Zugunglück

Zugunglück: Der Tod in der Flammenhölle

Langenweddingen/MZ. - "Willy, der Bahnhof brennt!". 40 Jahre ist es her, dass Editha Brüning ihrem Mann diese Worte zurief. Der pensionierte Eisenbahner, heute 86 Jahre alt, erinnert sich daran dennoch, als wären sie gestern gefallen. Es war kein einfacher Brand, der an diesem Tag in Langenweddingen ausbrach, sondern eine Katastrophe, deren Ausmaße der Stellwerker und die Rot-Kreuz-Helfern nur erahnen konnten, als sie wenig später am Bahnhof eintrafen. 94 Menschen verloren bei einem Zugunglück ihr ...

Von Katrin Löwe 05.07.2007, 17:16

"Willy, der Bahnhof brennt!". 40 Jahre ist es her, dass Editha Brüning ihrem Mann diese Worte zurief. Der pensionierte Eisenbahner, heute 86 Jahre alt, erinnert sich daran dennoch, als wären sie gestern gefallen. Es war kein einfacher Brand, der an diesem Tag in Langenweddingen ausbrach, sondern eine Katastrophe, deren Ausmaße der Stellwerker und die Rot-Kreuz-Helfern nur erahnen konnten, als sie wenig später am Bahnhof eintrafen. 94 Menschen verloren bei einem Zugunglück ihr Leben.

Rückblende: Der 6. Juli 1967 ist ein heißer Sommertag. Ferienstimmung herrscht im voll besetzten Personenzug P 852, der kurz vor 8 Uhr den Magdeburger Bahnhof verlässt. Hunderte Kinder sind auf dem Weg ins Ferienlager im Harz. Wenige Kilometer weiter bahnt sich die Katastrophe an. Ein Schrankenarm am Bahnhof Langenweddingen verfängt sich in einem Postkabel, das sich wegen der Hitze verformt hat. Seit zwei Tagen schon berührt die Schranke das Kabel - verheddert hat sie sich bisher nie. Der 63-jährige Schrankenwärter verliert die Nerven. Statt nur eine Seite der Schranke zurückzukurbeln, zieht er gewohnheitsmäßig beide etwas hoch. Der Fahrer eines Minol-Tanklasters deutet das falsch, fährt los. Auf den Schienen kommt der Zug - mit Tempo 85, ein Halt in Langenweddingen ist nicht geplant, ein Stopp-Signal hat er nicht erhalten. Die Dampflok prallt gegen den Tanklaster, 15 000 Liter Leichtbenzin setzen die ersten beiden und die letzten Doppelstockwagen explosionsartig in Flammen. Ganz vorn sitzen die Kinder.

Feuerwehrmann Hans-Georg Gerlach ist es, der im Ort die Sirene auslöst für einen der größten Rettungseinsätze der DDR. Die Bilder am Unglücksort beschreibt der damals 19-Jährige heute mit einem Wort: "grauenvoll". Brennende Menschen kommen Rettern entgegen, andere irren mit verkohlter Kleidung umher. "Da war ein zehnjähriger Junge. Er weinte, weil er sein Portemonnaie mit fünf Mark Taschengeld von der Oma verloren hatte", erinnert sich Editha Brüning. Das Kind steht unter Schock. "Ich würde gern wissen, was aus ihm geworden ist", sagt sie heute.

Im Zug verbrennen bei mehr als 800 Grad etliche Menschen. Andere können schwer verletzt gerettet werden. Der Lehrer Werner Moritz aus Rogätz befreit noch 13 Schüler aus der Flammenhölle. Er selbst stirbt später an seinen schweren Verbrennungen. Heute trägt die Schule in Rogätz seinen Namen.

Im Magdeburger Krankenhaus spürt Joachim Winzek an jenem Vormittag plötzlich Unruhe. Er ist Medizin-Student im letzten Ausbildungsjahr. Als etliche Kinder in die Chirurgie gebracht werden und er auffällig krause Haare erkennt, denkt er noch: "So viele Afrikaner auf einmal?" Erst Sekunden später erkennt er entsetzt, dass die Haare verbrannt, die Gesichter durch die Hitze zu Masken verzerrt sind. In Zwölf-Stunden-Schichten hält der damals 27-Jährige Wache an den Betten der Verletzten. 17 sterben nach offizieller Statistik noch in den Krankenhäusern. Ob die Zahl von 94 Toten insgesamt stimmt? Winzek glaubt es nicht - "im Krankenhaus war immer von mehr als 100 die Rede". Auch der ehemalige Berufsfeuerwehrmann Horst Sack aus Berlin hat Zweifel. Ein halbes Jahr hat er zu dem Unglück recherchiert. In den Unterlagen des Magdeburger Westfriedhofes, wo die Opfer ein Staatsbegräbnis erhielten, seien 92 Grabstellen vermerkt, sagt er. In einigen lägen aber mehrere Opfer. Unter den Toten ist auch der Fahrer des Minol-Lasters.

Der Schrankenwärter und der Vorsteher des Langenweddinger Bahnhofes werden später zu je fünf Jahren Haft verurteilt. Bald nach ihrer Entlassung sterben sie - der Schrankenwärter verübt Suizid. Die DDR ändert nach dem Unglück die Vorschriften bei der Bahn und die Straßenverkehrsordnung. Schließzeiten für Schranken werden verlängert - "freie Fahrt" darf eine Bahnstation erst dann erteilen, wenn die nächste schon die Schranke geschlossen hat.

Unterdessen beginnt in Langenweddingen die Verarbeitung des Erlebten. "Wir konnten tagelang nichts essen", erinnert sich Editha Brüning. Noch heute hat Feuerwehrmann Gerlach das Grauen vor Augen, wenn er an das Unglück erinnert wird. "Die Bilder lassen sich nicht verdrängen." Schade findet er, dass es im Ort keine Gedenktafel gibt. Der Grabstein des einzigen Opfers aus Langenweddingen - eines Mädchens - existiert nicht mehr. Das Stellwerk, von dem das Unglück ausging, wurde vor wenigen Wochen abgerissen.