Ungeklärte Mordserie zur Wendezeit

Ungeklärte Mordserie zur Wendezeit: Vor 25 Jahren verschwanden fünf junge Frauen in der Region

Coswig - Es ist wieder Sommer und Werner Landgraf steht wieder an der Straße, an der alles anfing und endete. Die Haltestelle ist da, die Kreuzung, der Fußweg. Nur Beate, seine Tochter, nicht mehr. „Hier“, sagt Werner Landgraf, „hat damals ihr Rucksack ...

Von Steffen Könau 11.09.2015, 07:20

Es ist wieder Sommer und Werner Landgraf steht wieder an der Straße, an der alles anfing und endete. Die Haltestelle ist da, die Kreuzung, der Fußweg. Nur Beate, seine Tochter, nicht mehr. „Hier“, sagt Werner Landgraf, „hat damals ihr Rucksack gelegen“.

Damals, das ist der Sommer vor 25 Jahren, der Sommer der Einheit, der Sommer, in dem die DDR auf ihr Ende wartet. Beate Landgraf ist 17, ein fröhliches Mädchen, das Dolmetscherin werden will. „Friedliebend und hilfsbereit war sie“, beschreibt ihre Mutter Ingeborg.

Vergebliches Warten

Beate lebt in Iserbegka, einem Ort hinter Wittenberg, und besucht eine Schule im brandenburgischen Wiesenburg, knappe 30 Kilometer entfernt. Dorthin will sie an diesem Junitag. „Mein Fahrrad holen, komme am Abend zurück, Küsschen Beate“, hat sie auf einen Zettel geschrieben, den die Eltern abends zu Hause finden.

Kein Problem, der Zug fährt durch. „Nur eben nicht an diesem Tag“, sagt Werner Landgraf. Es ist Schienenersatzverkehr ab Coswig. „Wir schätzen“, sagt Landgraf, „dass Beate in Coswig dachte, es wird mich schon jemand mitnehmen.“ Das hübsche Mädchen ist kontaktfreudig, sie versteht sich auf Anhieb mit allen. „Sie war sicher, dass sie so schneller ist.“

Nur dass Beate Landgraf, 1,64 Meter groß, schlank, dunkelblond, graue Augen, bekleidet mit Cordhose, Jeansjacke und Leinenschuhen, nicht ankommen wird. Nicht im Internat in Wiesenburg und nie wieder zu Haus in Iserbegka. Ingeborg Landgraf wartet abends daheim, ihr Mann ist in Thüringen. Ingeborg Landgraf ruft in der Schule an, dort schauen sie nach dem Rad. Das steht noch da. Niemand hat Beate gesehen.

Bei der Polizei versucht man, die aufgebrachte Mutter zu beruhigen. Vielleicht sei das Mädchen ja einfach ausgerissen. „Aber so war sie nicht“, sagt Werner Landgraf.

Am nächsten Tag erstatten die Eltern eine Vermisstenanzeige. „Wir wussten nicht, dass Beates Rucksack dabei direkt hinter dem Beamten lag.“ Werner Landgraf kämpft mit den Tränen. Ein Autofahrer hat den Rucksack am Tag zuvor abgegeben. „Er lag an der Straße.“

Auf dem Revier landet Beate Landgrafs Rucksack allerdings nicht als Indiz für ein mögliches Verbrechen. Sondern im Regal für verlorene Gegenstände. „Dadurch wurde von Anfang an nicht richtig ermittelt“, glauben Landgrafs.

Mehr über verschwundene Asservate und Ungereimtheiten erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Es ist nicht die einzige Ungereimtheit im Verlauf eines Ermittlungsverfahrens, das inzwischen ein Vierteljahrhundert andauert. Anfangs gibt es keine Asservate, später werden einige spurlos verschwinden. Dass Beates Personalausweis fehlt, fällt erst auf, als ihre Leiche Mitte September gefunden und ein Zusammenhang zum Rucksack hergestellt wird. „Aber ob mit dem Ausweis zur Währungsunion Geld getauscht wurde, haben sie nie geprüft“, schimpft Werner Landgraf.

Hauptkommissar Manfred Porsow, der das Verfahren anfangs in Halle leitet, ahnt die Gründe. „Wir haben gemacht, was ging“, sagt der Polizist, der heute im Ruhestand ist. Sogar eine Belohnung von 1.000 Mark wird ausgelobt. Aber es kommt nichts. „Und ohne Hinweise, was sollten wir tun?“

Es sind bewegte Zeiten damals, gerade für die Polizei. Zuständigkeiten ändern sich, es herrscht Verunsicherung, Fälle wandern von hier nach da. „So lange ich zuständig war, hatten wir keine Leiche“, sagt Porsow. Später, da hat ein Pilzsammler Beate in einem aufgegebenen Militärgebiet bei Klieken gefunden, ermittelt Dessau weiter. „Wir hatten nie den Eindruck, dass das mit Hochdruck geschah“, beschreibt Werner Landgraf.

Er ist nicht allein. Ähnliche Erfahrungen müssen in den Monaten rund um die deutsche Vereinigung auch Sabine und Volker Dommaschk aus Halle machen. Zwölf Tage nach Beate Landgraf ist ihre Tochter Sabine weg. Die 18-Jährige, 1,56 Meter groß, schlank, dunkelblond, blaugraue Augen, will nach Glienicke trampen, ein Örtchen 40 Kilometer von Wiesenburg entfernt. Bepackt mit Kunstledertasche und Schlafmatte wird sie an der Autobahn bei Brehna gesehen. Danach nicht mehr.

„Es gab reihenweise Ungereimtheiten“, erzählt Sabines Mutter heute. Zwar sucht die Polizei in den Wäldern an der Autobahn. Aber gefunden wird Sabines Leichnam erst im Mai 1991, fast ein Jahr nach ihrem Verschwinden. „Wir durften sie nicht mal mehr identifizieren“, sagt Sabine Dommaschk. Nur auf die Sachen dürfen sie schauen, die bei ihrer Tochter gefunden worden sind. „Ihr Schlafsack war topsauber, niemals so, als hätte er einen Winter draußen gelegen.“

Keine Spuren

Zwei Mädchen, blond, hübsch und allein, in der Nähe der Autobahn A9/E51 ermordet und versteckt - dass es einen Zusammenhang gibt, steht für Halles Kriminalchef Hartmut Jasper schon fest, als beide Mädchen noch verschwunden sind. „Beide sind vermutlich als Anhalterinnen in das Fahrzeug des Täters gestiegen“, glaubt er. Eine Sonderkommission aber gibt es nicht.

Die zwei Fälle bleiben zwei Fälle, in denen es keine verwertbare Spur für die zwei Fahndungsteams gibt, die nach der Neubildung der Länder in Sachsen-Anhalt und Brandenburg ermitteln. Bei Beate Landgraf hat die Staatsanwaltschaft in Dessau die Akten aus Halle übernommen. Im Fall Dommaschk ist die Staatsanwaltschaft Potsdam zuständig.

Den Fahndern dort gerät bald ein Mann ins Visier, der in Berlin zwei Morde an jungen Frauen begangen hat. Der 43-jährige Uwe Wischniewski wird überführt und im Oktober 1992 zu lebenslangem Freiheitsentzug verurteilt. Ist Wischnewski auch der Mörder von Sabine Dommaschk? Der Verdacht besteht. „Doch trotz umfangreicher Ermittlungen konnte ihm dieser Mord nicht nachgewiesen werden“, beschreibt Karina Schulter von der Brandenburger Polizei.

Welche Hinweise auf einen Serientäter schließen lassen, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Zusammenhänge zum „Tötungsdelikt Beate Landgraf“ werden ebenfalls geprüft. Doch es sei „kein sachlicher und zeitlicher Zusammenhang“ der beiden Fälle erkennbar gewesen, urteilen die Ermittler in Dessau. Auch die Vermutung, Wischniewski habe die 17-jährige Diana Bloch auf dem Gewissen, die im Oktober 1991 in Lübbenau verschwindet, lässt sich nicht erhärten, weil sich von dem Mädchen bis heute nie eine Spur gefunden hat.

Doch als im Juli 1992 in Pulspforde bei Zerbst die 17-jährige Silvana Otzipka verschwindet, 30 Kilometer vom Ort entfernt, an dem Beate Landgraf gefunden wurde, lebt das Gerücht vom Serientäter wieder auf. Der Fundort passt ins Profil. Der Täter hat die Leiche des Mädchens, das alle „Zippi“ nennen, diesmal auf einem früheren Sowjet-Schießplatz versteckt.

Nur zu der Spur, der die Dessauer Ermittler im Fall Landgraf nachgehen, passt das nicht. Heiko Böhme, ein 28-jähriger Agrotechniker aus Augsdorf bei Hettstedt, ist gerade überführt worden, die 18-jährige Peggy Schneemann und die 19-jährige Ilka Wolf vergewaltigt und getötet zu haben. Böhme wird später zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. „Und in der Haft“, sagt der hallesche Staatsanwalt Peter Wiechmann, dessen Behörde den Doppelmörder im April 1991 überführt, „brüstete sich Böhme vor Mitgefangenen, dass er weitere Frauen ermordet hat.“

Mord verjährt nicht

Böhmes Vorgehensweise spricht dafür, dass darunter auch Beate Landgraf und Sabine Dommaschk gewesen sein könnten. Peggy Schneemann versteckte er auf einer Halde bei Siersleben, Ilka Wolf in einem Tonloch. Böhme sei Lkw gefahren, so dass er außerhalb des Mansfeldischen hätte zuschlagen können. „Das wurde geprüft“, sagt Wiechmann, „er wurde damit konfrontiert und hat nicht gestanden.“

Auch zwei andere Spuren zerschlagen sich. „Es wurden nie Feststellungen getroffen, die einen hinreichenden Tatverdacht gegen irgendeine Person gerechtfertigt hätten“, sagt Christian Preissner von der Staatsanwaltschaft Dessau. Preissner versteht die unendlich schwierige Lage von Eltern, die wie die Landgrafs oder die Dommaschks seit Jahrzehnten mit dem Gedanken leben, dass der Mörder ihrer Töchter frei herumläuft. „Aber so sehr sie auf eine Lösung des Falles drängen, müssen doch Ermittlungen nach rechtsstaatlichen Prinzipien geführt werden.“

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat es im Fall Landgraf keine grundlegenden Ermittlungsfehler gegeben. „Auch eine sofortige Befassung mit dem Rucksack hätte mutmaßlich nicht zu einem Ermittlungserfolg geführt“, glaubt Preissner. Warum die Bekleidung des Opfers nicht mehr in der Asservatenkammer liegt, lasse sich nicht mehr nachvollziehen. „Es finden sich keine Hinweise, wer eine entsprechende Anordnung getroffen hat.“ Jedoch seien andere Asservate vorhanden, auch die Ermittlungen liefen weiter. „Es gibt eine Person“, so Preissner, „die als Beschuldigter geführt wird“.

Mord verjährt nicht, das ist die einzige Hoffnung, die Werner Landgraf hat. Uwe Wischniewski konnte mit Hilfe einer DNA-Spur elf Jahre nach seiner Verurteilung ein weiterer Mord nachgewiesen werden: Schon 1986 hatte der Doppelmörder die 17 Jahre alte Ann-Christin Müller vergewaltigt, ermordet und auf einer Müllkippe versteckt. Die Tat geschah in der Nähe von Großbeuthen, nur ein paar Kilometer von der E 51.

Wischniewski konnte dieses Verbrechens nicht mehr angeklagt werden, er starb vorher in der Haft. Heiko Böhme sitzt seine lebenslange Strafe immer noch ab. Zwischen 1990 und 1992 hat es vier unaufgeklärte Mädchenmorde in der Nähe der Autobahn A9/E51 gegeben.

Seitdem keinen mehr.