Opfer von Cybermobbing

Lehrerin aus Sachsen-Anhalt berichtet über Anfeindungen im Netz

Die Digitalisierung der Schulen wird als große Chance gesehen. Experten warnen jedoch vor den negativen Seiten virtueller Lernwelten. Wie diese aussehen können, erzählt eine Lehrerin aus Sachsen-Anhalt, die Opfer von Cybermobbing wurde.

Die Attacke findet mitten in der Nacht statt - allerdings nicht im Schutz der Dunkelheit, sondern der digitalen Welt. Es ist Ende April 2020. Die Schulen sind seit einem Monat im ersten Corona-Lockdown. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag loggt sich ein Schüler gegen 1Uhr in den schulinternen Chat des Religionskurses ein und beginnt, dort seinen Frust und Hass abzuladen.

Er schickt die Abbildung von Hakenkreuzen in den Chat, schreibt „Hitler ist meine Religion“ und will diverse Menschen „vergasen“. „Es war eine Mischung aus Beleidigungen, Rassismus und Menschenhass“, erinnert sich Anna Reim. Sie ist die Religionslehrerin des Schülers. Der Kurs, zu dem der Chat gehört, ist ihr Kurs.

Lehrerin wird Opfer von Cybermobbing

Der Schüler, der so heftig im digitalen Raum wütet, geht in die achte Klasse. Nachdem er die erste Welle seines Frustes abgeladen hat, wird Anna Reim zu seiner Zielscheibe. „Er wählte sich in die Chats anderer Klassen unseres Gymnasiums ein“, erinnert sich die Lehrerin. Dort habe der Junge sie als „Hure“ und „Missgeburt“ bezeichnet, ihr den Tod gewünscht und auch mit Waffen gedroht. „Er nutzte ganz widerliche Bezeichnungen, die ich auch nur ungern wiederholen will“, sagt sie.

Auch wenn seit dem Vorfall bereits ein Jahr vergangen ist, muss Anna Reim noch immer kurz innehalten, wenn sie davon erzählt. Im Gespräch schaut sie dann ins Leere, nimmt die Hände vor das Gesicht oder schüttelt den Kopf: „Mich macht auch heute noch fassungslos, wütend und traurig, was damals passiert ist.“

„Fairsprechen“: Beratungsstelle gegen Cybermobbing

Anna Reim ist Opfer von Cybermobbing geworden. Um sie zu schützen und weil das Ermittlungsverfahren gegen den Schüler noch läuft, spricht sie unter einem Pseudonym über ihre Erlebnisse. Auch der Name der Schule, an der der Vorfall passierte, soll nicht öffentlich genannt werden. Der Jurist Andy Staudte ist sich jedoch sicher, dass viele Schulen in Sachsen-Anhalt ähnliche Fälle aus eigener Erfahrung kennen. „Die Pandemie hat notgedrungen viel Unterricht in den digitalen Raum verlagert, wo Cybermobbing zum ernstzunehmenden Problem wird“, sagt der Projektleiter von „Fairsprechen“.

Dahinter verbirgt sich eine der wenigen Beratungsstellen in Sachsen-Anhalt, die sich auf Hass im Netz spezialisiert hat. Sie wird über den Verein fjp Media organisiert. Einzelpersonen und Organisationen können sich an Andy Staudte wenden, falls sie Opfer von Anfeindungen im Internet werden. „Bildungseinrichtungen und Lehrer melden sich oft bei uns“, sagt er.

Schulleitung greift ein

Auch Anna Reim wendet sich an die Beratungsstelle. „Ich hatte zufällig kurz zuvor darüber gelesen“, erzählt sie. „Und in diesem Moment wusste ich nicht, was ich machen soll - da war ich über einen Anlaufpunkt froh.“ Sie habe sich von den Beleidigungen äußerst unangenehm berührt gefühlt.

„Es war ja nicht nur der Hass, der da über mich ausgekippt wurde, sondern auch die Öffentlichkeit, in der das geschah.“ Schon am Morgen nach der Attacke hätten sich Schüler des Gymnasiums Fotos des Chats hin- und hergeschickt. Natürlich bekamen auch ihre Kollegen etwas mit. Die Beschimpfungen wurden zum Schulthema, und Anna Reim stand ungewollt im Mittelpunkt.

Ihre Schulleitung, sagt sie, habe damals sehr besonnen reagiert. Die Polizei sei sofort verständigt worden, allein schon, da die Nachrichten volksverhetzenden Charakter hatten. „Und mein Direktor hat mich gleich aus der Schusslinie genommen und den Religionskurs einer Kollegin gegeben - das tat mir erst einmal gut.“

Viele Schulen sehen kein Problem

Andy Staudte erlebt viele Bildungseinrichtungen in solchen Situationen als weitestgehend hilflos und mitunter sogar ignorant. „Die meisten Schulen meinen noch immer, dass sie mit Cybermobbing und Hass im Netz kein Problem haben“, sagt der Jurist. Dabei seien solche Auswüchse an der Tagesordnung, sobald Schüler den Zugang zu digitalen Endgeräten bekommen.

„Das geht schon im Grundschulbereich los“, meint Staudte. Er plädiert deswegen für eine intensivere Medienbildung. „Einmal die Polizei holen und ein Workshop-Tag alle fünf Jahre reichen einfach nicht mehr aus.“ Das Thema müsse dauerhaft im Schulalltag verankert werden.

Schnelles Handeln erforderlich

Komme es zu Vorfällen, sei zudem schnelles und vor allem konsequentes Handeln notwendig. „Die Polizei zu informieren, ist nur der erste Schritt“, sagt Staudte. Auch schulintern müsse das Problem aufgearbeitet werden - mit Gesprächen zwischen den Beteiligten, wobei auch Vertrauenslehrer oder andere neutrale Personen beteiligt sein sollten. Und notfalls könnten auch Sanktionen ausgesprochen werden. „Eine Suspendierung des Schülers für mehrere Tage ist ein effektiver Weg, der ihm das Fehlverhalten deutlich vor Augen führt“, meint Andy Staudte.

Mutmaßlicher Täter minderjährig: Wird Verfahren eingestellt?

Im Fall von Anna Reim allerdings war die Adressierung des Schülers gar nicht so einfach. „Denn er stritt alles ab, und auch seine Eltern stellten sich hinter ihn“, sagt die Religionslehrerin. In den Chats habe er zwar unter seinem Namen agiert, allerdings war es in dem damals von der Schule verwendeten Portal möglich, sich auch unter fremdem Namen anzumelden.

„Ich war schon zuvor im Unterricht mit genau diesem Schüler aneinandergeraten, weswegen ich es durchaus für möglich halte, dass er die Beleidigungen geschrieben hat - es könnte aber eben auch jemand anders gewesen sein“, sagt Anna Reim. Die polizeilichen Ermittlungen, die noch laufen, haben bisher noch kein eindeutiges Ergebnis geliefert. Hinzu kommt, dass der Schüler minderjährig ist und das Verfahren gegen ihn deswegen ohnehin eingestellt werden wird.

Zuspruch und Unverständnis

In den Wochen nach dem Vorfall habe sie von ihren Kollegen viel Zuspruch bekommen, erinnert sich Anna Reim. „Allerdings gab es auch einige, die nicht verstanden haben, warum ich so betroffen war, und die meinten, dass ich mich nicht so haben solle.“ Diese Reaktionen verschlimmerten den Vorfall für die Pädagogin noch einmal. „Als Opfer kam ich in einen Rechtfertigungszwang, der mir sehr unangenehm war.“ Dadurch seien zwischenmenschliche Beziehungen in die Brüche gegangen.

Obwohl ihr die heftigen Anfeindungen noch immer zu schaffen machen, kann Anna Reim heute recht offen darüber reden. „Und ich nutze meine Erfahrungen auch für den Unterricht.“ Gerade habe sie in einer neunten Klasse das Thema Gewalt. „Da habe ich mich als Beispiel genommen und ganz offen gesagt, dass ich Opfer von Cybermobbing wurde.“ (mz/Julius Lukas)