Maria Krautzberger im MZ-Gespräch

Maria Krautzberger im MZ-Gespräch: Tut Deutschland genug gegen den Klimawandel?

Dessau-Roßlau - Die Chefin des Umweltbundesamtes über heiße Tropennächte, Hochwassergefahren und E-Mobile. Tut Deutschland genug gegen den Klimawandel?

18.09.2016, 18:11

Schweißtreibend, sengend und geradezu tropisch waren die vergangenen Tage. Die Sonne schien länger, als normalerweise kurz vor dem Herbstanfang. Das ist eine von vielen Wettererscheinungen, die auffällt. Was hält Maria Krautzberger, die Präsidentin des Umweltbundesamtes, davon? Darüber hat MZ-Redakteur Ralf Böhme mit ihr gesprochen. Krautzberger leitet die Behörde, die die Bundesregierung in allen Umweltfragen berät. Ihr Hauptsitz ist in Dessau-Roßlau.

Haben Sie gut geschlafen, zuletzt in den tropischen September-Nächten?

Krautzberger: Ich wohne in einem alten Haus mit dicken Mauern. Das hält die größte Hitze gut ab. Insofern konnte ich gut schlafen. Doch ich weiß, vor allem ältere Menschen und auch kleine Kinder haben bei Nachttemperaturen von deutlich über 20 Grad oft Probleme. Da ist die bauliche Anpassung vieler Häuser an extreme Hitze tatsächlich wichtig. Freilich, nicht alles muss gleich neu erfunden werden. Auch die Installation einer herkömmlichen Klimaanlage ist nicht die ökologisch sinnvollste Lösung. Was Architekten und Hausausrüster alles können, zeigt trotz einiger anfänglicher technischer Schwierigkeiten unser Dienstsitz hier in Dessau-Roßlau. Oft helfen auch schon kleine Dinge: Das können klassische Fensterläden aus Holz sein, die die Sonne von der Wohnung etwas abhalten - wie in meiner bayrischen Heimat oder in Südeuropa.

Heute liegt Mitteldeutschland bei ungefähr fünf tropischen Nächten pro Jahr. Zum Ende des Jahrhunderts könnten es mehr als 40 sein, so Prognosen. Mit welchen Auswirkungen müssen die Menschen in Sachsen-Anhalt noch rechnen?

Krautzberger: Tropennächte in Mitteldeutschland, die gab es bis in die 1980er Jahre tatsächlich fast gar nicht. Sie waren die ganz große Ausnahme. Inzwischen ist der Klimawandel aber nicht mehr zu übersehen. Darauf müssen wir uns einstellen, ob es uns passt oder nicht. Sachsen-Anhalt gehört zu den Bundesländern, die nach den Modellrechnungen von mehr Hitzewellen bedroht sein werden. Vor allem die Innenstädte heizen sich dabei auf. Es gibt regelrechte Wärmeinseln, die Hitze speichern. Um den Effekt zu mindern, braucht es auch mal den Mut zur Lücke. Nicht jede Fläche sollte bebaut werden. Das ist notwendig, damit eine Stadt durchlüften kann.

Wie sieht es auf dem Land aus?

Krautzberger: Der Klimawandel betrifft jeden, die Veränderungen machen um niemanden einen Bogen. Die Landwirte zum Beispiel stehen vor der Frage, welche z.B. Getreide-Sorten halten die absehbar längeren Trockenperioden besser aus? Eine Abnahme der Niederschläge in der Zeit von April bis Juni, so um die 25 Prozent, erscheint in einzelnen Regionen mittlerweile als nicht mehr unrealistisch. Ebenso könnte es für die Schifffahrt noch viel schwieriger werden. Schon jetzt verursacht das Niedrigwasser der Elbe beträchtliche wirtschaftliche Ausfälle.

Wenig Wasser im Fluss. Dank des Klimawandels bleibt Sachsen-Anhalt in Zukunft also von Überschwemmungen verschont?

Krautzberger: Nein, das wäre ein fataler Trugschluss. Im Gegenteil, die Wetterextreme nehmen eher zu. Dazu gehören Starkregen, die allerdings nur schwer vorhersagbar sind. Kommunen sind gut beraten, sich rechtzeitig vorzubereiten. Das ist bundesweit bisher nur vereinzelt geschehen. Als beispielhaft gilt das Starkregenkonzept der Stadt Unna in Nordrhein-Westfalen. Dort hat man durchgespielt, was passiert, wenn extreme Niederschläge fallen. Entstanden ist dabei eine öffentliche Starkregen-Gefahrenkarte. Wo treten Gewässer über die Ufer, welche Garagen laufen voll, wo soll das Wasser wieder abfließen? Das Modell offenbart die Schwachstellen, die beseitigt werden müssen - zum Beispiel auch private Vorsorge durch Keller-Abdichtung. Oder Gründächer, die einen Teil der Sturzflut wie ein Schwamm aufsaugen. Wie man das alles macht, das sammelt das Umweltbundesamt in seiner KomPass-Tatenbank, die interessierte Kommunen gerne nutzen können.

Immer wieder berufen sich Politiker auf die international vereinbarten Klimaziele. Das klingt erstmal gut, aber darf man diesen Ankündigungen überhaupt Glauben schenken?

Krautzberger: Der von der UN-Klimakonferenz in Paris beschlossene Vertrag ist ein großer Schritt nach vorne gewesen. Im Dezember vergangenen Jahres haben sich die Staaten auf eine gemeinsame Lösung geeinigt. Meine Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern zeigen: Die Erwartungen der anderen Länder an die Deutschen sind sehr groß. Mit der Energiewende, weg von Kohle und Kernkraft, hin zu den Erneuerbaren Energien, wollen wir da auch Maßstäbe setzen. Daran wird sich wohl jede Bundesregierung messen lassen müssen. Leider ist der aktuelle Entwurf des Klimaschutzplanes, der unsere Klimaschutzziele für das Jahr 2050 und die dafür erforderlichen Maßnahmen skizziert, recht mutlos, es fehlen konkrete Zielvorgaben.

Sieht man allein den Diesel-Skandal, ist für den Laien zu ahnen, wie konfliktreich solche Entwicklungen verlaufen können.

Krautzberger: Der Diesel-Skandal macht deutlich: Um Umweltschutzauflagen darf man sich nicht herummogeln. Die Menschen in Deutschland haben ein Recht auf saubere Luft. Das haben auch die Gerichte wiederholt klargestellt. Insofern sollten die Hersteller auch auf ihre getäuschten und enttäuschten deutschen Kunden zugehen. In den USA scheint das zu funktionieren. Die Debatte um Volkswagen und die anderen Hersteller zeigt mir aber vor allem: In den hochbelasteten Innenstädten haben Diesel mittelfristig keine Zukunft. Selbst der modernste und sauberste Diesel stößt immer noch sechsmal mehr Stickoxide aus, als ein Benziner.

Was könnte die Lösung sein? Bei Elektromobilen passiert sehr wenig: Teilen Sie diesen Eindruck?

Krautzberger: Ja, das ist richtig. Was fehlt, sind alltagstaugliche und erschwingliche E-Mobile für jedermann. Der Umstieg auf viele solche Fahrzeuge würde die Luft in den stark belasteten Innenstädten spürbar verbessern. Wir brauchen deshalb viel mehr E-Mobile, beispielsweise auch für Post und Lieferwagen. Aber das braucht seine Zeit. Für die Zwischenzeit werden wir um schärfere Umweltzonen nicht umhin kommen. Ich wünsche mir, dass Bund und Länder endlich eine blaue Plakette einzuführen. Mit ihr könnten die Städte und Gemeinden deutlich mehr für saubere Luft in ihren Städten tun, als dies gegenwärtig möglich ist. Fahrverbote für einzelne hochbelastete Straßen oder alle Diesel, kann sich doch niemand wünschen.

Und wie hält es die UBA-Präsidentin selbst?

Krautzberger: Ich kann ganz gut ohne eigenen Wagen leben, auch dienstlich. Wenn es erforderlich ist, greife ich auf ein modernes Hybrid-Fahrzeug aus dem gemeinschaftlich genutzten Fuhrpark des Umweltbundesamtes zurück. Ansonsten fahre ich seit Jahrzehnten am liebsten Fahrrad. (mz)