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Freizeit Geteilte Geschichten: Bücherschränke in Brandenburg beliebt

Kranhaus, Telefonzelle oder Baum: Bücherschränke haben in Brandenburg längst ihren Platz und sind oft kreative Orte des Austauschs. Sie stecken voller Geschichten und manchmal sogar kleiner Schätze.

Von Anja Sokolow, dpa 19.01.2026, 05:00
Ehrenamtliche kümmern sich um Ordnung im Bücherturm.
Ehrenamtliche kümmern sich um Ordnung im Bücherturm. Patrick Pleul/dpa

Forst/Golzow/Glienicke/Hannover - Ob in größeren Städten oder kleinen Orten – frei zugängliche Bücherschränke laden in Brandenburg - wie auch bundesweit - dazu ein, Bücher zu tauschen, zu verschenken oder einfach mitzunehmen. Von der englischen Telefonzelle in Glienicke/Nordbahn über eine Krankabine in Altglietzen bis hin zum Bücherbaum in Brodowin – die Bücherschränke sind oft echte Unikate. Auch in Forst in der Lausitz: Dort initiierte Stadtteilmanagerin Kathleen Hubrich vor einigen Jahren den Bau eines Bücherturms aus Beton-Brunnenringen.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Wer ein Buch übrig hat, stellt es ins Regal. Wer Lust auf neue Lektüre hat, nimmt sich etwas heraus – ganz ohne Anmeldung und Gebühren. „Ursprünglich hatten wir die Idee, eine alte Litfaßsäule zu versetzen“, erzählt Hubrich. Doch deren Durchmesser sei einfach zu klein gewesen. Die nun bequem begehbare „Bücherbox“ beherbergt rund 1000 Bücher in sieben Rundregalen – von Kinderliteratur über Kochbücher bis hin zu Krimis und Belletristik.

Lesestoff geht dank vieler Spenden nicht aus

Betreut wird die Box in Forst von Paten, die ehrenamtlich Bücher einordnen und für Nachschub sorgen. Zu ihnen gehört Alfons Schmidt. „Es ist schön, dass Bücher nicht einfach weggeworfen werden“, sagt er. Für ihn trage die Box auch zum Erhalt der Bücherkultur bei. „Ich lese selbst gern und entdecke hier immer wieder Bücher, an die ich sonst vielleicht gar nicht mehr kommen würde“, erzählt der 55-Jährige, der hauptberuflich als Tierpfleger arbeitet. 

„Es gibt manchmal auch Spenden aus dem Umland – 300 bis 400 Bücher haben wir teilweise schon bekommen“, berichtet Hubrich. Ein Keller in der Nachbarschaft dient als Lager. Dieser ist gut gefüllt, der Lesestoff geht nicht aus. Manchmal tauchen auch kleine Schätze auf: ein Gedichtband von Rilke, alte Eintrittskarten oder Briefe.

Anfangs sei das Projekt von der örtlichen Bibliothek kritisch gesehen worden, berichtet Hubrich. Doch der Bücherschrank stelle keine Konkurrenz dar: „Wir haben ein ganz anderes Sortiment im Angebot“, betont sie. „Die Bibliothek hat ja vor allem moderne Bücher. In der Box steht oft auch DDR-Literatur. Oder es gibt Bücher, die noch älter und noch in Sütterlin geschrieben sind“, ergänzt Alfons Schmidt. 

App mit fast 11.000 Bücherschränken in Deutschland

Deutschland hat in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom an öffentlichen Bücherschränken erlebt. In der App „Buchschrankfinder“ können Nutzer Standorte eintragen oder korrigieren. „Die App enthält jetzt knapp 11.000 Schränke“, erzählt Entwickler Tobias Zeising, der in seinem Wohnort Grafing bei München selbst einen Bücherschrank betreibt. „Es ist einfach eine gute Möglichkeit, alte Bücher wieder in Umlauf zu bringen“, sagt er. Allerdings gelte das nicht für alles: „Konsalik und alte Fachbücher muss ich oft aussortieren“. 

„Bei Wikipedia sind bundesweit gut 4000 Schränke gelistet, in Brandenburg sind es momentan 121“, berichtet die Soziologin Jutta Bertram von der Hochschule Hannover. In Bezug auf die Einwohnerzahl liege Brandenburg im Mittelfeld, erklärt die Professorin, die seit einigen Jahren zu dem Thema forscht. 

Bücherregale in Hamburger Bussen

Ein Bücherschrank kommt in Brandenburg ihren Berechnungen zufolge auf rund 20.800 Einwohner. An erster Stelle liegt demnach Hamburg mit einem Bücherschrank pro rund 10.000 Einwohner. Berlin bildet mit rund 41.400 Einwohnern pro Bücherschrank das Schlusslicht unter den Bundesländern. Hamburg verzerre die Statistik eventuell etwas, denn dort gebe es viele mobile Bücherregale, erklärt Bertram. In der Hansestadt wurden laut den Verkehrsbetrieben VHH 150 Bücherregale in Bussen installiert. Die Soziologin bezieht sich bei ihren Berechnungen auf Wikipedia-Eintragungen und Bevölkerungszahlen von 2024.

Künstler stellten erste Schränke auf

Anfang der 1990er Jahre habe das Künstlerduo Clegg & Guttmann die ersten öffentlichen Bücherschränke Deutschlands in Hamburg und Mainz aufgestellt, erläutert Bertram. Inzwischen finde man sie in Orten jeglicher Größe vor: auf öffentlichen Plätzen, in Parks oder neben Bushaltestellen, in Bahnhöfen, Rathäusern oder den Eingangsbereichen von Supermärkten. 

Neben klassischen Regalen und Schränken seien vor allem im Osten Deutschlands ehemalige Telefonzellen besonders verbreitet. Aber auch ausgediente Kühlschränke oder umfunktionierte Schaltkästen, Litfaßsäulen oder Seilbahngondeln dienen demnach als Bücherschränke, erklärt die Forscherin. 

Ein Problem, das immer wieder auftaucht: Vandalismus. Im vergangenen Jahr wurde etwa der Forster Bücherturm verwüstet und musste kurzzeitig geschlossen werden. Doch trotz solcher Vorfälle überwiege das Positive. „Die Bürger nehmen das super an. Es ist wirklich ein Ort der Kommunikation“, sagt Kathleen Hubrich.

Missbrauch des Prinzips „Geben und Nehmen“

Auch Diebstahl für kommerzielle Zwecke ist mitunter ein Thema. In Golzow (Mittelmark) berichtet Sylvia Hollstein von der Landfrauenortsgruppe, dass aus der dortigen Bücher-Telefonzelle immer wieder größere Mengen an Büchern verschwanden. Ebenso in Glienicke/Nordbahn, wie der Sprecher der Gemeinde, Arne Färber, berichtet: „Es gab und gibt Phasen, in denen das Konzept des Gebens und Nehmens häufig missbraucht wird.“ In Golzow haben die Landfrauen das Problem mit einer Überwachungskamera gelöst. „Jetzt wird nichts mehr gestohlen“, sagt Hollstein.

Die Initiative für Bücherschränke kommt oft von Bürgern, Vereinen oder Kommunen. In Golzow und Umgebung betreiben die Landfrauen vier Bücherschränke in alten Telefonzellen, die sehr beliebt seien, sagt Hollstein. Für jede Telefonzelle habe die Telekom allerdings 2000 Euro verlangt. Wichtig sei es auch, die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Allein in Golzow kümmern sich neun Frauen abwechselnd um die Bücherzelle.

Bücher-Telefonzelle war zuvor ein Geräteschuppen

In Glienicke/Nordbahn ist die rote Telefonzelle vor dem Rathaus ein besonderer Blickfang. Die Schauspielerin Andrea Held habe sie bei einer Radtour in einem Berliner Garten entdeckt und den Besitzer gleich gefragt, ob er sie verkaufen würde, berichtet Sprecher Arne Färber. „Das englische Original bekam eine Generalüberholung und wurde als begehbarer Schrank nutzbar gemacht“, so der Sprecher. Aus einem Geräteschuppen wurde somit ein Bücherschrank.

Schränke leben vom Überraschungseffekt

Als die ersten Schränke Anfang der 90er Jahre aufgestellt wurden, sei dies mit der Frage geschehen, ob man Bücher ohne Aufsicht quasi schutzlos dem öffentlichen Raum überlassen könne, erklärt Jutta Bertram. Die Idee damals war, dass die ausgeliehenen Bücher wieder zurückgebracht werden sollten. „Gott sei Dank haben die Menschen dieses Prinzip nicht befolgt. Denn Bücherschränke leben ja genau davon, dass man nie weiß, was man vorfindet“, so die Forscherin. Trotz gelegentlicher Zweckentfremdung der Schränke – sowohl auf der Geber- als auch auf der Nehmerseite – und trotz Problemen mit Vandalismus funktioniere das Prinzip seit Jahren - jedenfalls im Großen und Ganzen.