Tierpräparator Löwenstarker Abschied: Gothaer Präparator geht in Ruhestand
Vom kleinen Raubkatzen-Modell als Kind bis zum großen See-Elefanten aus Antarktis-Haut: Wie ein Gothaer Präparator die Kunst, das Vergängliche zu bewahren, zum Lebenswerk machte.

Gotha - Der Löwe ist schon weg. In der Werkstatt von Peter Mildner im Gothaer Perthesforum erinnert nur noch ein Schädelmodell aus Hartschaum, woran der zoologische Präparator der Friedenstein Stiftung zuletzt gearbeitet hat: Bono, ein Angola-Löwe aus dem Zoo in Halle, der mit bernsteinfarbenen Augen und geneigtem Kopf würdevoll und mit ruhigem Ausdruck seinem Betrachter entgegenblickt.
„Wenn die Augen nicht stimmen, kann der Körper noch so perfekt sein, aber das Tier wirkt nicht lebendig“, sagt Mildner, dessen Anspruch bei der Arbeit es immer war, das Charakteristische aus dem Dargestellten herauszuarbeiten.
Nach Jahrzehnten als zoologischer Präparator in Gotha legt der umtriebige 64-Jährige nun Pinzette, Skalpell und Spatel aus den Händen. An diesem Sonntag wird er mit einer Prozession und der Präsentation von Bono im Festsaal von Schloss Friedenstein nach fast 48 Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet, bevor das präparierte Tier dauerhaft in der Ausstellung im Westturm seinen Platz einnimmt. Damit schließt sich in gewisser Weise der Kreis von Mildners beruflicher Laufbahn, die nicht nur mit einem Löwen endet, sondern auch mit einer Löwin begann.
Von der Kinderleidenschaft zum Lebensberuf
Ein kleines Raubkatzenmodell-Modell, das er als Siebenjähriger modelliert hatte, öffnete ihm Ende der 1960er Jahre das Tor zur Wismarer Zeichenschule. Sie bildete die kreative Basis seines späteren Schaffens als zoologischer Präparator. „Mich haben schon im Kindheitsalter Tiere, Körperzeichnungen und die Anatomiebücher meiner Mutter fasziniert“, erzählt Mildner in dem ihm eigenen schnellen Redefluss, während seine Finger ebenso flink aus Alufolie einen Hund kreieren.
„Pitti“ - wie Mildner liebevoll genannt wird, seit er einmal eine junge Elster aufgepäppelt hat - ist seit 1978 als Tierpräparator für die Natur-Sammlungen in Gotha tätig. Über die Jahre schuf er viele Präparate, Illustrationen für Ausstellungen und Modelle. „Das Wichtigste ist das Gesicht, ich fange deswegen immer mit dem Kopf an.“ Das Material spielt dabei keine Rolle: ob Ton, Gips, Plastilin oder Suralin, sogar mit dem Wachs einer Käseverpackung oder einem alten Pralinenpapier kann Mildner Chamäleon, Säbelzahnkatze und Pottwal im Kleinformat erschaffen.
Giganten und Glasaugen
Eine seiner herausfordernden Arbeiten war aufgrund der schieren Größe ein drei Meter langer See-Elefant. Das Präparat fertigte er unter anderem mit der Haut, die Forscher Anfang der 1990er Jahre aus der Antarktis mitbrachten. Ein gutes Beobachtungsvermögen, Geschicklichkeit und ein Verständnis der funktionellen Anatomie sieht Mildner als unerlässlich für seinen Job.
„Mein Antrieb war stets, das Vergängliche zu erhalten - und das Gestalterische.“ So besitzt Mildner etwa eine Sammlung von mehreren tausend Tieraugen, die in Einmachgläsern schwimmen und als organische Vorbilder der Glasaugen dienen, die auf einem Fensterbrett in den unterschiedlichsten Farben und Pupillenformen seiner Werkstatt lagern.
Während Mildner in seiner Werkstatt Kisten mit Gipsmasken etwa von Schimpanse und Vielfraß sowie Werkzeug und Abgüsse sortiert, macht er sich Gedanken über die Zukunft. Denn einen Nachfolger für ihn gibt es bisher nicht. „Trotz der angespannten Haushaltslage tun wir alles, um die Stelle zu erhalten“, beteuert der Direktor der Friedenstein Stiftung Gotha, Tobias Pfeifer-Helke, der zugleich den unermüdlichen Schaffensdrang seines langjährigen Mitarbeiters würdigt: „Seine Arbeiten sind ein wesentlicher Bestandteil vieler Ausstellungen.“
Oft schwierige Stellensituation
Auch wenn Mildner seinen Job für den vielseitigsten hält, so ist es doch in der Ausbildung ein Nischenberuf. Präparatoren arbeiten nicht nur in Museen und Universitäten, sondern etwa auch in Forschungseinrichtungen und der Rechtsmedizin.
„Die Stellensituation ist je nach Bundesland unterschiedlich und aufgrund der begrenzten Anzahl an Positionen nicht immer einfach“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Präparationstechnik, Michele Kaiser. In der Praxis zeige sich jedoch, dass engagierte und interessierte Absolventen in der Regel gut unterkämen und erfolgreich eine Anstellung finden würden - auch im Ausland. Zudem machten sich viele Präparatoren nach ihrer Ausbildung erfolgreich selbstständig. Nachwuchsprobleme sieht der Berufsverband nicht.
Seine Berufung lässt Mildner auch im Ruhestand nicht los: „Ich bin nicht untätig, bloß weil ich in Rente gehe.“ Zwar will er keine Auftragspräparationen machen, aber Kollegen unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen oder Workshops halten. Während seines Berufslebens betreute er dutzende Praktikanten und organisierte überregionale Weiterbildung.