Hilfe in Not Wie umgehen mit schweren Geschichten mit offenem Ende?
Ob Tag, ob Nacht - unter 0800 1110111 ist immer jemand erreichbar. Die Ehrenamtlichen am Telefon unterhalten sich mit den Menschen, die das brauchen. Doch mit wem genau sie sprechen, wissen sie nie.

Halle - Wenn Seelsorgerin Rita Ebken ans Telefon geht, kann alles passieren. Am anderen Ende der Leitung können Menschen sein, die einsam sind; Menschen, denen sonst niemand zuhört; Menschen, die nicht alleine beten wollen. Es können aber auch Menschen sein, die Verbotenes getan haben; Menschen, die überlegen, sich das Leben zu nehmen; Menschen, die Probleme mit ihren Kindern haben; Menschen mit einer Sucht; Menschen in akuter Not. „Alles, was sich selbst begegnen kann, kann dir auch am Telefon begegnen“, erzählt Ebken.
Was die Anrufenden eint: Sie brauchen dringend jemanden zum Reden. Jemanden, der sie nicht kennt und den sie nicht kennen - und auch nicht kennenlernen werden. Dieser Person wollen sie frei ihre Geschichte erzählen. Es kann um Ängste, um Erschöpfung, um Ratlosigkeit, aber auch um tabuisierte Themen wie Sucht und Sexualität gehen. In den meisten Fällen bleibt es für Ebken und die anderen Ehrenamtlichen bei diesem einen Gespräch mit der Person - und damit auch bei einem offenen Ende der Geschichte.
Es gibt auch bekannte Stimmen
„Hier wird jeder ernst genommen“, betont Ebken, die aus Sicherheitsgründen nur wenig über sich preisgeben möchte. Die Telefonseelsorge soll niedrigschwellige Hilfe sein. Auch und vor allem dann, wenn andere Angebote nicht erreichbar oder zugänglich sind.
Meist nicht zu wissen, wie die Geschichte ausgeht, ergibt sich vor allem dadurch, dass Anonymität bei der Telefonseelsorge oberste Priorität hat. So wird den Ehrenamtlichen nicht die Nummer des Anrufenden angezeigt. Nach einem Namen wird auch nicht gefragt. Manchmal sei es so leichter, Themen auszusprechen, erklärt Ebken. Aus ganz unterschiedlichen Gründen könnten Menschen in eine Situation geraten, die sie als ausweglos und nicht mehr zu ertragen empfinden.
Unter den Anruferinnen und Anrufern sind auch Menschen, die regelmäßig die Nummer der Telefonseelsorge wählen, sogenannte Mehrfachanrufer, so Ebken. „Menschen, die alleine sind und niemanden zu sprechen haben, für die wir ganz wichtig sind. Diese Menschen wollen und müssen gehört werden.“
Warum das fremde Ohr nicht immer gleich erreichbar ist
Angerufen werden kann immer: 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. „Hier steht das Telefon nie still, auch in der Nacht nicht“, sagt Ebken.
Versucht wird, die Anrufe immer an die regional am nächsten gelegene Stelle der Telefonseelsorge zu verbinden. Die Arbeit der Ehrenamtlichen wird über Spenden finanziert. Für die Stellen in Magdeburg und Halle zahlt unter anderem die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKMD). Einem Sprecher nach sind es jährlich 135.000 Euro sowie die Personalkosten für die beiden Pfarrerinnen, die in den Einrichtungen als Leiterinnen arbeiten. Landesbischof Friedrich Kramer sprach den haupt- und ehrenamtlich Menschen dort seinen „hohen Respekt“ aus.
Die Seelsorgerinnen und Seelsorger telefonieren aber nicht nur aus Halle und Magdeburg, auch in Erfurt, Leipzig, Berlin und anderen Städten gibt es Stellen. Insgesamt sind es in Deutschland laut EKMD 105 Standorte. Alleine in Magdeburg wurden im vergangenen Jahr 14.626 Anrufe gezählt. Hinzu kommen 899 Kontakte per Mail, auch das gehört zum Angebot der Telefonseelsorge.
Gründliche Ausbildung
Telefonische Lebensunterstützung gibt es auch speziell für Kinder Jugendliche. Das wohl bekannteste Angebot ist die „Nummer gegen Kummer“. „Junge Menschen können sich hier bei den vielfältigen Fragen ihres Lebens anonym am Telefon beraten lassen“, betont die Landesregierung auf ihrem Internetauftritt.
Bevor Ehrenamtliche als Seelsorger tätig werden, lernen sie, was auf sie zukommt. So hat Ebken über ein Jahr eine Ausbildung gemacht. Das soll den Ehrenamtlichen helfen, für die verschiedensten Eventualitäten möglichst gut gewappnet zu sein. „Während der Ausbildung findet man ganz viel über sich und auch über seine Grenzen heraus“, erinnert sie sich. Das Team der Telefonseelsorge bestehe aus ganz unterschiedlichen Menschen - und momentan nur wenigen Männern, sagt Ebken. An der Stelle in Halle werden derzeit Freiwillige gesucht.
Zuverlässig und psychisch belastbar
In der Saalestadt arbeiten Ehrenamtliche zwischen 23 und 84 Jahren. Die spezielle Ausbildung ist Grundvoraussetzung für das Ehrenamt. Das Team in Halle trifft sich unter anderem zu Weiterbildungen und einmal im Monat zur Supervision. Dort besprechen sie auch besonders schwere Gespräche und den Umgang damit. „Wer hier mitarbeitet, muss zuverlässig und psychisch belastbar sein“, beschreibt Ebken.
Eine Mitarbeit scheitere manchmal daran, dass Interessierte es sich anders vorstellen, als es wirklich ist, bei der Telefonseelsorge zu arbeiten. „Zum Beispiel telefonieren wir nicht von zu Hause - unter anderem zum Schutz der Anonymität der Anrufenden und der Seelsorgerinnen und Seelsorger.“
Die Facetten des Lebens am Apparat
Die Telefonseelsorge ist schon lange Teil von Ebkens Leben. Durch das Ehrenamt trägt sie auch viele schwere Gespräche in ihrem Herzen, wie sie erzählt. Aber auch aus diesen Gesprächen könne sie zufrieden rausgehen. „Wenn es ein gutes Ende findet, ein gemeinsames Lachen oder so etwas“, sagt sie. Auch am Telefon sollte man immer so bleiben, wie man ist, sich nicht verstellen, sagt die Seelsorgerin.
„Ich wollte immer was zurückgeben von meinem Glück im Leben. Ich hatte eine schöne Kindheit, habe es immer gutgehabt“, antwortet sie auf die Frage, warum sie Fremden regelmäßig diesen Dienst erweist. „Ich bin dem Leben dankbar“, sagt sie mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. „Wenn man hier arbeitet, lernt man das Leben nochmal von einer anderen Seite kennen. Und ich weiß noch mehr zu schätzen, wie gut es mir geht.“