Ungeliebter Kaffee-Ersatz

„Erichs Krönung“ DDR-Bürger fanden keinen Geschmack an Kaffee-Ersatz

Potsdam/Halle (Saale) - Es gab nur Spott und Hohn: Vom neu erdachten „Kaffee-Mix“ wandten sich zu DDR-Zeiten die meisten mit Grausen ab. Dann wurde sehnsüchtig auf das nächste Päckchen von der West-Tante gewartet - mit echtem Bohnenkaffee.

Von Gudrun Janicke 26.09.2017, 05:45
Die Bildkombo aus sechs Fotos zeigt die historischen Verpackungen der Kaffeesorten Rondo (v.l.-r.), Rondo, Mocca Fix Gold, Kosta Melange, Mocca Fix und Malz Kaffee der Firma Röstfein.
Die Bildkombo aus sechs Fotos zeigt die historischen Verpackungen der Kaffeesorten Rondo (v.l.-r.), Rondo, Mocca Fix Gold, Kosta Melange, Mocca Fix und Malz Kaffee der Firma Röstfein. dpa-Zentralbild

Die Farbe des Getränks hatte vielleicht noch Ähnlichkeit mit Kaffee, doch dann war Schluss mit den Gemeinsamkeiten. Vor 40 Jahren versuchten die DDR-Oberen, den Bürgern das Kaffeetrinken abzugewöhnen - die Bohnen waren auf dem Weltmarkt zu teuer geworden. Aber schon nach zwei Jahren wurde der „Feldversuch“ abgeblasen und die silbernen Tüten verschwanden aus den Geschäften. Über „Kaffee-Mix“ hatten die Menschen zwischen Ostsee und Thüringer Wald mit der Tasse abgestimmt.

Heute ist das Produkt fast ein Mysterium. Nur der Ü50-Generation ehemaliger DDR-Bürger, die Ende der 1970er Jahre schon alt genug für Kaffee war, sagt es noch etwas. Schnell erzählen sie dann Schauergeschichten über den Geschmack. Selbst Auktionshäuser im Internet haben keine „Keller- oder Dachbodenfunde“ aus alten Zeiten im Angebot. Zum Tag des Kaffees am 1. Oktober ist jedoch Gelegenheit, daran zu erinnern.

„51 Prozent Bohnenkaffee, Getreidekörner und Hülsenfrüchte wie Erbsen, alles geröstet und gemahlen“, lüftet der Hallenser Georg Jarczewski ein wenig die Zusammensetzung. Der 80-Jährige war einst stellvertretender Direktor Wissenschaft und Forschung im DDR-Kombinat VENAG, in dessen Hallenser Betrieb „Kaffee-Mix“ produziert wurde. Das Originalrezept stammte aus dem damaligen Potsdamer Institut für Getreidewirtschaft. Mit der Wende gingen die Unterlagen jedoch verloren, das Unternehmen in Halle existiert nicht mehr.

Kaffee-Ersatz: DDR wollte Bürgern das Kaffeetrinken abgewöhnen

Jarczewski musste damals täglich im Betrieb den Geschmack von „Kaffee-Mix“ testen - nach seiner Erinnerung war der gar nicht so schlecht. „Natürlich kein Vergleich mit echtem Bohnenkaffee“, räumt er ein. „Die Reklamationen der Kunden nahmen aber überhand. Unsere Mitarbeiter konnten sich das nicht mehr anhören“, erzählt Jarczewski, der sich heute mit der Geschichte des heimischen Betriebes beschäftigt.

Es hagelte wütende Proteste und Eingaben an staatliche Stellen. „Er schmeckt wie Halb und Halb“, hieß es. Die Erklärung wurde gleich mitgeliefert: halb Sommer-, halb Wintergerste. Das klang noch harmlos. Böser war schon der Spruch: „Die Pille ist nun abgeschafft, Kaffee-Mix hat die gleiche Kraft“. Schnell kam auch ein Spitzname auf: „Erichs Krönung“ - in Abwandlung einer aus dem Westen bekannten Marke.

Hintergrund: Die Preise für Kaffeebohnen auf dem Weltmarkt waren 1977 explodiert, teure Devisen wollten die sozialistischen Wirtschaftslenker aber nicht für dieses Genussmittel ausgeben. Also galt das Motto: möglichst wenige Bohnen für viel Kaffee, schreibt die Publizistin Monika Siegmund in ihrem Buch „Genuss als Politikum. Kaffeekonsum in beiden deutschen Staaten“. Kaffee kostete damals zwischen 7,50 und 10 DDR-Mark pro 125 Gramm.

DDR-Ersatzkaffee „Kaffee-Mix“ wurde Ladenhüter bei HO und Konsum

Trotz des niedrigen Preises von 4 DDR-Mark für die gleiche Menge „Kaffee-Mix“ ließen sich die DDR-Bürger davon nicht überzeugen.
Das von vielen nur als „Gesöff“ bezeichnete Getränk hatte aber nicht nur einen merkwürdigen Geschmack. Kaffeemaschinen in Restaurants und Betriebskantinen versagten den Dienst, wenn der laut Werbung „filterfertig gemahlene Misch-Kaffee“ eingefüllt wurde. Die Bestandteile quollen auf und verstopften die feinen Düsen. Servierkräfte beklagten sich über die Brühe, die nicht aus der Maschine kommen wollte.

Selbst Mächtige im Staat - vermutlich passionierte Kaffeetrinker - zweifelten recht bald, ob das Getränk beim Volk überdurchzusetzen war, wie Siegmund schreibt. Ganz pragmatisch planten sie Hilfe aus dem Westen in Gestalt von Kaffeepäckchen für Ost-Verwandte ein, um des Mangels Herr zu werden.

Nach zwei Jahren war der Spuk vorbei: Der DDR-Ersatzkaffee verschwand aus den Regalen von HO und Konsum, wo er wie Blei gelegen hatte. Weder Preissenkungen noch eine neue Rezeptur konnten den Verkauf ankurbeln. Als die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt sanken, sorgte die DDR-Führung vor. So wurden Verträge zur Kaffeeproduktion ausgehandelt, unter anderem mit Angola.

Von den einstigen DDR-Kaffeeproduzenten arbeitet heute nur noch die 1908 gegründete Firma röstfein aus Magdeburg. Sie hat Sorten im Programm, die nach wie vor zu DDR-Zeiten bekannte Namen wie „Mona“, „Mocca fix gold“ und „Rondo“ tragen. (dpa)