartungshaltung gehen wir in unser viertes Bundesligajahr.

Apropos Leitplanken: Wie hat sich das konkret in den drei Jahren nach dem Aufstieg verändert?
Mit dem sportlichen Erfolg wächst das Budget. Wir kommentieren zwar keine Zahlen, aber unsere Leitplanken und das Budget wachsen proportional zu den Strukturen. Wir blasen kein Geld raus, sondern investieren sinnvoll. Man sieht das an unseren Transfers, die in unseren Augen nachhaltig sind. Es sind junge, hungrige Spieler, die sich weiter entwickeln sollen. Es gibt dafür in unserem Kader ja genug Beispiele: Yussi Poulsen, Ibrahima Konaté, Lukas Klostermann etc.. Dass Spieler jetzt nicht mehr zwei Millionen, sondern 15 Millionen Euro kosten, hat damit zu tun, dass wir nicht mehr der junge Aufsteiger sind, dass der Markt per se teurer geworden ist und andere Vereine erkannt haben, dass „Jugend forscht“ Sinn macht. Auf dem Markt, in dem wir fischen, sind wir auch deshalb nicht mehr alleine. 

Sie haben früher sehr offensiv kommuniziert, dass die Gehaltsobergrenze bei drei, vier Millionen Euro liegt. Wo liegt die aktuell?
Wir wurden beim Aufstieg mit einer Menge Falschaussagen konfrontiert. Etwa, dass wir die Bundesliga aufkaufen und Mond-Gehälter zahlen würden. Wir haben deshalb diese Obergrenzen in diesem speziellen Fall kommuniziert. Das machen wir heute nicht mehr. Damals aber war es wichtig, dass wir die Dinge richtig einordnen und zeigen, dass wir eben nicht mit Geld um uns werfen. Heute gehören wir wahrscheinlich bei den Gehältern zu den Top-Fünf der Liga.

Ihr Führungsspieler Marcel Sabitzer fordert wiederholt, dass es mehr Erfahrung im Kader braucht, um an die großen Titel und Pokale zu gelangen. Teilen Sie seine Ansicht?
Marcel Sabitzer ist ein fantastischer Spieler. Aber ich denke, dass unsere Strategie, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, die richtige ist. Es ist ja auch nicht so, dass wir nur jung kaufen, um wieder zu verkaufen. Sondern wir versuchen die Spieler zu halten, damit sie eben Erfahrung aufbauen und einen langen Weg mit uns gehen. Marcel Sabitzer ist dafür doch das beste Beispiel. Er ist jetzt auch schon eine Weile bei uns und hat viel an Erfahrung gesammelt. Das ist ja keine Frage des Alters, sondern wie früh ich wie oft auf welchem Niveau spiele. Er hat schon an die 150 Partien für uns gemacht (145, Anm. d. Red.). Ein 28-Jähriger hat deswegen nicht zwingend mehr Erfahrung als ein 23-Jähriger. Wir bleiben deshalb bei unserer Philosophie, ohne dass wir ganz kategorisch sagen: Das ist die Altersgrenze! Wenn es einen Topspieler gibt, von dem der Trainer, der Sportdirektor und die Scouts sagen, dass er uns hilft und er ist 25 oder 26 Jahre alt, so wie das bei Kevin Kampl der Fall war, dann verpflichten wir ihn. 

Können Sie sich mittlerweile Transfers im Wert von 30 oder 40 Millionen Euro vorstellen?
Vorstellen kann ich mir das ganz grundsätzlich vielleicht schon, aber das ist für uns momentan nicht machbar. Wenn du 40 Millionen Euro zu Verfügung hast und brauchst nur einen Spieler, dann kann man das im Zweifel machen, wenn dies in jeder Hinsicht sinnvoll wäre. Aber bei uns war es immer so, dass wir zwei, drei Transfers tätigen mussten, und dann geht so etwas nicht.

Sie waren in der vergangenen Saison nah dran an einem Titel. Wie sehen die nächsten Schritte aus, um diesen Titel in den kommenden Jahren zu holen?
Wir haben nach der Niederlage im Pokalfinale gesagt: Wir wollen wieder nach Berlin. Das war für den ganzen Verein fantastisch, nicht nur auf dem Platz. Wenn du das einmal erlebt hast, dann willst du da wieder hin. Aber wir können jetzt nicht daher kommen und melden nach drei Jahren Bundesliga diese Ansprüche an. Das wäre überheblich und auch eher unrealistisch. Wir wollen uns Schritt für Schritt weiterentwickeln, aber wir setzen uns kein Zeitlimit. Das geht auch gar nicht, denn der Sport ist nicht so konkret planbar wie etwa der Umsatz bei einem Konzern.

Wie muss man deshalb im Sport agieren?
Ich brauche eine klare Philosophie. Ich darf mich nicht von kleinen Störfeuern verunsichern lassen. Ich darf nicht gleich in Aktionismus verfallen, wenn es mal nicht so gut läuft. Und ich brauche die richtigen Leute auf den richtigen Positionen, den ich vertraue und einen gewissen Spielraum für eigene Ideen gebe.

Sie sprechen damit auch die Alltagskultur in Ihrem Verein an. Was hat sich geändert, seit Ralf Rangnick zu Red Bull gewechselt ist und Sportdirektor Markus Krösche sowie Julian Nagelsmann seine Aufgaben übernommen haben?
Gar nicht mal so viel. Zum einen ist Ralf Rangnick ja nicht komplett weg, sondern steht in seiner neuen Funktion weiterhin zur Verfügung. Und auch jetzt muss jeder im Klub für seinen Bereich Verantwortung übernehmen, das war vorher schon so. Daran ändert sich auch nichts, wenn uns jemand verlässt oder neu zu uns kommt. Das gehört zu unserer DNA.

Neue Menschen, neue Sitten. Wie ist beispielsweise Julian Nagelsmann so, wenn er morgens die Akademie betritt: Typ Strahlemann oder Morgenmuffel?
Julian Nagelsmann ist ausgesprochen positiv und versprüht gute Laune. Schauen wir mal, wie das sein wird, wenn die Englischen Wochen beginnen (schmunzelt). Aber klar, er ist begeistert von den Möglichkeiten, die wir hier haben.

Wie müssen wir uns den Alltag in der Akademie vorstellen? Heiter oder eher sachlich?
Bei uns wird schon gelacht. Wir sind ja kein Bestattungsunternehmen. Jeder arbeitet ja mehr oder weniger in seinem Hobby, das erzeugt per se erst einmal gute Laune und eine große Grundzufriedenheit.

Sie brauchen jetzt starke Nerven: Wie sehr beeinflusst die monatelange Diskussion um Timo Werner Ihre Grundzufriedenheit?
Grundsätzlich sind wir mit unseren Transfers sehr zufrieden. Bei Timo Werner gibt es aktuell noch immer keinen neuen Stand. Unser Angebot liegt vor, er bespricht sich mit seinem Berater. Aber eine zeitnahe Entscheidung wäre natürlich wünschenswert.

Timo Werner hat sich bereits dazu entschieden, ohne Verlängerung noch ein Jahr zu bleiben, wenn nicht doch noch ein großer Verein bereit ist, die Ablöse zu zahlen. Die Initiative wird von Ihnen ausgehen müssen.
Wir haben schon eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet, dass er über das Jahr hinaus bei uns bleibt.

Sie hatten eine Entscheidung bis zum Bundesligastart gefordert.
Wir werden uns irgendwann vor dem Spiel bei Union mit Karlheinz Förster (Berater von Werner, Anm.d.Red.) treffen. Fakt ist: So oder so ist Timo Werner ein wichtiger Spieler für uns.

Themenwechsel: Wie zufrieden sind Sie mit dem wirtschaftlichen Wachstum des Klubs?
Die Steigerungsraten werden natürlich kleiner. Aber unser Wachstum ist in allen Bereichen immer noch zweistellig: Im Sponsoring wachsen wir ebenfalls signifikant, aber prozentual logischerweise nicht mehr so stark wie in den ersten Bundesligajahren.

Wie viel Prozent machen die externen Sponsoringeinnahmen neben den Zuwendungen von Red Bull mittlerweile aus?
Das kommentieren wir nicht. Red Bull ist für uns nach wie vor ein strategisch wichtiger Partner und eine sehr attraktive Marke, die uns deswegen auch hilft, neue Partner zu finden. Und um die Frage vorwegzunehmen: klar ist das Sponsoring durch Red Bull gut dotiert, aber bewegt sich in einem völlig marktkonformen Rahmen. Wie Sie wissen unterliegen wir - wie jeder andere Klub, der an Uefa-Wettbewerben teilnimmt - den Financial-Fairplay-Regeln, und diese lassen auch gar nichts anderes zu.

Zum Stadion und den Fans: Nicht wenige Spiele waren in der Vorsaison nicht voll besetzt. Wie haben Sie darauf reagiert?
Wir machen auch Fehler, aus denen wir lernen. Wir hatten zu viele Vorverkaufsphasen, zu viele Preisgruppen und haben zu spät kommuniziert, welche Spiele in welche Kategorie fallen. Das haben wir günstiger und einfacher gemacht, haben 2600 Dauerkarten mehr verkauft. Das Feedback der Fans ist durchweg positiv.

Dafür haben Sie die Cateringpreise erhöht. Bier und Bratwurst sind teurer geworden, der halbe Liter Cola kostet sechs Euro.
Dafür ist Red-Bull-Cola die gesündeste. Ja, wir haben die Preise erhöht. Aber wir haben auch das Cashless-Payment-System eingeführt. Wer das als Dauerkarteninhaber nutzt, bekommt zehn Prozent Rabatt. Dadurch ist vieles dann gar nicht wirklich teurer geworden. In den nächsten zwei Jahren werden wir keine weiteren Preiserhöhungen durchführen.

Im Stadion wird aktuell gebaut. Was konkret wird in der ersten Bauphase umgesetzt?
In der Sommerpause haben wir neues LED-Flutlicht und eine neue Soundanlage installiert; dazu ist eine neue Sicherheitszentrale entstanden. Zusätzlich soll ab dem ersten Heimspiel gegen Frankfurt jeder Besucher LTE nutzen können. In der Woche findet auch der sogenannte Baggerbiss statt, der Einschnitt in den Damm, damit die Zuschauer künftig deutlich leichter ins Stadion gelangen. Dann beginnen die Arbeiten der Süd-Erweiterung mit neuen Kiosken und Toiletten und einer neuen Logistik-Infrastruktur.

Und wann beginnen Sie mit dem Umbau von Sektor B zur Stehplatztribüne?
Die Stehtribüne fasst dann 11.200 Zuschauer und soll zu Beginn der Saison 2020/21 fertig sein, ebenso wie der Damm-Durchbruch und die Erweiterung der Kioske und Toiletten.

Im Frühjahr gab es Unmut, weil sich viele aktive Fans nicht ernst genommen fühlten. Wie verständigen Sie sich mit den ultraaffinen Anhängern bei RB und was hat sich seit dem Fandialog getan?
Wir sind stolz auf die friedliche Fankultur und die familiäre Atmosphäre, die wir im Stadion haben. Das macht unseren Verein aus. Wir stehen mit allen Fans im regelmäßigen Dialog. Aber wir dulden absolut keine Gewalt und Diskriminierung. Gleiches gilt beim Thema Pyrotechnik, auch hier haben wir eine Null-Toleranz-Politik. Die Fans, die Sie ansprechen, sind ein verschwindend geringer Teil, der sich etwa beim Pokalfinale daneben benommen hat, als in einem Block, in dem sich auch viele Familien aufgehalten haben, Pyro gezündet wurde. Dagegen gehen wir scharf vor.

Gab es bereits Sanktionen?
Die Ermittlungen laufen. Aber gehen Sie davon aus, dass wir jeden, den wir erwischen, hart bestrafen werden. Wir bauen unser Stadion bis auf den Gästebereich sektorenfrei um. So etwas geht nur, wenn wir alle friedlich und achtsam miteinander umgehen.

Die sogenannte aktive Fanszene definiert sich ja nicht vorrangig über Pyrotechnik, sondern bringt mit Choreografien, gesellschaftlichen Projekten viel Energie ein. Welche Ideen haben Sie, da mehr Konsens herzustellen?
Wir haben als Verein eine große, soziale Verantwortung. Wir haben sehr wohl erkannt, dass es bei der Fanbetreuung Nachholbedarf gibt und haben jetzt Torsten Hahmann als neuen Leiter eingestellt, der hohe soziale Kompetenz und Erfahrung mitbringt. Wir erhoffen uns, dass wir deutlich mehr Anliegen und Themen der Fans besprechen und lösen können. Das war ein absolut berechtigter Kritikpunkt.

Aber?
Wir wollen für die Grundwerte der Gesellschaft einstehen, sind auch offen für soziale Themen, für die unser Verein steht und für die wir uns auch gerademachen. Wir stehen für Vielfalt und gegen Diskriminierung und Rassismus. Aber grundsätzlich ist das ein Sportverein, in dem Fußball gespielt wird. Das ist keine politische Plattform, auf der jeden Samstag neue politische Botschaften transportiert werden sollen.

RB Leipzigs Rekordtorschütze Daniel Frahn wurde gerade vom Chemnitzer FC fristlos entlassen, weil er sich mit Fans aus dem rechtsextremen Milieu umgab. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Ich kenne nur die Aussagen der Vereinsführung. Anhand derer kann ich eine klare Haltung nur begrüßen und finde die klare Sanktionierung nachvollziehbar. Persönlich war ich überrascht, ich kenne ihn als anständigen Sportsmann, der bei uns eine tolle Zeit hatte und sich immer professionell verhalten hat.

Nehmen Sie das zum Anlass, um auch mit Ihren Spielern über Einstellungen ins Gespräch zu kommen?
Wir gehen davon aus, dass unsere Spieler einen gesunden Menschenverstand haben. Natürlich gibt es Themen, bei denen wir uns austauschen. Und wir würden mit Spielern sprechen, wenn wir das Gefühl hätten, dass irgendeiner in eine bestimmte Richtung abdriftet. Aber wir haben mündige und intelligente Profis und auch durch die Vielfalt an Kulturen ein tolles Miteinander.

(mz)