Küchengebäude in Wörlitz

Küchengebäude in Wörlitz: Familie Bruhnke geht nach 21 Jahren

Wörlitz - Nach zwei Jahrzehnten verlassen Oliver und Alena Bruhnke das Wörlitzer Küchengebäude. Nicht nur coronabedingt.

Von Andreas Behling

Von einer Henkersmahlzeit, die er gemeinsam mit seiner Frau Alena genoss, will Oliver Bruhnke nicht sprechen. Womit er unbedingt recht hat. Denn das Leben ist ja nicht schlagartig zu Ende, nur weil es an einer Stelle Zeit wurde, das Feld zu räumen. Immerhin aber ging nach dem Jahreswechsel ein langer Lebensabschnitt zur Neige, der im Fall der Bruhnkes knapp 21 Jahre währte.

Am 3. Januar, so vermeldete es das Paar seinen Freunden, Stammgästen, Geschäftspartnern und den Angestellten, wurden die Türen der Gastwirtschaft im Wörlitzer Küchengebäude verriegelt. Die Corona-Pandemie sei „nur der letzte Grund“ gewesen, sich gegen eine Verlängerung des Pachtverhältnisses zu entscheiden.

Man habe auch aufs Alter geschaut, verrät Oliver Bruhnke. Während seine Frau, die stets die gute Seele in der Küche war, inzwischen 67 ist, vollendet er demnächst das 65. Lebensjahr. Zeit zum Innehalten also. Denn die Umstände des zweiten Lockdowns seien finanziell problematisch gewesen. „Wir haben unsere Lebensversicherung reingehauen“, so der Gastronom.

„Über 16 Wochen hinweg hatten wir null Einnahmen.“ Dabei kannten die Wörlitzer schwierige Situationen zur Genüge. 2002 und 2013 waren zwei katastrophale Hochwasser zu überstehen. Und zuletzt fehlte es in den heißen Sommern an Wasser im See und den Kanälen des Parks. „Doch das waren vorübergehende Ereignisse. Das ging alles zu kompensieren“, erzählt Oliver Bruhnke, der aktuell nicht weiß, wer das Lokal übernehmen wird.

Ohne Übergabe

„Eine Übergabe wäre sicher wünschenswert gewesen. Aber wir wollen an Gerüchte, die es in solchen Fällen immer gibt, keine Gedanken verschwenden. Deswegen sind wir jetzt am Ausräumen und lagern Geschirr und Besteck aus.“ Bruhnke selbst ist ein gestandener Mann des Metiers. Seine Koch-Lehre absolvierte er im thüringischen Oberhof. Nach einer Station in Ferch (Brandenburg) kochte er im Berliner Interhotel „Metropol“.

Es folgte eine Position als Sous Chef im Warenhaus am Hauptbahnhof Berlin. Mit dem erfolgreichen Abschluss der Küchenmeister-Ausbildung avancierte Bruhnke zum Küchenchef und Restaurantleiter der Hertie-Kaufhauskette, bevor er als Restaurantmanager in den „Kaufhof“-Komplex am Alexanderplatz wechselte. „Unser Berater hat uns schließlich zugeredet, das Angebot in Wörlitz anzunehmen.“

Seinerzeit hatte die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz die Gastronomie ausgeschrieben und dem damaligen Direktor Thomas Weiß war daran gelegen, keinen Großgastronomen einzubinden. Der Stiftungschef versprach sich zwischen dem Lokal im einen und dem bis zum Herbst 2020 existierenden Gartenreichladen im anderen Flügel des Küchengebäudes eine Symbiose, die das Publikum zu schätzen weiß. „Und das hat auch prima funktioniert“, findet Bruhnke. „Steak hochkant hat niemand von uns erwartet.“

Für ihn und seine Frau, die ungefähr 30 Jahre im „Maritim-Hotel“ Berlin arbeitete, stellte sich Wörlitz als Herzensangelegenheit heraus. Bereits nach drei Jahren zog das Paar von der Hauptstadt, wo Oliver Bruhnke noch heute der Innung der Küchenmeister und dem Köcheverband angehört, ins Anhaltische. Hier wollen sie sich - wenn unbeschwertes Reisen wieder möglich ist - weiter um die Gäste ihrer Ferienwohnung kümmern.

Abschied mit knuspriger Ente

So sind es die optimistischen Ausblicke, die überwiegen. Grund genug allemal, sich eben kein Henkersmahl, sondern eine schöne knusprige Ente zum Abschied zu gönnen. Es hätte aber auch ein Wörlitzer Krautwickel sein können. „Unsere Version einer Kohlroulade“, schwelgt Oliver Bruhnke in angenehmer Erinnerung, „ist bei den Gästen immer sehr gut angekommen.“

Kamin ist eine Augenweide

In ihrem Band „Historische Gasthöfe in Sachsen-Anhalt“ haben Günther Köhler und Friedhold Birnstiel der Gastwirtschaft im Küchengebäude ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Sie sprechen von „einer der traditionsreichsten und zugleich originellsten historischen Einkehrstätten im Wörlitzer Gartenreich“. Zumal sie einen Anziehungspunkt und „regelrechte Augenweide“ besitzt: eine 240 Jahre alte Kaminanlage, welche die Gaststube vom Boden bis zur Decke beherrscht.

Gerade in den Wintermonaten drehte sich unter der Regie von Alena und Oliver Bruhnke manch saftig-krosser Braten über lodernden Holzscheiten am massiven Spieß. Erwähnung findet zudem der unterirdische Gang, der das Schloss mit dem Gebäude verbindet, das Anfang der 1770er Jahre entstand und in der DDR für die Schulspeisung und Altenbetreuung genutzt wurde. (mz)