Saugute Falle

Wie ein Jäger aus Coswig mit der Wildschwein-Plage fertig werden will

Wildschweine werden in Wäldern zunehmend zum Problem. Ein Jäger aus Coswig löst das mithilfe von moderner Technik.

Von Julius Lukas
Gert Mürmann schüttet neues Futter in seinen Sauenfang. Es ist eine Mischung aus Mais und Hundefutter, die bei Wildschweinen sehr beliebt ist. (Foto: Andreas Stedtler)

Coswig - Es kommt nicht selten vor, dass das Mobiltelefon von Gert Mürmann mitten in der Nacht nicht mehr still steht. Dann bekommt der 47-Jährige Nachrichten im Sekundentakt auf das Display. Das Dauerpiepen der eingehenden Meldungen ist für Mürmann jedoch durchaus ein angenehmer Wecker. Denn ausgelöst wird es durch eine Wildkamera im Wald, die Bilder an das Telefon des Jägers schickt. „Die Wildkamera beobachtet eine meiner Fallen“, erklärt Mürmann. „Und sobald sich dort etwas bewegt, bekomme ich eine Nachricht mit einem Bild – und auf dem sehe ich dann, ob ein Wildschwein in meine Falle getappt ist.“

Gert Mürmann ist Wildschweinfänger, wobei es diese Berufsbezeichnung so eigentlich nicht gibt. Allerdings ist es eine recht treffende Beschreibung dafür, was der baumlange Mann aus Coswig (Kreis Wittenberg) macht. Denn während die Jägerschaft die Schwarzkittel mit dem Gewehr zur Strecke bringt, hat Mürmann eine andere Methode gewählt. Er stellt „Sauenfänge“ auf – und damit ist er in Sachsen-Anhalt und auch Deutschland durchaus ein Exot.

Käfig aus rostbraunem Metall für Wildschweine

Die Fänge sind eine zwar sehr alte, aber wenig verbreitete Methode zur Wildtierreduzierung. Wie sie funktioniert, erklärt Gert Mürmann in einem Wald am Dessauer Stadtrand. Dort befindet sich eine seiner sieben Fallen. Um zu ihr zu gelangen, muss man sich durch etwas Dickicht kämpfen. Dann steht man vor einem großen Metallkäfig, der gut als Requisite in einen Horrorfilm passen würde – rostbraun und mit einem Boden aus Holzlatten. An einer Stirnseite ist er offen. Und über der Öffnung schwebt guillotinengleich ein Tor. „Wenn die Sau drin ist, kann ich das auf Knopfdruck runterfallen lassen – und das Tier ist gefangen.“

Bevor der genaue Mechanismus erläutert wird, noch ein kurzer Exkurs zur Frage: Warum das Ganze? Schwarzwild ist in den Wäldern zuhauf vorhanden. Es ist in den vergangenen Jahren zu einer regelrechten Plage geworden. Für Waldbesitzer ist das ein Problem, da die Schwarzkittel Pflanzen zerstören. Für die Bevölkerung werden die Tiere dann störend, wenn sie als Rotten durch Stadtgebiete marodieren und Vorgärten und Friedhöfe verwüsten. Hinzu kommt, dass Wildschweine die Afrikanische Schweinepest weitertragen und somit als Gefahr für Nutztierbestände gelten. Deswegen gibt es in Sachsen-Anhalt sogar eine Abschussprämie für Schwarzwild.

Aufgenommen mit der Wildkamera: Eine Rotte nähert sich dem Fang an.
(Foto: Andreas Stedtler)

Die Borstentiere sind also unbeliebte Gäste. Doch nicht überall können sie auch gut bejagt werden. „Vor allem in besiedelten Gebieten sind Drückjagden oft unmöglich“, erklärt Adrian Feldmann. Er ist Leiter des Forstbetriebs Anhalt und lässt in seinem Gebiet Sauenfänge von Gert Mürmann aufstellen. Gerade die Falle im Wald bei Dessau sei ein gutes Beispiel, denn im nahe gelegenen Wohngebiet wurden immer wieder Vorgärten durchwühlt. „Da gibt es eine große Schwarzwildpopulation, aber eben auch viele Häuser und zudem sind noch eine Bahnlinie und die Autobahn in der Nähe.“ Um Jagdunfälle zu vermeiden, sei der Sauenfang an solchen Orten eine Alternative. Das gilt auch für Naturschutzgebiete, wo – wenn überhaupt – nur sehr wenig gejagt werden darf. „Und positiv bei den Fängen ist zudem“, sagt Feldmann, „dass man damit gleich eine ganze Rotte fangen kann – also mehrere Schweine auf einmal.“

Trotz dieser Vorteile sind die Fänge in den deutschen Wäldern nur selten anzutreffen. Laut einer Studie des Thünen-Instituts, das sich mit der Erforschung ländlicher Räume befasst, befinden sich bundesweit etwa 100 Fänge im Einsatz. Wichtigster Grund für die Nichtnutzung sind laut Institut der Aufwand bei der Fallenstellung sowie die fehlende Akzeptanz in der Jägerschaft.

Misstrauen von Jägern gegen Technik zum Wildschwein-Fangen

Im Wald bei Dessau kippt Gert Mürmann gerade aus einem grauen Eimer eine Mischung aus Mais, Getreide und Hundefutter in den Sauenfang. „Das mögen die Schweine“, erklärt der 47-Jährige, der im Hauptberuf beim Ordnungsamt arbeitet und zudem Stadtjäger in Coswig ist. Die Jagd in der Stadt hat ihn auch dazu gebracht, sich mit alternativen Methoden zur Wildtierreduzierung zu beschäftigen. So stieß er auf die Käfige. „Ich habe viel dazu gelesen und es dann einfach ausprobiert.“ Auch er habe viel Skepsis erlebt. „In der Jägerschaft beschäftigt sich kaum jemand damit, deswegen wird das schnell abgetan.“

Doch Mürmann blieb dran und verfeinerte die Technik. Während es bei früheren Fängen noch notwendig war, dass jemand im Wald neben dem Käfig sitzt und auf die Schweine wartet, läuft die gesamte Überwachung mittlerweile ferngesteuert. An einem Baum über dem Fang ist eine Wildkamera installiert. Die schickt Bilder an Gert Mürmanns Telefon, sobald sich etwas bewegt. „Leider sind das nicht immer Wildschweine, sondern oft auch Waschbären, die sich am Futter zu schaffen machen.“

Zeigt das Kamerabild jedoch Wildschwein-Besuch, sendet Gert Mürmann eine SMS an die von ihm entwickelte Schließanlage. „Vier Sekunden später geht das Gitter zu“, erklärt er und demonstriert es gleich danach. Er schickt eine SMS und schon kracht das Gitter nach unten. Ein metallisches Scheppern rauscht durch den Wald.

Firmen nutzen die Anlage für Wildschweine auf ihrem Gelände

Sind die Schweine eingepfercht, macht der Jäger sich gleich auf den Weg zum Fang, um das Wild zu erlegen. „Dadurch, dass sich die Tiere in einem Käfig befinden, sind sie Gehegewild und man braucht eine Zusatzausbildung, um sie zu töten“, erklärt Mürmann. Die Sauenfänge seien zwar eine Methode, den Wildschweinbestand zu dezimieren, es handle sich dabei aber nicht um eine Jagd.

Mit seinen Saufängen hat Gert Mürmann mittlerweile ein Gewerbe gegründet. Waldbesitzer buchen ihn, aber auch Firmen, die auf ihrem Betriebsgelände Probleme mit randalierendem Schwarzwild haben. Wie gut die Fänge funktionieren, zeigt sich wenige Tage nach dem Besuch im Wald bei Dessau. Da schickt Gerd Mürmann ein Bild seiner Wildkamera. Darauf zu sehen ist eine Rotte Wildschweine, die ihm in die Falle getappt ist. Das einzige Problem am Fang: „Es war wieder einmal mitten in der Nacht, um drei Uhr – aber da muss man sich eben nach den Schweinen richten“, meint Gert Mürmann. (mz)