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Mere: Russischer Discounter-Supermarkt hat in Leipzig eröffnet

Leipzig - Schon vor der Eröffnung um 9 Uhr hat sich am Dienstagmorgen eine  Menschentraube vor dem Discounter Mere gebildet. Einige der wartenden Kunden erinnern sich an die Zeiten nach der Wende. Damals löste jeder neue Aldi-Markt einen wahren Käuferansturm ...

Von Steffen Höhne 30.01.2019, 10:16

Schon vor der Eröffnung um 9 Uhr hat sich am Dienstagmorgen eine  Menschentraube vor dem Discounter Mere gebildet. Einige der wartenden Kunden erinnern sich an die Zeiten nach der Wende. Damals löste jeder neue Aldi-Markt einen wahren Käuferansturm aus. 

„Hier sieht’s auch aus wie in den 90er Jahren“, sagte ein Kunde gleich beim Durchschreiten der Eingangstür. In massiven Stahlregalen liegen Kartons mit Dosenfisch und Tee, daneben lagern Klobürsten und  Fußabtreter. Innerhalb weniger Minuten  haben sich in dem 1 000 Quadratmeter großen Markt lange Schlangen an den Kassen gebildet. 

Der Markt Mere im Leipziger Nordosten ist die erste Filiale einer russischen Discounter-Kette   in Deutschland.  Der Einzelhändler plant mehr als 100 Märkte und will  die Platzhirsche Aldi und Lidl preislich noch unterbieten.  Die Kombination aus „Billig-Markt“ und „Russland“ elektrisiert die deutsche Öffentlichkeit, ganz ohne Werbung gibt es am ersten Tag einen  Kundenansturm.

Mere-Discounter: Der Mais heißt "Kukurydza"

Unter fahlem Neonröhren-Licht stapeln sich dort Pappkartons bis an die Decke. Ist einer leer, reißen die Kunden in Handarbeit den nächsten auf. Daneben stehen Konservendosen - es herrscht Palettentristesse. Auffällig ist, dass viele der angebotenen Waren aus Osteuropa stammen. Der Mais heißt „Kukurydza“, die Bolognese aus dem Glas „Bolonnski“, selbst die H-Milch kommt aus Tschechien. 

Die Kunden stört das offenbar wenig. „Wir sind neugierig gewesen, was es hier alles so gibt“, sagt Natalia Koch, die zwei Einkaufstüten voll mit Produkten aus dem Markt trägt. Sie  hält Angebot und Preise für „gut“. Für die Tee-Packung hat sie  29 Cent gezahlt, der Kaffee „Schirmer 1854“ in der 500-Gramm-Packung kostete 2,59 Euro. 

Eine andere Kundin hält eine Pfanne hoch und meint: „Hat weniger als drei Euro gekostet.“ Der „glücklichste“ Kunde ist wohl Manfred Schöbel gewesen. „So viele Produkte habe ich noch nie für 75 Euro bekommen“, sagt er und hält einen Kassenzettel hoch.

Doch können Lebensmittel aus Osteuropa beliebig in Deutschland verkauft werden? Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels teilt auf MZ-Anfrage mit:  Hersteller und die Händler müssen die europarechtlichen Vorschriften für Lebensmittelprodukte einhalten. Zudem dürfen in Deutschland nur Produkte verkauft werden,  die in deutscher Sprache  gekennzeichnet sind. Das gilt beispielsweise für die Inhaltsstoffe. 

Wer beliefert Mere?

Bei Mere gibt es nur ein Grundsortiment wie Salz, Milch, Wurst und Nudeln - Markenprodukte fehlen. Wer die Lieferanten sind, dazu äußert sich eine Firmensprecherin nur vage: „Sie kommen aus Deutschland und Europa.“ Der neue Discounter  verspricht „jeden Tag nur Tiefstpreise“.  Doch hat Mere eine Chance gegen Aldi, Lidl & Co.?

Die erste Filiale befindet sich in einem ehemaligen Aldi-Markt im kleinen Einkaufszentrum „Portitz-Treff“ am Rande der Messestadt. In der Nachbarschaft  befinden sich der Textil-Discounter Kik und der Haushaltswaren-Markt Tedi - im Inneren der Ladenzeile fällt ein rosa gestaltetes Nagelstudio auf. Das Ganze würde sich auch gut als Kulisse für die RTL-2-Doku-Soap „Hartz aber herzlich“ eignen.

Laut Handelsexperten Johannes Berentzen haben sich die deutschen Discounter in den vergangenen Jahren gewandelt und sich dabei klassischen Supermärkten angenähert. Bei Lidl gibt es zu Weihnachten längst Champagner und bei Aldi Hirschgulasch. „Es ist eine Lücke im untersten Marktsegment entstanden, die der russische Newcomer schließen will“, sagte Berentzen der „Wirtschaftswoche“.

Mere-Zielgruppe sind Käufer, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen

Zielgruppe von Mere seien Käufer, die jeden Cent zweimal umdrehen müssten. Für den Marketingexperten Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf ist es kein Zufall, dass die erste Filiale  in Ostdeutschland eröffnet. „Es gibt eine Kundschaft in manchen Regionen  für einen solchen Discounter.“ Die Kaufkraft sei in Ostdeutschland teils geringer, und es gebe mehr günstige Verkaufsflächen.

Bei Mere stehen am Dienstagvormittag vor allem Rentner an den drei Kassen an. Einige füllen ganze Einkaufskörbe, andere kaufen nur wenige Produkte. „Es gibt schon günstige Angebote, doch extra hier herfahren, lohnt sich für mich wahrscheinlich nicht“, meint Kundin Alexandra Aust. Sie hat  verschiedene Säfte in ihrem Einkaufswagen.

Der Start in Leipzig verlief  auch nicht reibungslos. Rentner Hans-Joachim Quinque wollte Wurst für 73 Cent kaufen, an der Kasse wurden ihm jedoch vier Euro berechnet. „Das System hat nur den Kilopreis erkannt“, sagt er nach einem Gespräch mit dem Marktleiter. „Der Fehler wurde aber unkompliziert behoben.“ Eine andere Kasse konnte den Barcode der Milch nicht lesen.

"Vom Andrang etwas überrascht"

„Wir sind von dem Andrang zum Start etwas überrascht“, sagt eine Mere-Sprecherin, die sich zur Entlastung der Mitarbeiter gleich mit an die Kasse setzt. „Wir dachten, wir hätten mehr Zeit zur Einarbeitung.“

Der Discounter will seinen nächsten Markt im sächsischen Zwickau eröffnen, auch in Sachsen-Anhalt sollen Läden entstehen. Auf der Internetseite der deutschen Tochter TS Markt sucht das Unternehmen dafür noch „gebrauchte Kühltruhen bis 400 Euro“ oder „Gitterboxen und Wühltische bis 60 Euro“. Das Motto „Tiefstpreise“ gilt also nicht nur für die angebotenen Lebensmittel, sondern für die gesamte Unternehmensausstattung.

Der Leipziger Handelsexperte Gerd Hessert von der Universität Leipzig rechnet dennoch nicht damit, dass die  Discounter-Kette  hierzulande Fuß fassen kann.  „Allein um die Logistikkosten zu schultern, sind mindestens 100, wahrscheinlich aber 200 bis 300 Filialen notwendig“, sagt Hessert der MZ.  Mit   Mäc-Geiz und Tedi gebe es auch schon Haushaltsdiscounter, die ein großes Sortiment häufig zu einem Euro je Artikel anbieten. Es sei nicht der erste Anlauf eines ausländischen Einzelhändlers, den deutschen Markt zu erobern. Doch selbst der weltgrößte Einzelhändler, der US-Konzern  Wal-Mart, sei damit gescheitert.

Produktstrategien, Logistikkosten und  langfristige Rentabilität interessieren die neuen Kunden von Mere  freilich wenig.  Sie sind vor allem auf ein Schnäppchen aus. Eine Kundin zeigt einem Fernsehteam ihre neue Klobürste für 73 Cent und Müllbeutel für 40 Cent. Wenn Handelsexperten meinen, die Zeit von „Geiz ist geil“ sei vorüber, dann wird im Leipziger Nordosten gerade die Zeit  zurückgedreht. (mz)