Empörung über Schur

Empörung über Täve Schur: Verharmlost er Doping-Geschichte der DDR und verhöhnt Opfer?

Köln - Er verklärt den DDR-Sport, verharmlost die Doping-Geschichte und verhöhnt damit die Opfer: Radsportidol Gustav-Adolf Schur hat mit einem Interview am Donnerstag für Entsetzen und Entrüstung gesorgt. Die ohnehin hitzige Diskussion über die Nominierung von „Täve“ für die Hall of Fame des deutschen Sports erreichte umgehend neue Dimensionen. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, Trägerin der virtuellen Ruhmeshalle, distanzierte sich postwendend von Schur. Ein Rückzug der Nominierung blieb aber zunächst aus - auch weil der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), von dem die erneute Nominierung des seit jahrzehnten umstrittenen DDR-Vorzeigesportlers Schurs ausging, auffallend zurückhaltend ...

Der ehemalige Radsportler Gustav-Adolf «Täve» Schur posiert mit einem Rennrad.
Der ehemalige Radsportler Gustav-Adolf «Täve» Schur posiert mit einem Rennrad. dpa-Zentralbild

Er verklärt den DDR-Sport, verharmlost die Doping-Geschichte und verhöhnt damit die Opfer: Radsportidol Gustav-Adolf Schur hat mit einem Interview am Donnerstag für Entsetzen und Entrüstung gesorgt. Die ohnehin hitzige Diskussion über die Nominierung von „Täve“ für die Hall of Fame des deutschen Sports erreichte umgehend neue Dimensionen. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe, Trägerin der virtuellen Ruhmeshalle, distanzierte sich postwendend von Schur. Ein Rückzug der Nominierung blieb aber zunächst aus - auch weil der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), von dem die erneute Nominierung des seit jahrzehnten umstrittenen DDR-Vorzeigesportlers Schurs ausging, auffallend zurückhaltend reagierte.

Täve Schur: Den DDR-Sport als kriminell zu bezeichnen, ist „völliger Quatsch“

„Der DDR-Sport war nicht kriminell, sondern vorzüglich aufgebaut: Der Aufbau der sportlichen Gesundheit der Bevölkerung aus den Kindergärten heraus über den Schulsport bis hin zu den Leistungssporteinrichtungen war einmalig“, hatte Schur der Zeitung Neues Deutschland gesagt. Den DDR-Sport als kriminell zu bezeichnen, sei „völliger Quatsch“. Der Sport in der DDR sei „gut“ gewesen, sagte der 86-Jährige, weil er „beispielhaft den Aufbau der Gesundheit vorantrieb und dabei auch noch international erfolgreich war“.

Er kenne „diese Berichte“ über Minderjährigendoping in der DDR, ergänzte Schur, ging aber nicht weiter darauf ein. Die Frage sei, „was wir denn noch vom Westdoping in Erfahrung bringen können“, sagte Schur. „Nur soviel: Wir hatten in der DDR keine Dopingtoten, anders als im Westen.“ Er erwähnte in diesem Zusammenhang den Tod der Leichtathletin Birgit Dressel vor 30 Jahren. Die seit Tagen andauernde Kritik von Doping-Gegnern wie Ines Geipel, der Vorsitzenden der Doping-Opfer-Hilfe (DOH), oder Hall-of-Fame-Mitglied Henner Misersky, der als Skilanglauftrainer in der DDR Dopinggaben verweigert hat, bezeichnete der einst populärste DDR-Sportler als „gezielte Provokation“.

Doping-Gegnerin Ines Geipel reagierte mit Fassungslosigkeit auf die Aussagen

Geipel reagierte mit Fassungslosigkeit auf die Aussagen. „Schur erklärt sich für anständig, ignoriert aber ein Leben lang den Schmerz politisch Andersdenkender. Er blendet historische Wahrheiten nicht einfach aus, sondern lügt besseren Wissens. Das hat was Scheußliches, ist aber seit langem bekannt. Seine Nominierung für die Hall of Fame ist mehr denn je untragbar“, sagte die DOH-Vorsitzende dem SID. Sporthilfe-Chef Michael Ilgner meinte, dass zu den Sporthilfe-Werten 'Leistung, Fairplay, Miteinander' das Bestreben gehöre, „Brücken zu bauen, dabei aber auch notwendige Kontroversen auszuhalten“. Schurs jüngste Aussagen „passen jedoch nicht zu unserem Werte-Leitbild“. Ilgner betonte aber auch: „Den laufenden Wahl-Prozess zur Hall of Fame des deutschen Sports möchte ich darüber hinaus zunächst nicht weiter kommentieren.“

Angeblich wurde Täve Schur auf Druck ostdeutscher Mitglieder nominiert

In diesem Punkt äußerte sich der DOSB nahezu wortgleich, verzichtete auf dem sportpolitischen Minenfeld aber auf Kritik: „Eine Hall of Fame ist eine besondere Herausforderung und muss auch Widersprüchlichkeiten wie gesellschaftliche Brüche aushalten. Dadurch trägt sie zur Diskussion über kritische Themen im Sport bei.“ Angeblich hat der Dachverband Schur auf Druck zahlreicher ostdeutscher Mitglieder nominiert. Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages und selbst Jury-Mitglied, kündigte an, Schur nicht zu wählen. „Wer keinerlei Distanz zu den erwiesenen Machenschaften des damaligen Sportsystems erkennen lässt, gehört aus meiner Sicht nicht in die Hall of Fame“, sagte Freitag dem SID.

2006 gegründete Hall of Fame hat derzeit 104 Mitglieder

Auch der VDS-Vorsitzende Erich Laaser ging auf Distanz: „Wer ein Vorbild sein soll und will, muss eine entsprechende Geisteshaltung besitzen. Das Interview mit Herrn Schur zeigt dessen Haltung sehr deutlich.“ Gut möglich also, dass nun auch der zweite Versuch, Schur in die Hall of Fame aufzunehmen, scheitern wird, nachdem ein erster Vorstoß 2011 ähnlich hohe Wellen geschlagen hat. Damals war Schur von der Jurymehrheit abgelehnt worden.

Derzeit sind 93 Juroren stimmberechtigt, darunter die noch lebenden Mitglieder der Ruhmeshalle. Für eine Aufnahme Schurs muss mindestens die Hälfte der abstimmenden Mitglieder mit „ja“ stimmen. Die Wahl läuft bereits, einen konkreten Stichtag für das Ende gibt es derzeit nicht. Die 2006 gegründete Hall of Fame hat derzeit 104 Mitglieder, von Ruder-Goldschmied Karl Adam bis Jahrhundert-Handballer Erhard Wunderlich. Einige sind lange umstritten, unter anderem die ehemaligen NSDAP-Mitglieder Josef Neckermann und Willi Daume - oder auch eine weitere Aufnahme-Kandidatin, Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler.

Außerdem stehen noch Skispringer Sven Hannawald, Kombinierer Franz Keller und Fußball-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus auf der aktuellen Wahlliste. Sie alle seien laut Sporthilfe „mit der nötigen Sorgfalt analysiert und auf Unbedenklichkeit überprüft“ worden. (sid)