Flügel-Sensation bleibt aus

AfD bei der Landtagswahl unter den Erwartungen: Hat die Partei ihren Zenit erreicht?

Wieder fährt die Rechtsaußen-Partei ein hohes Ergebnis ein, wird nach der CDU zweitstärkste Kraft. Doch Mitglieder hatten mehr erwartet - ist der Zenit erreicht?

Von Jan Schumann
Hohes Ergebnis, dennoch unter den Erwartungen: Spitzenkandidat Kirchner (links) und Bundeschef Chrupalla
Hohes Ergebnis, dennoch unter den Erwartungen: Spitzenkandidat Kirchner (links) und Bundeschef Chrupalla (Foto: dpa)

Magdeburg - Noch bevor die ersten Ergebnisse einlaufen, sind sie siegesgewiss auf der Wahlparty der AfD. „Ich glaube, es wird ein besseres Ergebnis als letztes Mal“, so gibt der Wittenberger Landtagsabgeordnete Matthias Lieschke kurz vor 18 Uhr die Marschrichtung vor.

Was er sagt, glauben hier viele: Denn schließlich habe die Rechtsaußen-Partei nach dem Überraschungserfolg von 2016 mit gut 24 Prozent mittlerweile deutlich an Professionalität gewonnen - auch an Erfahrung und finanzieller Schlagkraft.

Alexander Gauland und Björn Höcke in Magdeburg

Viele hier sind deshalb genauso hoffnungsvoll wie Lieschke. Auch die Parteispitze. Man sieht es an der Gästeliste dieses Abends: In Erwartung eines erneuten Siegeszugs in Sachsen-Anhalt ist nicht nur der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland nach Magdeburg gekommen, sondern auch gleich vier Chefs verbündeter Landesverbände. Darunter ist auch Björn Höcke, Vorsitzender des besonders radikalen Thüringer AfD-Verbands. Der Verfassungsschutz stuft Höcke als Rechtsextremisten ein.

Tino Chrupalla: AfD muss „mehr Osten wagen“

Die ganz große Party ist es am Ende nicht in Magdeburg. Denn die ersten Hochrechnungen zeigen ein Ergebnis, das noch unter dem Ergebnis aus dem Jahr 2016 liegt. Aber: Auch die Konsolidierung sei ein „großer Erfolg“, versichert Höcke sogleich auf der Bühne. Viele hier haben trotzdem mehr erwartet, man sieht es in den Gesichtern, als die ersten Zahlen über den Bildschirm laufen. Eine so starke CDU - das hätten sie hier nicht erwartet. So richtig jubeln können die AfD-Mitglieder erst wieder, als sie die schwachen SPD- und Grünen-Zahlen sehen. Die „Deutschland-Abschaffer“, so nennen sie die verhassten linken Parteien hier.

Für Partystimmung soll an diesem Abend der AfD-Landesvize Hans-Thomas Tillschneider sorgen - er ist einer der Gründe, aus denen die Landespartei vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall behandelt wird. „Die Jagdsaison ist noch nicht beendet“, verspricht Tillschneider nun in Anlehnung an Alexander Gauland, der beim Einzug in den Bundestag versprochen hatte, die Regierenden zu jagen. Tillschneider ruft: „Die Jagd geht weiter!“

Die Jagdsaison ist noch nicht beendet.

Hans-Thomas Tillschneider, AfD

Dass bei den Parteifreunden dennoch ein wenig Enttäuschung in der Luft liegt, ahnt auch AfD-Bundeschef Tino Chrupalla. Obwohl er Sonntagabend noch einen TV-Auftritt in der Talkshow „Anne Will“ hat, fährt er extra in Magdeburg vor. Er beschwört die Mitglieder, das nächste Mal werde die AfD vor den Christdemokraten landen. Sicher sei, so der Sachse: „Links-grüne Spinnerei hat Sachsen-Anhalt abgewählt.“ Was er damit meint, wissen sie hier: Theoretisch hätten CDU und AfD eine Mehrheit im Bundesland. Spitzenkandidat Oliver Kirchner hatte sich im Wahlkampf für Kooperationen bereits offen gezeigt: Schließlich seien die persönlichen Verhältnisse zwischen AfD- und CDU-Abgeordneten im Landtag in Magdeburg deutlich besser als in anderen Parlamenten.

Chrupalla sieht das Ergebnis in Sachsen-Anhalt als vorbildhaft für den Rest seiner Partei - im September stehen die Bundestagswahlen an. „Volkspartei“ sei die AfD hier längst, ruft der Parteichef Chrupalla in Magdeburg. Und Höcke, Ex-Chef des besonders radikalen „Flügel“-Netzwerks in der AfD, ruft: „Wir müssen im Westen mehr Osten wagen!“ Seit Jahren herrscht ein erbitterter innerparteilicher Streit zwischen dem radikalen Flügelnetzwerk und dessen Konkurrenten - in Sachsen-Anhalt hat der Flügel längst das Zepter übernommen, dominiert die Partei, fährt an diesem Sonntag erneut ein stattliches Ergebnis ein.

Für den Landtag bedeutet das stabile AfD-Ergebnis: weiterhin Total-Opposition mit harten Angriffen auf die Konkurrenz. Den entsprechenden Ton hatte Spitzenkandidat Kirchner immer wieder im Wahlkampf gesetzt - etwa wenn es um die Corona-Politik ging: „Frau Merkel, wenn Sie sich einsperren wollen, sperren Sie sich ein!“, rief er zuletzt.

AfD feiert Kirchner: „Oli! Oli“

Was verhinderte also einen noch größeren Wahlerfolg der AfD? Hat die Partei ihren Zenit erreicht? Spitzenkandidat Kirchner sieht den Grund in den Prognosen vor der Wahl, die teils einen Zweikampf mit der CDU vorausgesagt hatten. Selbst Linken-Wähler seien diesmal zur CDU gewechselt, „um uns zu verhindern“, ruft Kirchner auf der Wahlparty. Ihn feiern sie hier im Chor: „Oli! Oli!“ (mz)