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Jugendkriminalität Neue Schülerrichter in Sachsen-Anhalt gesucht

Beleidigung, Körperverletzung oder sexuelle Belästigung: Werden Jugendliche straffällig, entscheiden in manchen Fällen Gleichaltrige über die Konsequenzen. Warum das sinnvoll sein kann.

Von dpa 05.01.2026, 04:00
Die Jugendlichen sprechen mit den Tätern über weit mehr als nur die Tat.
Die Jugendlichen sprechen mit den Tätern über weit mehr als nur die Tat. Matthias Bein/dpa

Elbingerode - Straffällige Minderjährige sollen in Sachsen-Anhalt künftig immer öfter von Gleichaltrigen statt von Jugendrichtern bestraft werden. In Salzwedel, Gardelegen, Sangerhausen, Naumburg, Halle und Bitterfeld-Wolfen sollen dafür neue sogenannte Schülerrichter ausgebildet werden. Ihr Vorbild: die jugendlichen Richterinnen und Richter aus Elbingerode im Harz. In Jeans und Pulli statt Robe setzen sich junge Menschen dort schon seit 18 Jahren mit Bagatellfällen und den Täterinnen und Tätern auseinander. 

Häufig geht es um Beleidigung, Sachbeschädigung oder Diebstahl, in anderen Fällen jedoch auch um Körperverletzung oder sexuelle Belästigung, erzählt Niklas Roloff, der selbst einmal Schülerrichter in Elbingerode war, mittlerweile Rechtswissenschaften studiert und das Projekt im Anti-Gewalt-Zentrum Harz mit betreut. Die Idee jener Jugendlichengerichte oder „Teen Courts“ stammt aus den USA. 

Deutschlandweit gibt es mehrere solcher Gerichte, das erste Gerichte dieser Art seit 2000 im bayerischen Aschaffenburg. Welche Fälle die Jugendlichen übernehmen dürfen, entscheiden die jeweils zuständigen Staatsanwaltschaften. Das Justizministerium in Sachsen-Anhalt hat nun noch einmal eine Ausweitung des Projektes beschlossen.

Einsicht statt Strafe

In Gremien, die aus mehreren Schülerinnen und Schülern bestehen, treten die Jugendlichen als Richterbank auf. Im Team sitzen sie den Täterinnen und Tätern im Alter von 14 bis 18 Jahren gegenüber, sprechen mit ihnen nicht nur über ihr Vergehen, sondern auch über ihre Familie, ihre Freunde, darüber, wie es ihnen geht und was sie beschäftigt. Nicht selten wird dabei deutlich, warum die Täterin oder der Täter straffällig geworden ist. Möglich wird das, weil Beschuldigte und Richtende in einem Alter sind - und damit auf Augenhöhe miteinander sprechen. 

Dem Justizministerium nach haben die Jugendlichen im Harz seit der Gründung des Gremiums 2007 mehrere Hundert Fälle bearbeitet. Im Laufe der letzten Jahre hätten sich die Taten jedoch verändert, beschreibt Roloff. „Es wird rauer - wie in der gesamten Gesellschaft.“ Manche Fälle seien komplizierter und beschäftigen das Team weit über die Verhandlung hinaus. 

Die Schülerrichter verhängen keine Strafen, sie sanktionieren. Es geht um Einsicht und Erziehung, nicht um Bestrafung. Manche Täter sollen nach der Verhandlung vor dem Jugendlichengericht eine Collage anfertigen, andere lesen im Kindergarten vor oder schreiben Songtexte. 

Schulung als Grundlage

Während es im Harz eine feste Gruppe von Schülerrichtern gibt, steckt das Projekt in anderen Städten noch in den Startlöchern. Soll ein neues Schülergremium gegründet werden, heißt es zunächst vor allem eins: netzwerken - mit den Staatsanwaltschaften, der Polizei und der Jugendgerichtshilfe, sagt Evelyn Zinke. Die Anti-Aggressivitäts-Trainerin leitet das Schülergremium im Harz seit seiner Gründung. Die Schülerrichter packten die Täter „ganz anders an“, beschreibt sie. Das mache die Arbeit der Jugendlichen gut und wichtig. Davon müsse man gleich zu Beginn überzeugen, so Zinke. 

In Halle soll ab 2026 ein Schülergremium entstehen, erklärte die Staatsanwaltschaft der Saalestadt auf Anfrage. Die jugendlichen Richterinnen und Richter seien derzeit noch nicht abschließend ausgewählt worden. Bevor sie ihre Arbeit aufnehmen, wolle die Staatsanwaltschaft sie schulen, hieß es. Ziel sei es, den Jugendlichen „grundlegende Einblicke in strafrechtliche Fragestellungen“ zu vermitteln. Geplant sei, dem Gremium im Monat etwa zwei Verfahren zu übertragen. 

Weniger Interesse unter Jugendlichen

Justizministerin Franziska Weidinger ist überzeugt von dem Konzept und der geplanten Ausweitung. „Mit jedem weiteren Standort erhalten mehr Jugendliche in Sachsen-Anhalt die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte fair zu lösen und Demokratie im Alltag praktisch zu erfahren“, sagt die CDU-Politikerin. Die Schülergremien werden vom Ministerium finanziell unterstützt.

Kai Hintzberg will in den kommenden Monaten ein Schülergericht in Naumburg ins Leben rufen. Gar nicht so einfach, erzählt er. Es sei schwierig, Jugendliche zu finden, die sich engagieren wollen und dafür auch geeignet seien. Das bestätigt auch Roloff: „Das Interesse an den Schulen ist auf jeden Fall weniger als früher. Wir versuchen, auch Sekundarschüler davon zu überzeugen, Schülerrichter zu werden. Aber das ist schwierig. Oft haben die Kinder einfach nicht die Zeit und die Bereitschaft sich zu engagieren wird geringer.“

„Wir können die Welt nicht retten“

Ein Schülerrichter zu sein, ist für die 16 Jahre alte Nina eine Bereicherung, findet sie. „Hier mitzumachen bringt einem in so gut wie allen Bereichen was, finde ich. Wir lernen zum Beispiel, wie man gut spricht oder etwas über Körpersprache.“ Ihr Nachname soll nicht bekanntwerden - immerhin tritt sie während der Verhandlung auf Jugendliche, die in der gleichen Region wie sie aufwachsen. Da sei immer auch Vorsicht geboten, betont Zinke. 

Gut arbeiten könne ein Gremium nur, wenn sich die Jugendlichen untereinander gut kennen und eine homogene Gruppe sind, sagte die Harzer Projektleiterin. Immer wieder komme es auch vor, dass die Schülerrichter das Bedürfnis haben, zu erfahren, wie es mit den Täterinnen und Tätern weitergegangen ist, erzählt sie. Für die Jugendlichen sei das unbefriedigend, jedoch nicht zu ändern. „Damit muss man auch lernen umzugehen. Ich sage den Schülerrichtern auch immer, dass wir die Welt nicht retten können.“