Ärmelkanal Ärmelkanal: Gesunkene «Tricolor» wurde erneut gerammt

Dünkirchen/London/Brüssel/dpa. - Nur zweieinhalb Wochen nach dem Untergang des Autofrachters «Tricolor» ist das Wrack im Ärmelkanal zum zweiten Mal gerammt worden. Die mit 70 000 Tonnen Dieselöl beladene «Vicky» lief bei Dunkelheit am Mittwochabend auf das Hindernis auf, obwohl die Gefahrenstelle nach Behördenangaben vom Donnerstag durch fünf Signalbojen gesichert war. Der einer türkischen Reederei gehörende Tanker konnte mit steigender Flut nach mehreren Stunden frei kommen und ging vor der Küste Belgiens vor Anker. Keines der 24 Besatzungsmitglieder wurde verletzt. Nach Angaben belgischer Behörden bestand zunächst auch keine Gefahr für die Umwelt.
Der Zustand der «Vicky» sei nicht dramatisch, sagte der Gouverneur der belgischen Provinz Westflandern, Paul Breyne, in Ostende am Donnerstagnachmittag. Zwar habe der Aufprall auf das Wrack der «Tricolor» mehrere Löcher im Inneren und an der Außenwand des Schiffes gerissen. «Es gibt aber keinen Grund zur Panik», sagte der Gouverneur. Maßnahmen zum Schutz der Umwelt seien zunächst nicht erforderlich. Der Zustand der «Vicky» sei stabil. Ein für die Nacht zum Freitag vorhergesagter Sturm bedeute kein Problem. Die belgische Marine habe einen Hochseeschlepper zur «Vicky» geschickt.
Entgegen ersten Angaben hat der Tanker nach belgischer Darstellung nicht Kerosin, sondern Dieselöl geladen. Um welchen Typ Öl es sich handelt, war zunächst nicht klar. Für den eigenen Antrieb hat das Schiff außerdem 840 Tonnen leichtes und 1400 Tonnen schweres Dieselöl gebunkert. Letzteres ist gefährlicher für die Umwelt. Das Umpumpen der Ladung auf ein anderes Schiff kam wegen des Seegangs zunächst nicht in Frage.
Nach Angaben eines Sprechers der Lotsenbehörde von Ostende war die «Vicky» von der französischen Aufsicht am Mittwoch mehrfach aufgefordert worden, einen Ankerplatz in französischen Gewässern anzulaufen. Das sei jedoch ignoriert worden, und das Schiff habe Kurs auf Belgien genommen. Dabei sei es mit dem Wrack der «Tricolor» zusammengestoßen. Der Kapitän der «Vicky» werde so schnell wie möglich vernommen, kündigte Gouverneur Breyne an.
Die Ursache der Kollision war am Donnerstag noch unklar. Ein Schlepper, der bereits in der Zone gewesen sei, habe der «Vicky» die im Wasser liegende «Tricolor» signalisiert und eine Routenänderung empfohlen. Trotzdem sei der Tanker direkt auf das Wrack zugefahren, sagte ein Sprecher der Meerespräfektur in Dünkirchen. «Es ist völlig unverständlich, wie das passieren konnte.» Täglich lägen nahe dem Wrack eines oder zwei Schiffe, um es zu sichern. «Zudem ist eine Boje mit Radar ausgerüstet», sagte ein Marine-Sprecher.
Die norwegische «Tricolor» war 14. Dezember vor Dünkirchen nach einer Kollision mit einem Containerschiff in seichtem Wasser gesunken. Sie hat 2862 Autos im Wert von fast 50 Millionen Euro an Bord. Bislang konnten nur zwei Drittel der 2000 Kubikmeter Treibstoff des Autofrachters abgepumpt werden. Eine Bergung aus der Meerenge ist erst möglich, wenn die Treibstofftanks leer sind. Außerdem sollen die Winterstürme abgewartet werden. Bereits kurz nach dem Sinken, war das Wrack am 16. Dezember von dem Frachter «Nicola», der auf den niederländischen Antillen registriert ist, gerammt worden.
Der Ärmelkanal zwischen Frankreich und Großbritannien gehört mit täglich etwa 400 bis 500 Schiffspassagen zu den meistbefahrenen und wegen seiner Enge gefährlichsten Wasserstraßen der Welt. Die Kollision zeige, «wie betriebsam es auf diesem Stück Wasser zugeht», sagte ein Sprecher der britischen Küstenwache.