An der Seuchenfront

An der Seuchenfront: Schweinepest lässt Jäger zu Militärausrüstung greifen

Coswig - Die Hirsche sind schwarze Flecken auf leuchtendem Untergrund. Ihre Köpfe senken sich auf und nieder, während sie grüne Halme vom brachliegenden Feld fressen. „Die sind etwa 500 Meter entfernt“, schätzt Gerhard Paul. Gerade hat der Jäger durch ein dickes Fernrohr geschaut. Es ist ein Nachtsichtgerät. Alles, was in der Umgebung Wärme abstrahlt, wird darin schwarz dargestellt. „Ohne diese Technik hätte ich keine Chance, die Tiere jetzt noch zu sehen.“ Denn um Paul herum ist es ...

Von Julius Lukas

Die Hirsche sind schwarze Flecken auf leuchtendem Untergrund. Ihre Köpfe senken sich auf und nieder, während sie grüne Halme vom brachliegenden Feld fressen. „Die sind etwa 500 Meter entfernt“, schätzt Gerhard Paul. Gerade hat der Jäger durch ein dickes Fernrohr geschaut. Es ist ein Nachtsichtgerät. Alles, was in der Umgebung Wärme abstrahlt, wird darin schwarz dargestellt. „Ohne diese Technik hätte ich keine Chance, die Tiere jetzt noch zu sehen.“ Denn um Paul herum ist es stockfinster.

Der 70-Jährige, der seit 41 Jahren zur Jagd geht, steht am späten Nachmittag in der Nähe von Coswig (Landkreis Wittenberg) an einem Feldrand. Es ist eine Gegend, in der die Orte klein und die Wälder groß sind. „Da hinten liegt Brandenburg“, sagt Paul und deutet ins Dunkel. Sachsen-Anhalts Nachbarbundesland ist nur einen Steinwurf entfernt. Und die Grenze ist derzeit auch eine Frontlinie. Das mag martialisch klingen, allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass dort bald Zäune aufgebaut werden müssen. Nicht um Menschen abzuhalten, sondern Wildschweine.

Afrikanische Schweinepest in Osteuropa

Denn in Brandenburg und auch Sachsen ist eine Seuche angekommen, die bei Tierhaltern für Grauen sorgt. Es geht um die Afrikanische Schweinepest (ASP), die sich in Osteuropa ausgebreitet hat. Im September 2020 wurde die Viruserkrankung erstmals in Deutschland nachgewiesen. Nun zieht sie westwärts weiter. Bisher gibt es 480 dokumentierte Fälle in Brandenburg und Sachsen. Neun von zehn infizierten Schweinen sterben an der Seuche. Gelangt der Erreger in eine Mastanlage, dann ist der Bestand dahin. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ASP auch nach Sachsen-Anhalt kommt“, sagt Gerhard Paul.

Eine Expansion der Pest ist zwar kaum zu stoppen, trotzdem wird gegen die Wildschweine aufgerüstet, um die verseuchten Gebiete frühzeitig zu erkennen und schnell abriegeln zu können. Dafür wurden Zäune vom Land angeschafft. Zudem gibt es seit diesem Jahr eine Abschussprämie von 50 Euro pro Schwein. Und unlängst hat das Umweltministerium erlaubt, was zuvor vor allem im Militär zum Einsatz kam: den Einsatz von Nachtsichtgeräten.

Vom Wind vertrieben

Durch das Spezialfernrohr kann man sehen, wie das Damwild über den Acker davongaloppiert. „Der Wind weht aus unserer Richtung, die haben uns gerochen“, sagt Gerhard Paul. Am Tag zuvor hatte der Vorsitzende der Jägerschaft „Mittlere Elbe Vorfläming“ einen Vollschaufler geschossen – also einen Hirsch der prächtigeren Art. Das bleibt ihm heute verwehrt. Nicht nur, weil das Damwild sich vom Acker macht, sondern auch, weil seine Bejagung mit Nachtsichtgerät nicht erlaubt ist. Denn nur Wildschweine dürfen mit dieser technischen Unterstützung geschossen werden.

Der Jäger zieht weiter. Sein nächstes Ziel ist ein Hochstand am Waldrand. Von oben blickt man auf ein Feld, das mit Klee bewachsen ist. Feinstes Wildfutter. Gerhard Paul schraubt das Nachtsichtgerät auf seine schallgedämpfte Büchse. 4.000 Euro hat das Fernrohr für die dunklen Stunden gekostet. Das sei es auch wert. „Damit kann man vom Boden aus die warmen Turbinen von Flugzeugen in 8.000 Metern Höhe sehen“, meint Paul. Auf dem Kopf trägt er eine Mütze aus Fuchsfell. „Selbstgeschossen“, sagt er.

Der Mond dringt nicht durch die Wolkendecke. Es ist nicht nur eine dunkle, sondern auch eine kalte Nacht. Ruhe legt sich über das Feld. Nur die Stämme der Kiefern knacken im Wind. Und ab und an sind die Laute von Drosseln zu hören, die sich auf dem Flug nach Süden über die Schlehen- und Hagebuttensträucher des Waldes hergemacht haben.

Seit 10. September 2020 ist klar, dass die Afrikanische Schweinepest (ASP) auch in Deutschland angekommen ist. Damals bestätigte das Friedrich-Löffler-Institut die Infektion eines Wildschweins. Das tote Tier wurde in Brandeburg im Grenzgebiet zu Polen gefunden. Seitdem folgten fast 500 weitere Funde. Die Ausbreitung der Seuche hat fatalen Folgen für die Fleischindustrie. Zum einen ist das Virus eine Gefahr für die Tiere in den Mastanlagen. Und zudem haben die ASP-Funde den durch Corona ausgelösten Preisrutsch noch verstärkt. Während der Pandemie sank die Nachfrage. Zudem stoppte China den Import von Schweinefleisch aus Deutschland – aus Angst vor einer Einschleppung der Seuche. Derzeit kostet ein Kilo Schlachtschwein 1,19 Euro. Vor einem Jahr waren es noch über zwei Euro.

Um sich vor der Schweinepest zu schützen, haben einige Bundesländer bereits Maßnahmen ergriffen. So hat Bayern seine nordöstliche Grenze mit einem 500 Kilometer langen Zaun versehen. Der soll Wildschweine abhalten. Auch Sachsen und Brandenburg haben solche Zäune aufgestellt. Zu ASP-Fällen kam es in diesen Bundesländern trotzdem. Die Übertragung des Virus geschieht dabei nicht nur von Tier zu Tier. Auch Essensabfälle können zur Verbreitung des für Menschen ungefährlichen Erregers beitragen. Denn auch in verarbeiteten Fleischwaren bleibt dieser erhalten. Schon ein im Wald weggeworfenes Pausenbrot kann so zu einer Infektion führen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium warnt deswegen: „Solche Essensreste sollten vermieden oder für Wildschweine nicht zugänglich entsorgt werden.“

Jagen in der Nacht bedeutet, warten zu können. Etwa 3.000 Tiere hat Gerhard Paul in 41 Jahren bereits erlegt. 1.300 davon waren Wildschweine. „Ich schieße auch die kleinen, wenn sie mir vor das Fadenkreuz kommen – da mache ich keinen Unterschied“, sagt er. Das mag brutal klingen, sei aber notwendig. Nicht nur wegen der Schweinepest, sondern auch, weil sich der Schwarzwildbestand in den vergangenen Jahren drastisch erhöht hat. Daran sei etwa das gute Nahrungsangebot schuld. Durch die Ausbreitung von Biogasanlagen werde großflächig Energiemais angebaut. „Und solche Felder sind für Wildschweine wie Schlafzimmer und Speisekammer in einem“, sagt Gerhard Paul. Hinzu komme der Waldumbau. Viele neu gepflanzte Bäume lassen ein undurchdringliches Dickicht entstehen. Das biete ideale Rückzugsräume für Wild. Und es erschwere zudem die Jagd.

So explodierte in den vergangenen Jahren die Population. Und im Gleichschritt schoss auch die Zahl der erlegten Tiere in die Höhe. „In Sachsen-Anhalt werden heute so viele Wildschweine geschossen, wie in den 1930er Jahren in ganz Deutschland.“ 46.148 Tiere waren es in der Jagdsaison 2019/20. „Und auf diesem Niveau wird es auch bleiben“, sagt Paul.

Ohne Beute nach Hause

Durch das Nachtsichtgerät lässt sich an diesem Abend keines der borstigen Tiere erspähen. Nur einige Rehe streifen vorbei. Heute sind sie nicht das Ziel. Angesichts ihres gemächlichen Ganges könnte man meinen, sie wüssten das.

Die Temperaturen sinken unter den Gefrierpunkt. Die Kälte kriecht in die Knochen. „Die Schweine hier kommen eher zu unchristlichen Zeiten und tauchen oft nicht vor Mitternacht auf“, sagt Gerhard Paul. Es wird Zeit, aufzubrechen. Ohne Beute nach Hause zu gehen, ärgert den Jäger nicht. Der kapitale Hirsch vom Vortag muss erst einmal verarbeitet werden. Und ohnehin sei derzeit der Verkauf von Wildfleisch nicht ganz einfach. „Durch die Schließung der Gaststätten fehlt die Nachfrage“, sagt Gerhard Paul. Die Tiefkühltruhen der Jäger quillen deswegen über.

Und auch die Afrikanische Schweinepest macht den Verkauf schwieriger. „Für den Menschen ist die Krankheit ungefährlich“, erklärt der 70-Jährige. Trotzdem verunsichere die Krankheit die Verbraucher. Und das sei nicht nur wegen des geringeren Absatzes schade. „Sondern auch, weil Wildschwein einfach sehr delikat ist“, meint Gerhard Paul. (mz)