Zauber auf dem Ziegenberg

Zauber auf dem Ziegenberg: Wie ein Verein die einstige Napola in Ballenstedt belebt

Ballenstedt - Elektriker Joachim Hösel ist ein pragmatischer Typ. Keine Minute steht er auf dem Gelände des Großen Ziegenbergs in Ballenstedt (Harz), da kommt der Handwerker schon zur Sache. „So, wo braucht ihr jetzt Strom“, fragt Hösel in die Runde. Um ihn herum stehen Musiker, Kulturschaffende und Mitglieder des Ballenstedter Vereins „Heimat bewegen“. Zusammen wollen sie im Juni den Großen Ziegenberg mit einem Kunstfestival verzaubern. Das Gebäudeensemble liegt seit Jahrzehnten brach und verfällt immer ...

Von Julius Lukas 29.04.2019, 10:00

Elektriker Joachim Hösel ist ein pragmatischer Typ. Keine Minute steht er auf dem Gelände des Großen Ziegenbergs in Ballenstedt (Harz), da kommt der Handwerker schon zur Sache. „So, wo braucht ihr jetzt Strom“, fragt Hösel in die Runde. Um ihn herum stehen Musiker, Kulturschaffende und Mitglieder des Ballenstedter Vereins „Heimat bewegen“. Zusammen wollen sie im Juni den Großen Ziegenberg mit einem Kunstfestival verzaubern. Das Gebäudeensemble liegt seit Jahrzehnten brach und verfällt immer mehr.

Leitungen gibt es allerdings noch. Und deswegen fliegen nun Begriffe durch die Luft: Baustromzähler, 32er Steckdosen und 16 Quadrat-Anschluss. Fachtermini, die Hösel mit verständigem Nicken quittiert. Dann fragt ihn Chef-Organisatorin Anneke Richter hoffnungsvoll: „Geht das alles?“ In Hösels Blick mischen sich Zuversicht und Skepsis: „Wir müssen erst einmal schauen, was seit dem letzten Mal kaputt gemacht oder geklaut wurde.“

Gelände in Ballenstedt war einst Kaderschmiede der Nazis

Die Organisation eines dreitägigen Festivals ist nicht einfach. Schon gar nicht, wenn man ein Gelände bespielen will, dessen Ausmaße fast eben so ausufernd sind wie seine Geschichte. Das Ensemble auf dem Großen Ziegenberg wurde von den Nazis gebaut. Im Wald entstand ab 1936 eine von 43 Nationalpolitischen Erziehungsanstalten des Dritten Reichs, kurz Napola genannt.

Auf die Eliteakademie in Ballenstedt ging auch Hitlers Lieblingsneffe Heinz. Der Diktator soll den Bau intensiv verfolgt haben. Wohl auch deswegen ist die Schule ein steingewordenes Symbol des NS-Regimes. Von oben betrachtet erinnert das Ensemble an einen Reichsadler. Noch deutlicher wird die ideologische Aufladung bei den beiden Flügelbauten. Die sind so angeordnet, dass sie aus der Luft betrachtet, wie ein Runen-S aussehen. In doppelter Ausführung war es das Zeichen der Schutzstaffel, der militanten Terrorgruppierung der Hitler-Partei NSDAP.

In Ballenstedt wird klar: Den Nazis galt Architektur als Staatsaufgabe, weil sie staatstragend war. Man baute monumental und geradlinig, um Größe zu vermitteln. Vor dem Eingang des Hauptgebäudes ragen meterhohe Säulen in die Luft. Eine Machtdemonstration, auch für die Jungen, die hier zur Schule gingen. Aus ihnen sollte die Führungselite des Dritten Reichs werden. Sie wurden militärisch gedrillt und auf Gehorsam getrimmt. Am Ende des Krieges schickten die Nazis die Jungen in den Kampf. Sie sollten Ballenstedt gegen die Amerikaner verteidigen. Fünf Schüler kamen dabei ums Leben.

Nach den Nazis kam die Rote Armee - jetzt sind neue Ideen gefragt

Nach den Nationalsozialisten zog für kurze Zeit die Rote Armee ein. Ab 1952 machte die SED das Ensemble dann zur Bezirksparteischule. Bis zum Ende der DDR besuchten 22.000 Menschen die Kaderschmiede. Danach zogen verschiedene Schulen ein und schnell wieder aus. Anschließend legten sich Staub und Dreck über die Gebäude. Vandalismus und Diebstahl beschleunigten den Verfall.

Ideen für den Ziegenberg gab es immer wieder. Gerade haben zwei chinesische Unternehmer einen Großteil des Areals gekauft. Sie wollen ein Zentrum für traditionelle chinesische Medizin sowie ein Pflegeheim auf dem Berg einrichten. Umgesetzt wurde von den Plänen bisher noch nichts.

Deutlich weiter sind da die Vorbereitungen für das Kunst- und Kulturfestival. Die Delegation aus Organisatorin Anneke Richter, Elektriker Joachim Hösel und den anderen Ziegenberg-Verzauberern hat sich auf den Weg gemacht, die Stromflüsse zu erkunden. „Bisher ging man immer davon aus, dass man das Objekt hier für 40 Millionen Euro vom First bis zum Fundament sanieren muss, um es wieder nutzen zu können“, sagt Richter, die im Marketing der Uni Magdeburg arbeitet. „Unser Verein geht einen anderen Weg und sagt: Man kann es auch nutzen, wie es ist - man muss das nur wollen.“

Das Kunst- und Kulturfestival auf dem Großen Ziegenberg in Ballenstedt (Harz) beginnt am  14. und endet am 16. Juni. Es will den brachliegenden Ort mit verschiedenen Veranstaltungen für jedes Alter beleben. Zum Auftakt gibt es Tanz-Auftritte sowie Indie-Punk der Band „Karlsson“. Samstag werden Theaterstücke für Erwachsene und Kinder gespielt. Es finden Buchlesungen sowie Performance-Kunst statt. Den Abend bestimmt dann Elektro-Musik. Zentrale Veranstaltung am Sonntag ist das Bürgerpicknick, das von  Lesungen, Musik und dem Vortrag „Auf dem Land nix los!“ begleitet wird.

Viel wollen und auch mal etwas wagen - das ist es, worum es „Heimat bewegen“ geht. Erst im November 2017 gründete sich der Ballenstedter Verein, der sein Ziel im Namen trägt. Warum ihr Wirken wichtig ist, macht Richter anhand der Mitglieder deutlich. „Wir sind 24 Leute im Verein und die haben noch einmal so viele Kinder, also etwa 50“, erzählt sie. Die leben zum Großteil noch in Ballenstedt, weil sie in den Kindergarten oder die Schule gehen. „Und wir wollen verhindern, dass wir in zehn Jahren dann 24 Mitglieder sind, deren Kinder alle für 1200 Euro in einer 45 Quadratmeterwohnung in Berlin leben.“

Festival wird zu groß - Ballenstedter suchen sich Hilfe

Wegzug der Jungen, Resignation der Alten - damit hat Ballenstedt zu kämpfen. „Viele Menschen in unserer Heimat sind von vielem enttäuscht und stecken den Kopf lieber in den Sand, anstatt in die Sterne zu schauen“, sagt Richter. Das Event auf dem Ziegenberg soll auch zeigen, dass viel möglich ist, wenn man sich etwas zutraut.

Allerdings, das gibt Richter zu, merkten sie bei der Organisation schnell, dass das Festival eine Nummer zu groß ist für ihren kleinen Verein. „Wir haben dann etwas naheliegendes gemacht: Uns Hilfe gesucht.“

Initiativen, Vereine und Veranstalter der Region wurden angezapft. So zum Beispiel die Veruga GmbH, die jedes Jahr das „Rockharz“-Festival auf die Beine stellt. „Die haben uns bei Behörden und Anträgen extrem geholfen“, sagt Anneke Richter - und das ehrenamtlich. „Deren Spruch war: Wissen gibt es kostenlos von uns.“

Festival-Pläne im Harz: Ein Leuchtturm, der anlockt

Einer der wichtigsten Helfer ist auch bei der Elektro-Inspektion dabei. Karsten Steinmetz ist, was man Kulturprofi nennen könnte. Mit seinem Magdeburger Verein „Kulturanker“ veranstaltete er 2015 einen Monat lang ein Kunstfestival in einem Gefängnis. Gerade hat er Poetik-Lesungen in Taiwan organisiert. „In Ballenstedt ist es uns wichtig, vor allem die Akteure vor Ort mit einzuspannen“, sagt Steinmetz. „Die Region soll dadurch zusammen finden und zeigen, was sie kann.“

In dieser Leuchtturm-Wirkung sieht auch Anneke Richter eine große Chance. „Durch das Festival werden hier sicher keine Arbeitsplätze geschaffen“, sagt sie. Aber es bringe Sichtbarkeit und lockt vielleicht ja auch Menschen an. „Denn in Ballenstedt kann man - anders als in vielen Metropolen - noch gestalten“

Auf dem Ziegenberg wird auch eine Kunstausstellung zu sehen sein. Bereits am Wochenende vor dem Festival werden mehrere Künstler in Zimmer der Gebäude einziehen. Sie erhalten dort ein „Atelier auf Zeit“, dass sie gestalten können. Besucher dürfen diese Räume dann besichtigen. Zudem wird die Geschichte des Großen Ziegenbergs eine wichtige Rolle während des Festivals spielen.  Das Ensemble war während der Nazizeit eine Eliteschule und anschließend in der DDR eine Kaderschmiede. Dazu wird es Führungen geben. „Viele Menschen haben sicher auch eine eigene Verbindung zu diesem Ort“, sagt Festival-Organisatorin Anneke Richter vom Verein „Heimat bewegen“. „Auf diese Erinnerungen soll zurückgeblickt werden, um dann aber auch Ideen für die Zukunft zu entwickeln.“

Nach etwa einer Stunde sind auch alle Steckdosen und Leitungen gefunden. „Das mit dem Strom sollte funktionieren“, meint Elektriker Joachim Hösel. Eine weitere Hürde ist also genommen. Die Verzauberung des Ziegenbergs schreitet voran. (mz)