Zwischen Kreißsaal und Quarantäne

Zwischen Kreißsaal und Quarantäne: MZ-Mitarbeiterin erzählt ihr Jahr mit Corona

Halle (Saale) - Zwischen Kreißsaal und Quarantäne: Wie das Virus seit einem Jahr in Sachsen-Anhalt den Alltag bestimmt.

Von Anne Nicolay-Guckland
Im März 2020 hat die Stadt Halle den Katastrophenfall ausgerufen. ZB

Vor 365 Tagen erreichte die Pandemie Sachsen-Anhalt: Am 10. März 2020 wurden die ersten Corona-Infektionen hier registriert. In diesem Corona-Jahr erlebte meine Familie eine Einschulung, eine Geburt, ein Weihnachts- und Osterfest, einen Sommer- und Herbsturlaub und Besuche bei meiner Oma im Pflegeheim. Klingt normal. Doch normal verliefen diese 365 Tage ganz und gar nicht, weder für meine noch sonst eine Familie in unserem Land.

Wir mussten viel Geduld haben, auch mit uns selbst. Liebgewonnene Gewohnheiten und der Alltag waren dahin. Das soziale Zusammenleben musste sich auf wenige Kontakte beschränken, von einem auf den anderen Tag wurde die Kita unserer beiden Kinder geschlossen. Vereinsleben, Sport, Arbeit, Treffen mit Familie und Freunden, Erholung und Entspannung - keinen Bereich verschonte die Pandemie.

Corona mit großen Einfluss auf Arbeitsalltag

Anfangs schien Corona für mich weit weg. In der tagtäglichen Berichterstattung war das Virus präsent, auf meinen Arbeitsalltag hatte es schnell einen großen Einfluss: Innerhalb eines Tages wird Anfang März das Herzstück der Nachrichtenproduktion der MZ in Halle, der Newsroom, geschlossen. Nahezu alle Kollegen, darunter auch mein Team und ich, arbeiten nur einen Tag später von zu Hause aus oder zunächst in den Lokalredaktionen.

Meine Kinder mussten zu Hause versorgt werden, dazu kam die Angst um unser ungeborenes Kind, die Sorge um meine über 90-jährige Oma und die Frage, ob wir unsere Kinder zu ihren Großeltern schicken können. Wir setzten auf maximale Kontakteinschränkungen, ich ging nicht mehr in den Supermarkt, fuhr nicht Bus oder Bahn. Und wir kamen vergleichsweise gut durch diesen ersten Lockdown, die Kinder konnten in unserem Hof in einer Sandkiste spielen, sehr oft waren wir an der Saale in der Natur unterwegs.

Einschulungsfeier wie fast vor Pandemiezeiten

In unserer Familie stieg die Stimmung wieder, parallel zu den Lockerungen und dem Rückgang der Fallzahlen. Ich erinnere mich an schiefe Haarfrisuren, eigens für private Videokonferenzen erdachte Tanzshows und noch sehr genau an den ersten Besuch bei meiner Oma im Pflegeheim. Sie leidet bis heute sehr an der sozialen Isolierung und daran, dass sie ihre Urenkel nicht sehen darf. Kinder unter 16 Jahren dürfen das Heim nicht betreten. Warum dies auch für Babys gilt, kann mir bis heute keiner erklären. Ihren neu geborenen Urenkel konnten wir ihr nur von weitem vorstellen, ihre Freudentränen waren herzzerreißend.

Im Sommer freuten wir uns über etwas Normalität: Eine Einschulungsfeier wie fast vor Pandemiezeiten. Und ich empfand es als großes Glück, dass mein Mann mich bei der Geburt unseres Sohnes Anfang September unterstützen konnte. Bis in den Oktober hinein schien kaum mehr Gefahr vom Virus auszugehen. Doch Mitte Oktober, während der Herbstferien, rückte Corona wieder näher. Immer mehr Freunde und Bekannte mussten sich in Quarantäne begeben. Immerhin: Gerade noch so konnten meine beiden Sechsjährigen mit Oma und Opa einen wunderbaren Herbst-Kurzurlaub verbringen.

Anstrengende Zeit des Homeschoolings

Und dann kam der 7. Dezember, ich erhielt den Anruf: In der Familie gibt es einen positiven Corona-Test. Nur unsere Kinder hatten Kontakt, trotz Symptomlosigkeit ließen wir sie testen. Am nächsten Morgen die Gewissheit: Die Zwillinge sind infiziert. Kontaktnachverfolgung, Isolation und wir entschieden, das Baby und ich isolieren uns von den nachweislich Infizierten. Wieder keimte Angst, dass dem jüngsten Familienmitglied etwas passieren könnte. Die Kinderarztpraxis unterstützte uns großartig, genauso wie Nachbarn, Familie und Freunde, jeder Videoanruf und alle Genesungswünsche halfen durch die Quarantäne, die die Kinder erstaunlich gut meisterten.

Letzteres gilt auch für die anstrengende Zeit des Homeschoolings. Toll fand ich, dass ich einen sehr intensiven Einblick in das System Schule erhalten habe, nicht nachvollziehen kann ich bis heute, dass Eltern, die im Homeoffice arbeiten müssen, keinen Anspruch auf Notbetreuung haben - genauso, wie Frauen im Wochenbett oder Eltern mit Zwillingsbabys. Offenbar nehmen die Entscheidungsträger solche Fälle nicht Ernst. Allergrößten Respekt habe ich vor all jenen, die uns helfen, diese Pandemie durchzustehen, mir sind einige unerschrockene Hebammen, Alten- und Krankenpfleger sowie Erzieher begegnet.

Lehre aus der Pandemie

Ich wünsche mir als Lehre aus dieser Corona-Pandemie mehr kluge Ideen und deren schnelle Umsetzung. Ich wünsche mir etwa, dass es selbstverständlich wird, dass ich mit meiner Oma im Pflegeheim ruckelfreie Videogespräche führen kann und es echten digitalen Distanzunterricht gibt. Es liegt auch am Verhalten jedes Einzelnen, wie lange wir noch mit Einschränkungen leben müssen. So sehr ich mir mehr Digitalisierung wünsche, so ist mir auch eins in dieser Pandemie klar geworden: Es geht nichts über persönliche Begegnungen. (mz)