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Wahlen in Sachsen-Anhalt Der Europawahl-Weckruf: Warum junge Menschen rechts wählen

Viele junge Europäer haben bei der Europawahl für rechte Parteien gestimmt. Die AfD hat bei den Unter-25-Jährigen den größten Zulauf. Das nur auf TikTok und Protest zu schieben, greift zu kurz. Erklärungsversuche in Eisleben

Von Lisa Garn Aktualisiert: 17.06.2024, 19:35
Verändertes Wahlverhalten der jungen Generation: Die CDU liegt bei der Europawahl vorn, aber die AfD gewinnt die meisten  Unter-25-Jährigen hinzu, die  Grünen stürzen ab.
Verändertes Wahlverhalten der jungen Generation: Die CDU liegt bei der Europawahl vorn, aber die AfD gewinnt die meisten Unter-25-Jährigen hinzu, die Grünen stürzen ab. Foto/Grafik: Adobe Stock/Büttner

Halle (Saale)/MZ. - Kurz vor der Wahl postet Ulrich Siegmund, AfD-Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt, ein Video. Blaue Jacke, akkurater Haarschnitt, er spricht direkt in die Kamera. „Uns haben aus dieser Schule viele Informationen von Schülern erreicht, dass sie manipuliert werden“, sagt er. Im Hintergrund ist das Diesterweg-Gymnasium in Tangermünde (Kreis Stendal) zu sehen, auf der Straße gegenüber ein Stand der Partei. Lehrer würden vor der AfD warnen, sagt Siegmund da. Nachprüfbar sind die Aussagen nicht.

Kurzer Schnitt: Der Stand ist umringt von Schülern, es bildet sich eine Traube. Das Video auf der Social-Media-Plattform Tik Tok zeigt, wie die AfD in diesem Wahlkampf gezielt um junge Menschen wirbt. Eine Strategie, die offenbar aufgegangen ist.

Europawahl 2024: Hoher Zuspruch für AfD bei jungen Wählern

Bei der Europawahl, bei der bundesweit erstmals ab 16 Jahren gewählt werden konnte, hat vor allem die AfD zugelegt. Zwar wurde die Union in der Altersgruppe unter 25 Jahren stärkste Kraft, aber die AfD kam auf 16 Prozent, elf Prozentpunkte mehr als 2019. Die Grünen stürzten massiv ab. Das Wahlverhalten hat sich deutlich verschoben. Aber warum? Womit konnte die AfD mobilisieren?

Eine Woche nach der Wahl in Eisleben: Es ist Stadtfest, auf dem Marktplatz hängen keine Wahlplakate mehr, in den Köpfen aber rumort es weiter. „Vielen ist die AfD zu krass, mir nicht“, sagt Jasmin. „Wir brauchen einen kompletten Neuanfang. In der Politik läuft zu viel falsch.“ Die Politik – das ist die Ampel-Koalition, die EU auch, aber ebenso die Situation auf dem Land im Osten. Es ist alles zusammen.

Vielen ist die AfD zu krass, mir nicht.

Wählerin in Eisleben

Die 25-Jährige aus Helfta, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, redet sich vor allem beim Thema Migration in Rage. „Es gibt zu wenig Regulierung, es kommen alle her. Und für Ausländer wird mehr getan als für das eigene Volk.“ Anhand von Belegen kann sie das aber nicht genau erklären.

Es ist ein eher diffuses Unbehagen. „Ostdeutschland geht zugrunde. Im Westen geht es den Leuten besser.“ Und dann der Krieg: „Warum liefert Deutschland Waffen? Wir sollten uns da raus halten. Ich habe Angst um die Zukunft unserer Kinder.“

Klimawandel, Corona, Krieg: Junge Generation in der Dauerkrise

Ängste sind ein wiederkehrendes Thema der jungen Generation. Auch wenn die 14 bis 17 Jahre alten Jugendlichen optimistisch in die Zukunft blicken, sind sie besorgter denn je. Sie sorgen sich wegen der vielen Krisen wie Kriegen, Energieknappheit, Inflation oder Klimawandel, wie aus der neuen Sinus-Jugendstudie hervorgeht.

Andere Studien zeigen, dass sich die Jungen stärker der extremen Rechten – die AfD gilt in mehreren Ländern, auch Sachsen-Anhalt, als gesichert rechtsextrem – zuwenden. Gezeigt hat sich das bereits 2023 bei Landtagswahlen in Hessen und Bayern, die AfD legte bei jungen Wählern zu.

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„2019 überwog die Sorge vor dem Klimawandel. Jetzt ist die Zustimmung für die Grünen nahezu weggebrochen“, sagt Frank Greuel, der am Deutschen Jugendinstitut in Halle unter anderem zu Radikalisierung im Jugendalter forscht. „Jüngere stimmen eher konservativ ab, das zeigen auch die Ergebnisse für die CDU.“ Greuel sieht die Gründe dafür in einer tiefen Verunsicherung. „Jugendliche machen sich mehr Sorgen um ihre ökonomische Stellung, um sozialen Abstieg.“

Sie fühlten sich in einer Art Dauerkrise. Gerade Corona hatte Kinder und Jugendliche hart getroffen. „Ihre Bedürfnisse wurden gar nicht richtig diskutiert. Sie fühlte sich nicht gesehen“, so Greuel. „So blieb ein Gefühl der Ohnmacht.“ Der Ukraine-Krieg und die hohe Inflation hätten Unsicherheiten verstärkt.

Enttäuschung führt zur Abwanderung von etablierten Parteien

Die Wahl wertet Roger Stöcker, Politikwissenschaftler der Uni Magdeburg, auch als Ausdruck einer Rebellion. „Viele junge Menschen fühlen sich allein gelassen. Das ist ihr Weckruf.“ Gegen etablierte Parteien herrsche Misstrauen, ein Antrieb sei zudem Neid. „Finanzielle Unsicherheit beeinflusst die Unterstützung rechtsextremer Parteien. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel sind gut 30 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen armutsgefährdet.“

Die AfD greife die Ängste auf, schüre sie zum Teil und biete vermeintliche Lösungen an, so Greuel. „Alles soll so bleiben, wie es ist: die Lebensweise, das Klima, die Sprache.“ Insbesondere Migration und allgemeines Politikversagen seien bei Jugendlichen sehr anschlussfähig. Dass die AfD in Teilen als rechtsextrem gilt, „wird billigend in Kauf genommen oder nicht geglaubt. Es gibt aber auch einen Anteil Jugendlicher, der rechtsextremistisch eingestellt ist“.

Nachdenken über das Wahlergebnis:  Emilia Büchel und Tim Schaaf
Nachdenken über das Wahlergebnis: Emilia Büchel und Tim Schaaf
Foto: Garn

In Eisleben sitzt Tim Schaaf an einem Stand des Kreissportbundes. Die Ergebnisse für die AfD haben ihn bestürzt, sagt er. „Dafür ist das Versagen der regierenden Parteien verantwortlich“, so der 22-Jährige aus Hettstedt. „Ihre Politik ist nicht für weite Teile des Landes, sondern für Großstädte gemacht“. Die Umweltpolitik der Grünen „sei zu extrem, zu schwarz-weiß“.

Der Landmaschinenmechatroniker führt das Agrardiesel-Verbot an, das Heizungsgesetz, E-Autos. Aus der Enttäuschung folge, so Schaaf, „dass jeder mehr auf sich guckt, sich von etablierten Parteien abwendet“. Er hat die CDU gewählt. „Weil ich will, dass der Wohlstand gehalten wird.“

Wahlkampf in sozialen Medien: AfD auf TikTok stark

Emilia Büchel aus der Nähe von Eisleben vermisst in ihrer Generation oft die Fähigkeit, politische Themen einordnen zu können. „Junge Menschen sind permanenter Reizüberflutung ausgesetzt“, sagt die 18-jährige Gymnasiastin. „Und dann gehen sie auf Tik Tok und ihnen wird immer wieder gesagt, wie schlimm alles ist. Da fehlt das ganze Bild.“ Es brauche mehr Auseinandersetzung mit Politik, im Elternhaus, in der Schule. „Das kommt oft zu kurz.“

Soziale Medien sind ein immer größerer politischer Einflussfaktor, sagt auch Greuel. „Studien zeigen, dass sich 60 Prozent der Jugendlichen auf diesen Plattformen über Politik informieren.“ Die AfD hat auf Tik Tok und YouTube deutlich mehr Reichweite als die restlichen Parteien. Oft werden kurze, emotionale Aussagen verbreitet, darauf springt der Algorithmus an. Bevorzugen Nutzer diese Beiträge, werden sie vor allem mit dem versorgt, was sie mögen – und anderes eher ausgeblendet.

AfD-Politiker Siegmund mit großer Reichweite auf TikTok

Ulrich Siegmund aus Sachsen-Anhalt erzielt auf Tik Tok gigantische Reichweiten. Manche seiner Videos erreichen mehr als eine Million Menschen. Dass die Beiträge oft kaum zwei Minuten lang sind, komplexe Themen so schwer zu transportieren sind – er sieht das auf MZ-Nachfrage als Vorteil. „Kurze, knackige Statements sind oft besser als lange, inhaltsleere Reden.“ So wüssten „Menschen direkt, was wir wollen“.

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Siegmund nutzt die Kanäle geschickt, er setzt neben Empörung auf eine Art lockeren Kumpelton, in dem er die Welt der Politik erklärt. In den Videos geht es darum, „wie es wirklich aussieht“ nach Ansicht des AfD-Fraktionschefs, in Deutschland und in Sachsen-Anhalt. Details, die für eine Einordnung wichtig wären, fehlen oft. Andere Beiträge von AfD-Politikern wirkten noch subtiler, sagt Greuel.

Dann gehe es zum Beispiel um Männlichkeit. „Gerade männliche Jugendliche sind heute unsicherer in ihren Geschlechtsrollen. Und da sagt einer, was zu tun ist. So können harmlos wirkende Themen gezielt mit rechtspopulistischen Haltungen aufgeladen werden.“

AfD: Erfolg bei jungen Männern

Tatsächlich sprechen rechte und rechtsextreme Parteien stärker junge Männer an, sagt Politikwissenschaftler Stöcker. „Man sollte den Erfolg der AfD bei jungen Wählern aber nicht überbewerten. Der größte Zuspruch liegt in der mittleren Altersgruppe ab 25 Jahren.“ Das Wahlverhalten Jüngerer sei heterogen, sie stimmten auch für etablierte Volksparteien wie Union oder SPD.

„Wie im Alltagsleben tun sie sich schwer mit festen Bindungen – ob in Vereinen, Partnerschaften oder Parteien. Insofern muss auch dieses Ergebnis nicht so bleiben.“ Wichtiger werde aber die Einordnungskompetenz politischer Parolen. „Das Hauptproblem unserer Gesellschaft sind Vorurteile und Pauschalisierungen. Auch die Schule hat die Aufgabe, diese Themen differenziert aufzugreifen.“ Dabei müsse es um Konkretes gehen.

„Was die Menschen auf der Straße oder im Fußballverein reden, von vermeintlich korrupten Politikern und faulen Ausländern – das muss man aufgreifen, faktisch prüfen und nötigenfalls entkräften“, so Stöcker.

Vielleicht, sagt Tim Schaaf, wäre schon viel getan, „wenn sich alle mehr engagieren und zusammen sind, auch in Vereinen“, sagt der 22-Jährige. „Wir brauchen wieder mehr Gemeinsames, nicht das Trennende.“