Berlinale Goldener Bär geht an „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak
Erstmals seit mehr als 20 Jahren gewinnt der Film eines deutschen Regisseurs den Hauptpreis: İlker Çatak erzählt in „Gelbe Briefe“ von politischer Unterdrückung. Auch Sandra Hüller wird ausgezeichnet.

Berlin - Das Politdrama „Gelbe Briefe“ des Berliner Regisseurs İlker Çatak hat den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen. Das gaben die Internationalen Filmfestspiele in Berlin bekannt. Damit erhält erstmals seit mehr als 20 Jahren der Film eines deutschen Regisseurs die wichtigste Auszeichnung des Festivals. Zuletzt hatte „Gegen die Wand“ von Fatih Akin im Jahr 2004 den Goldenen Bären gewonnen.
Regisseur und Drehbuchmitautor Çatak („Das Lehrerzimmer“) erzählt die Geschichte eines türkischen Künstlerpaares aus der Theaterwelt, das politisch unter Druck gesetzt wird. Die beiden geraten wegen ihrer Positionierung zunehmend in Not. Sie sollen mundtot gemacht werden.
Jurypräsident Wim Wenders sagte, man könne den Film als furchtbare Vorahnung verstehen, „als einen Blick in die nahe Zukunft, die möglicherweise auch in unseren Ländern passieren könnte“. „Er ging uns allen unter die Haut, die in ihrem Land oder in ihrer Nachbarschaft die Zeichen der Willkür sehen.“
Sandra Hüller als beste Hauptdarstellerin geehrt
Schauspielerin Sandra Hüller wurde mit einem Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle ausgezeichnet. Die 47-Jährige erhielt die Auszeichnung für ihre Rolle im Drama „Rose“ von Markus Schleinzer.
Hüller verkörpert darin eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert in einem kleinen, abgelegenen Dorf als Mann ausgibt. Die Thüringerin gewann bereits 2006 den Silbernen Bären als beste Darstellerin für ihre Rolle in dem Drama „Requiem“.
Wer noch ausgezeichnet wurde
Den Großen Preis der Jury erhielt die Tragödie „Kurtuluş“ des türkischen Regisseurs Emin Alper. Stilistisch an einen Western erinnernd, handelt der Film vom mörderischen Kampf zweier Dorfgemeinschaften gegeneinander.
Das Demenzdrama „Queen at Sea“ des US-Amerikaners Lance Hammer wurde mit zwei Preisen ausgezeichnet. Der Film erhielt den Preis der Jury. Zudem gewannen die Briten Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay einen Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle. Calder-Marshall spielt eine demenzkranke Frau, Courtenay ihren Ehemann.
Der Regie-Preis ging an den Briten Grant Gee für das Jazzmusiker-Porträt „Everybody Digs Bill Evans“. Die Kanadierin Geneviève Dulude-de Celles bekam einen Silbernen Bären für das Drehbuch des Spielfilms „Nina Roza“. Für eine herausragende künstlerische Leistung wurde der Film „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ der US-Amerikaner Anna Fitch und Banker White geehrt.
Politische Statements auf der Bühne
Das Drama „Chronicles From the Siege“ des syrisch-palästinensischen Filmemachers Abdallah Alkhatib wurde als bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet. Sein Film „Chronicles From the Siege“ erzählt davon, wie Menschen versuchen, eine Besatzung zu überleben. Alkhatib nutzte seine Dankesrede für ein politisches Statement.
Er brachte eine palästinensische Flagge mit und sagte unter anderem, eines Tages werde es ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben. Zudem warf er der deutschen Regierung vor, sie sei Partner „des Völkermords im Gazastreifen“. Israel streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen - das ist auch die Position der deutschen Regierung - und spricht von Selbstverteidigung nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023.
Bundesminister distanziert sich von Rede zu Gaza
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) distanzierte sich von der Rede. Er sei als einziger Vertreter der Bundesregierung bei der Gala gewesen und habe während der Rede den Saal verlassen, teilte ein Sprecher seines Ministeriums mit. Schneider halte die Aussagen „für nicht akzeptabel“.
Auch andere Preisträger nutzten die Bühne für politische Statements, mehrere drückten ihre Solidarität mit den Palästinensern im Gazastreifen aus. Moderatorin Désirée Nosbusch sagte: „Und ich bin mir sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus.“
Der Nahostkonflikt hatte die Berlinale auch in den vergangenen Jahren beschäftigt. So war sie zum Beispiel nach der Abschlussgala 2024 dafür kritisiert worden, dass einzelne Preisträger das Vorgehen Israels im Gazastreifen massiv kritisiert hatten, ohne den Terrorangriff der islamistischen Hamas vom Oktober 2023 zu erwähnen. Es folgte eine Debatte bis hin zu Vorwürfen von Antisemitismus.
Wenders und Tuttle reagieren auf Kritik
Während des Festivals wurde diskutiert, wie politisch sich Filmschaffende äußern sollten. Dabei ging es mehrfach um den Nahostkonflikt. In einem offenen Brief hatten Filmschaffende der Berlinale vorgeworfen, sich nicht ausreichend zum Gaza-Krieg zu positionieren.
Wenders war unter anderem für die Aussage kritisiert worden, Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten. Bei der Preisverleihung würdigte er die Arbeit politischer Aktivisten und rief zu Zusammenhalt auf: „Wie die Filme der Berlinale deutlich zeigen, applaudieren euch die meisten von uns Filmemachern. Wir alle applaudieren euch. Ihr macht eine notwendige und mutige Arbeit, aber muss sie in Konkurrenz zu uns stehen? Müssen unsere Sprachen aufeinanderprallen?“
Festivalchefin Tricia Tuttle sagte: „Wir sind in diesem Jahr auch öffentlich herausgefordert worden, und das ist gut so. Es hat sich nicht immer gut angefühlt, aber es ist gut, weil es bedeutet, dass die Berlinale den Menschen wichtig ist.“ Kritik und das Einbringen von Meinungen seien Teil der Demokratie.