Interview mit Cacau

Interview mit Cacau: „Die Menschen wurden belogen“

Stuttgart - Für den WM-Kader von Joachim Löw ist Cacau vom VfB Stuttgart kein Thema. Der Deutsch-Brasilianer spricht im Interview über seine Heimat und seine Zeit bei der DFB-Elf.

Von Jan Christian Müller 04.03.2014, 09:36

Für den WM-Kader von Joachim Löw ist Cacau vom VfB Stuttgart kein Thema. Der Deutsch-Brasilianer spricht im Interview über seine Heimat und seine Zeit bei der DFB-Elf.

Tut es Ihnen weh, morgen Abend nur als Ex-Nationalspieler in Ihrer zweiten Heimat Stuttgart auf der Tribüne zu sitzen, statt selbst auf dem Platz dabei zu sein?

Cacau: Nicht so sehr. Es hat sehr wehgetan, als ich vor der Europameisterschaft 2012 aus dem Trainingslager abreisen musste, nachdem ich aus dem erweiterten Kader gestrichen worden war. Das war hart für mich. Aber dann kamen einige schwere Verletzungen, so dass ich mich damit arrangieren musste, nicht mehr zur Nationalmannschaft zu gehören.

Sie waren bei der WM 2010 in Südafrika dabei. Was ist als prägnanteste Erinnerung haften geblieben?

Cacau: Für mich persönlich steht mein Tor im ersten Gruppenspiel gegen Australien über allem. Das war ein Traum für mich. Ich habe 1990 erstmals bewusst eine WM vor dem Fernsehen verfolgt. Deutschland wurde Weltmeister. Ich kannte viele deutsche Spieler.

In ihrer Heimatstadt Mogi da Cruzes nahe Sao Paulo, lebten Sie in sehr einfachen Verhältnissen...

Cacau: Ja. Trotzdem ist es in Brasilien so: Selbst wenn es nicht immer etwas zu essen gibt, einen Fernseher gibt es immer. Wir hatten nur einen sehr kleinen, aber wir haben die Weltmeisterschaften bei Freunden geschaut. Die hatten einen Großen.

Ihr Vater war Alkoholiker und hat die Familie bald verlassen, Ihre Mutter hat gearbeitet und drei Jungen allein großgezogen.

Cacau: Ja, und sie hat niemals gejammert. Und sie hat uns beigebracht, nicht zu jammern, auch dann nicht, wenn es einmal nur Reis zu essen gab oder wenn das Geld fürs Gas ausgegangen war und sie deshalb nicht kochen konnte. Sie hat uns Jungen auch den Blick erweitert, raus aus unserem engen Mogi da Cruzes.

Als Sie 1999 nach Deutschland kamen, hat Ihr Freund Osmar de Oliveira Ihnen sogar die S-Bahn-Karten zahlen müssen, damit Sie zum Training des Fünftligisten Türk Gücü München fahren konnten. Haben Sie auch Ausländerfeindlichkeit damals erlebt in Deutschland?

Cacau: Noch nie bewusst. Ich bin in Brasilien immer gewarnt worden, dass es in Deutschland sehr viel Rassismus gäbe. Ich habe immer nur das Gegenteil erlebt. Der Fußball hat dabei sicher eine wichtige Rolle gespielt.

Bleibt es dabei, dass Sie, Ihre Frau und die drei Kinder sich eine Zukunft in Deutschland vorstellen können?

Cacau: Wir haben in Korb (Gemeinde in der Nähe von Stuttgart, Anm. d. Red.) gebaut und wohnen schon zehneinhalb Jahre hier. Natürlich vermissen wir Brasilien sehr. Unsere siebenjährige Tochter vor allem, sie liebt es, in Brasilien mit den Cousinen zu spielen und bei unseren Urlaubs-Aufenthalten nicht zur Schule gehen zu müssen. Der fünfjährige Sohn freut sich immer wieder, nach Deutschland zurückzukommen. Ihm sind die Freunde hier sehr wichtig.

Passen Sie sich als Mensch mit deutschem Pass wieder an Brasilien an, wenn sie zurückkommen?

Cacau: Ich muss, sonst flippe ich aus. Und die anderen wären ständig sauer. Es ist nun einmal so: Eine Stärke kann gleichzeitig auch eine Schwäche sein. Die Deutschen sind pünktlich, diszipliniert, ordentlich. Das kann negativ wirken, weil man als unflexibel angesehen wird. Aber ich finde es gut. In Brasilien werde ich allerdings ausgelacht, wenn ich mit meiner Pünktlichkeit daherkomme.

Ist es Ihr Rat an die deutsche Nationalmannschaft, bei der WM alles etwas lockerer zu sehen?

Cacau: Unbedingt! Spontanität und Flexibilität sind ganz wichtig in Brasilien. Wenn ein Bus kaputt geht, fährt man eben zur Not mit fünf Autos weiter. Man kommt immer irgendwie an, sollte sich dabei aber nicht zu sehr stressen. Es gibt im alltäglichen Leben immer einen Plan B, den der Deutsche normalerweise gar nicht erst hat, weil Plan A sicher funktioniert.

Die FIFA ist sehr unzufrieden mit den Baufortschritten in einigen Städten. Ist es richtig, dass die Funktionäre Druck auf die brasilianischen Organisatoren machen?

Cacau: Völlig richtig. Der Druck ist allerdings zu spät gekommen.

Aber Brasilianer haben doch immer einen Plan B?

Cacau: Nicht bei derart großen Bauvorhaben. Wenn mal ein Bus kaputt geht oder das Licht geht aus, findet sich immer eine Lösung. Aber was die Stadien angeht, haben sie in einigen Städten halt gedacht, sie hätten sieben Jahre Zeit, das haut schon irgendwie hin. Aber es haut eben nicht von selbst hin. Ich kann nicht verstehen, dass ein Stadion für ein derart großes Turnier erst kurz vor Beginn fertig wird. Das macht mich sehr traurig.

Macht es Sie auch traurig, dass so viele Milliarden in die Stadionbauten gesteckt wurden und so wenig Geld in Infrastruktur und Bildung?

Cacau: Ja, auch das macht mich traurig. Die Regierung hat seinerzeit versprochen, dass für die Stadionbauten keine Steuergelder ausgegeben, sondern alles privat finanziert würde. Das hat sie nicht eingehalten. Mehr als 70 Prozent der Gesamtinvestitionen für die Arenen wurden aus Steuergeldern finanziert. Das kann nicht sein.

Können Sie nachvollziehen, dass es beim Confederations Cup Proteste gegeben hat?

Cacau: So lange keine Gewalt ausgeübt wurde, selbstverständlich. Die Menschen wurden schließlich belogen. Sie sehnen sich nach besseren Schulen, besseren Straßen und besseren Lebensbedingungen, was ihnen auch versprochen wurde. Und dann fragen sie sich natürlich: Warum ist plötzlich Geld vorhanden für riesige Stadionprojekte, aber nicht für Investitionen, die wirklich notwendig sind? Jeder in Brasilien weiß: Es wäre Geld für alles da, aber das Geld geht oft nicht dahin, wo es hingehört.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller.