„Effe“ und Scholl verteidigen Löw

„Effe“ und Scholl verteidigen Löw: Fan-Mehrheit will Rücktritt des Bundestrainers

Berlin - Die früheren deutschen Fußball-Nationalspieler Stefan Effenberg und Mehmet Scholl haben Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:6-Debakel in Schutz genommen.

19.11.2020, 09:04
In der Kritik: Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff.
In der Kritik: Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. www.imago-images.de

Die früheren deutschen Fußball-Nationalspieler Stefan Effenberg und Mehmet Scholl haben Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:6-Debakel in Schutz genommen.

Es sei die richtige Entscheidung an Löw festzuhalten, sagte Effenberg dem Internetportal „Sport1“ und fügte hinzu: „Im Endeffekt standen da Spieler auf dem Platz, die sehr wohl eine gewisse Qualität und zum Teil auch große Erfahrung haben. Und wenn diese Jungs das nicht abrufen, muss man auch mal mit dem Finger auf sie zeigen und nicht nur auf Jogi Löw.“

Stefan Effenberg kritisiert Toni Kroos: Kein Führungsspieler

Insbesondere Toni Kroos habe gezeigt, dass er kein Führungsspieler sei. Es sei klar zu erkennen gewesen, „dass Joshua Kimmich der wahre und richtige Leader dieser Mannschaft ist“, sagte Effenberg. Kroos sei nicht der Typ, um verbal als Führungsspieler aufzutreten.

Scholl monierte, dass der Bundestrainer das ausbaden müsse, was in der Trainerausbildung und im Nachwuchs falsch laufe. „Das hat nichts mit Löw zu tun, er kann eine Fehlentwicklung nicht an wenigen Tagen auffangen. Die neue Generation sind noch keine Gewinner“, sagte Scholl der „Bild“-Zeitung.

Die aussortierten Weltmeister Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller könnten da auch nichts mehr retten. „Es geht um die Ausbildung der neuen Generation“, sagte Scholl. Ähnlich sieht es Effenberg: „Jogi Löw hat jetzt die Chance, personell Konsequenzen zu ziehen und das muss er auch tun. In meinen Augen nicht mit Boateng, nicht mit Hummels, nicht mit Müller, sondern mit den Spielern, die er jetzt zur Verfügung hat.“

Dietmar Hamann: Löw ist beim Umbruch überfordert

Die 0:6-Pleite ist nach Ansicht des früheren Vizeweltmeisters Dietmar Hammann der hohe Preis für Sünden der Vergangenheit gewesen. In seiner Sky-Kolumne deutete der TV-Experte außerdem eine mutmaßliche Überforderung von Bundestrainer Joachim Löw bei der Gestaltung des Umbruchs an und machte den Coach auch für den Ansehensverlust des Teams in der Öffentlichkeit verantwortlich.

„Löw hatte immer herausragende Mannschaften und Spieler, die Probleme innerhalb der Kabine alleine geregelt haben. Jetzt wirkt er ratlos“, erklärte Hammann: „Er hat das Gefühl, dass er die Mannschaft nicht mehr so erreicht wie noch vielleicht vor drei Jahren. Und wenn dies der Fall ist, dann sind die Probleme tiefgründiger, als es alle wahrhaben wollen.“ Nach seiner Einschätzung mache die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) „doch ein Stück weit einen führungslosen Eindruck“.

Hamann: Ausbootung von Müller und Co. hat dem DFB geschadet

Mit Verzögerung würden sich nunmehr Versäumnisse rund um die misslungene Verteidigung des WM-Titels 2018 in Russland rächen. „Es war selbstgefällig, dass man vor der WM 2018 überhaupt nicht den Gedanken in Betracht gezogen hat, dass etwas schieflaufen könnte, und dass man den Vertrag mit Löw verlängert hat“, schrieb Hamann.

Mehr aber als der peinliche Misserfolg in Russland hätte der Nationalelf und ihrem Image die spätere Ausbootung von Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels geschadet, meinte der ehemalige England-Legionär: „Die Nationalmannschaft hat seit 2018 Stück für Stück an Glaubwürdigkeit verloren. Die Art und Weise, wie man verdiente Spieler aussortiert hat, war respektlos. Damit ging der schrittweise Verfall der Glaubwürdigkeit los.“

Mehrheit der Fußball-Fans haben genug von Löw und Bierhoff

Die deutschen Fußball-Fans haben Bundestrainer Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die Rote Karte gezeigt. In einer exklusiven und repräsentativen FanQ-Umfrage im Auftrag des Sport-Informations-Dienstes (SID) forderte die überwältigende Mehrheit die Rücktritte von Löw und Bierhoff.

84,0 Prozent der Anhänger betonten, dass sich der 60-jährige Löw nach 14 Jahren als Bundestrainer „verbraucht“ habe. Lediglich 13,3 Prozent meinten, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bis zur EURO am Weltmeistertrainer von 2014 festhalten sollte, weil man kurzfristig keinen geeigneten Nachfolger finden könne.

37,0 Prozent der 1100 Befragten äußerten, dass der DFB die Erfolgscoaches Jürgen Klopp (FC Liverpool) oder Hansi Flick (Bayern München) davon überzeugen sollte, bis zum Sommer die Mannschaft in einer Doppelfunktion als National- und Klubtrainer zu übernehmen.

Deutschlands Fans fordert Comeback von Müller, Hummels und Boateng

31,4 Prozent halten U21-Coach Stefan Kuntz, Europameister von 1996, für die einfachste und beste Lösung. 24,1 Prozent der Befragten gaben ihrer Überzeugung Ausdruck, dass auch ein renommierter Trainer wie Jupp Heynckes, 2013 Triple-Gewinner mit dem FC Bayern, ein geeigneter Kandidat wäre, um die Nationalmannschaft bis zur EURO im Sommer erfolgreich zu betreuen.

Klar ist auch für die Fans, dass die von Löw aussortierten Stars Thomas Müller, Jerome Boateng (beide Bayern München) und Mats Hummels (Borussia Dortmund) wieder Teil des viermaligen Weltmeisters sein sollten. 85,4 Prozent der Befragten forderten ein sofortiges Comeback des Trios. Nur 11,7 Prozent sind der Meinung, dass man trotz der 0:6-Pleite in Spanien weiterhin den jungen Spielern vertrauen sollte.

DFB-Direktor Bierhoff hat derweil ebenfalls das Vertrauen der Fangemeinde verloren. 73,5 Prozent fordern seinen Rücktritt, denn sie sehen (auch) bei ihm eine Verantwortung für den sportlichen Misserfolg und für die Entfremdung zwischen Fans und DFB-Team. Lediglich 18,6 Prozent sind der Überzeugung, dass der 52 Jahre alte EM-Held von 1996 weiter als Nationalmannschaftsmanager tätig sein sollte. (dpa/sid/mz)