Zerrissene Seelen

Zerrissene Seelen: Als 430 Kinder aus Namibia in die DDR kamen, um Großes zu bewirken

Ihre vielleicht größten Fans hat die DDR nicht etwa in Jena, Schwerin oder Weißenfels, sondern rund 12.000 Kilometer weit weg. Zwischen Ovamboland im Norden und Lüderitz im Süden leben in Namibia einige Hundert ...

Ihre vielleicht größten Fans hat die DDR nicht etwa in Jena, Schwerin oder Weißenfels, sondern rund 12.000 Kilometer weit weg. Zwischen Ovamboland im Norden und Lüderitz im Süden leben in Namibia einige Hundert „Ex-DDR-Kinder“.

Sie sind in Staßfurt (Salzlandkreis) und auf Schloss Bellin bei Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und zur Schule gegangen - und denken meist gern an ihre Zeit in der DDR zurück. „Ich habe eine schöne Erinnerung an eine schöne Kindheit“, sagt Monica Nambelela, eine kräftige schwarze Frau mit prägnanter Brille. „Es hat uns an nichts gefehlt.“

Kinder aus Namibia sollten in DDR sozialistisch erzogen werden

Sie gehört zu den etwa 430 namibischen Kindern, die seit 1979 nach und nach aus dem südlichen Afrika in die DDR geschickt wurden - weg von den Schrecken des Befreiungskrieges der Swapo gegen die südafrikanischen Besatzer, hin zu der sozialistischen Umarmung des Honecker-Staats.

Der damalige Swapo-Chef Samuel Daniel Shafiishuna Nujoma, um den bis heute ein Personenkult getrieben wird - sein offizieller Titel lautet „Gründungsvater der namibischen Nation“ -, soll den Deal direkt mit dem Staatsratsvorsitzenden ausgehandelt haben. Der Plan der beiden Sozialisten-Kumpel: Die Kinder sollten mit deutscher Disziplin und einer streng sozialistischen Ausbildung zur Elite eines freien Namibia herangezogen werden.

Bombenangriff besiegelte Deal zwischen DDR und Namibia

Ausgelöst wurde die ungewöhnliche Initiative vor 40 Jahren von einem Bombenangriff der südafrikanischen Luftwaffe auf das namibische Flüchtlingslager Cassinga in Angola, bei dem 1978 hunderte Menschen, meist Frauen und Kinder, getötet worden sind.

Zum Teil seien die Mädchen und Jungen zufällig ausgewählt worden, berichten Zeitzeugen, häufig handelte es sich aber um die Kinder verdienter Swapo-Kämpfer. Monica Nambelela berichtet, dass sie in die DDR gekommen ist, nachdem sie in dem angolanischen Flüchtlingslager Lubango von einem Soldaten vergewaltigt worden ist.

„Wir waren alle traumatisiert“ - Kinder hatten Schreckliches erlebt

Da sei sie noch ein kleines Kind gewesen. Mit sechs kam sie dann nach Staßfurt. Ihr Vater sei im Kampf für die Swapo gefallen, ihre Mutter habe eine Ausbildung in der DDR erhalten. In Güstrow sei dann ihr Bruder zur Welt gekommen.

Die namibischen Kinder kamen oft unterernährt und verängstigt in die DDR. „Wir waren alle traumatisiert“, sagt Monica Nambelela. „Wir waren so indoktriniert von der Swapo, dass wir Angst vor allen Weißen hatten.“

Doch sie lebte sich schnell ein in Staßfurt, wo sie in der „Schule der Freundschaft“ unterrichtet wurde - einem klassischen DDR-Bau, der aus zwei Beton-Riegeln bestand, die durch einen Gang miteinander verbunden waren. „Unsere Schule war sehr international, das fand ich schön“, sagt sie. Außer den Namibiern wurden dort auch Vietnamesen und Mosambikaner unterrichtet. Etwa 1.000 Schüler von der fünften bis zur zehnten Klasse.

Namibische Kinder waren ziemlich deutsch

„Die Namibier waren zurückhaltender als die deutschen Schüler“, erinnert sich die heute 55-jährige Cornelia Sperling. Sie hat in Staßfurt gemeinsam mit ihrem Mann Ingo von 1986 bis 1990 Sport und Geschichte unterrichtet. „Die afrikanische Geschichte mussten wir uns selber zusammenstellen“, sagt sie.

Die afrikanischen Kinder hätten nicht schwimmen können. Deshalb wurden sie alle zusammen nach Prerow gebracht, wo sie - mit roten Badekappen auf dem Kopf - das Schwimmen lernten. Fußball spielten sie immer nur barfuß. Ansonsten seien die namibischen Kinder ziemlich deutsch gewesen, sagt Sperling. „Sie hatten einen deutschen Lehrplan, sie trugen deutsche Kleidung, sie feierten Jugendweihe.“

Gäste aus „sozialistischen Bruderländern“ wurden abgeschottet

Probleme mit den Staßfurtern habe es kaum gegeben, erinnern sich die Lehrer, die heute am Gymnasium im thüringischen Ilmenau unterrichten. Das kann allerdings auch daran liegen, dass die Gäste aus den „sozialistischen Bruderländern“ abgeschottet wurden: Um die Schule herum standen vier Blöcke, in denen Schüler, Lehrer und Erzieher wohnten.

Es gab dort Arztpraxen, eine Turnhalle, einen Sportplatz und eine Mensa. „Eigentlich hatten wir nur Probleme mit der Ordnung“, sagt Ingo Sperling. Deswegen hätten die afrikanischen Schüler alle sechs Monate in ein anderes Zimmer ziehen müssen. „Da wurde alles rausgeschmissen und wieder neu eingeräumt“, sagt er. In Staßfurt wurde die Tochter der Sperlings geboren. Ein Namibier spielte für das Kind den Weihnachtsmann.

Kinder aus Namibia mussten Marschieren lernen

Monica Nambelela erinnert sich: „Die Erzieher haben uns jeden Abend Gute-Nacht-Geschichten erzählt.“ Doch auch wenn die Kinder in der DDR umsorgt worden sind, ging es letztlich darum, Führungskräfte heranzuziehen.

In einem Forschungsbericht aus dem Jahr 2001 für den Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern schreibt Uta Rüchel: „Man ging davon aus, dass Namibia einen sozialistischen Weg ähnlich dem in der DDR gehen würde.“

Deshalb sei das Hauptziel gewesen, „die Kinder auf ihre zukünftige Rolle als Führungselite in einem befreiten Namibia vorzubereiten. Sie sollten - wie alle anderen DDR-Kinder auch - zu Disziplin, Ordnung, Sauberkeit und gemäß den Vorstellungen einer sozialistischen Moral erzogen werden.“ Monica Nambelela bestätigt das. Schon früh habe sie an der Schule das Marschieren gelernt. „Die wollten Ersatzsoldaten aus uns machen.“

Am Ende der DDR wurden die namibischen Kinder nach Afrika zurückgeschickt

Doch dazu kam es nicht. Denn 1990 wurde die Welt gründlich durchgeschüttelt. Während durch Europa der Wind of Change wehte, ging in Namibia der fast 30 Jahre andauernde Befreiungskampf der Swapo gegen die südafrikanische Besatzungsmacht zu Ende. Sam Nujoma wurde zum Präsidenten gewählt.

Warum die namibischen DDR-Kinder dann Hals über Kopf nach Afrika zurückgebracht wurden, ist laut Uta Rüchel nicht ganz klar. Hat die Swapo sie zurückbeordert? Hat die DDR-Übergangsregierung unter Lothar de Maizière eine Weiterfinanzierung des Projekts abgelehnt?

Fest steht: Die Kinder - unter ihnen auch die elfjährige Monica - wurden noch im August 1990 mit Charterjets aus Frankfurt in die fremde Heimat geflogen. „Von heute auf morgen hat sich unsere Welt geändert“, sagt Monica Nambelela.

DDR-Kinder durchleben Rassismus in Namibia

„Erst war ich fremd im fremden Land, dann war ich fremd im eigenen Land.“ Als sie damals durch die namibische Hauptstadt Windhoek fuhr, wunderte sie sich, dass die Bürgersteige in den Vierteln der Weißen breiter und die Häuser schöner waren. Viel geändert habe sich bis heute daran allerdings nicht, sagt sie. „Die Unterdrückung ist nun Schwarz gegen Schwarz.“

Während ihre Mutter auf einer Farm angestellt wurde, kam die elfjährige Monica in ein Internat in Swakopmund, einer Stadt, in der die Hotels noch heute „Zum Kaiser“, „Prinzessin Rupprecht“ oder „Deutsches Haus“ heißen und der Swakopmunder Männergesangverein von 1902 das „Südwesterlied“ singt.

„Ich war das einzige schwarze Kind in meiner Klasse“, sagt Nambelela. Damals habe sie Rassismus von Lehrern und Mitschülern erfahren. „Ich hoffe, dass nie wieder ein Kind solch ein Schicksal erlebt“, sagt sie. „Deutschland muss aus dem lernen, was wir erlebt haben, und darf kein Kind mehr abschieben.“

Die Geschichte der namibischen Kinder ist in dem Theaterstück „Oshi-Deutsch - Die DDR-Kinder von Namibia“ verarbeitet worden. „Oshi-Deutsch“ ist die Sprache des Vereins, den einige Ehemalige gegründet haben. Es ist eine Mischung aus Deutsch, Englisch und Oshivambo, das im namibischen Ovamboland gesprochen wird. Monica Nambelela war 2016 bei der Premiere in Osnabrück dabei, ihre Tochter Shakira (links) verkörperte in dem Stück ein namibisches Kind.  Foto: Monica Nambelela

Fremdes Afrika - Monicas Bruder gewöhnte sich nie an Namibia

Monicas jüngerer Bruder konnte sich an das für ihn völlig fremde Afrika nicht gewöhnen. „Er hat sich mit 16 Jahren das Leben genommen“, sagt sie. Sie selbst hat ihre ganz persönliche Rettung durch eine Physiotherapeutin aus Hamburg erfahren:

Sabiene Rohlwink, die 1993 für ein Sabbatical nach Swakopmund gekommen war, dort aber fast fünf Jahre blieb, hat innerhalb eines Dreivierteljahrs nach und nach zwölf Ex-DDR-Kinder in ihrem Haus aufgenommen. „Ich bin so etwas wie ihre Mutter geworden“, sagt Rohlwink, die heute als Heilpraktikerin eine Praxis in Hamburg betreibt.

Zerrissen zwischen Europa und Afrika

Ihren Ex-DDR-Kindern erging es ähnlich wie den anderen, die über Namibia verstreut leben. „Einige von ihnen haben es sehr gut gepackt“, sagt Rohlwink. Ein paar wurschtelten sich so durch.

Und es gebe Ex-DDR-Kinder, die abgestürzt sind. Von den zwölf jungen Namibiern, die bei Rohlwink gelebt haben, sei ein Junge im Gefängnis gelandet, ein Mädchen habe Drogen genommen und sich zu Weihnachten den „goldenen Schuss“ gegeben. „Sie saßen immer zwischen zwei Stühlen“, sagt Rohlwink. „Sie waren innerlich deutsch und äußerlich schwarz.“ (mz)