Felsen voller Narben

Wie Wanderer in den Klusbergen bei Halberstadt Spuren der Geschichte finden können

Seit Jahrtausenden schon haben Menschen auf den Klusbergen bei Halberstadt gewohnt, gelebt und gebetet. Zu DDR-Zeiten war die bizarre Bergkette Sperrgebiet. Bis heute finden staunende Wanderer im weichen Sandstein tiefe Spuren aus der Geschichte.

Von Steffen Könau
Die ältesten Zeichen im Sandstein der Klusberge wurden vor tausenden Jahren geritzt, die jüngsten stammen von Ausflüglern in der Corona-Zeit.
Die ältesten Zeichen im Sandstein der Klusberge wurden vor tausenden Jahren geritzt, die jüngsten stammen von Ausflüglern in der Corona-Zeit. (Foto: Steffen Könau)

„Woronesch“ hat einer in den Fels gekratzt. „Alexander“, steht ein Stück weiter in kyrillischen Buchstaben, geduldig eingerieben in die Oberfläche aus gelbem Sandstein. Eine Galerie aus Felszeichnungen erstreckt sich entlang der Wände und in jeder Höhle, überall finden sich die Spuren von Sascha, Igor und Pjotr, die vor vielen Jahren hier gesessen haben müssen, tausende Kilometer von zu Haus, fremd in der Fremde und wohl ohne großen Blick für die Schönheit der Landschaft, die sich unterhalb der Klusberge bei Halberstadt ausbreitet.

Als Soldaten der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) waren die jungen Männer Besatzer, Beschützer und Fremde zugleich. Sie durften nicht raus aus dem Militärgelände. Niemand durfte zu ihnen hinein in das verbotene Land rund um die Fliegerhorstkaserne am Stadtrand. Nicht weit entfernt zeugt eine Gedenktafel heute noch von der Rolle, die Halberstadt einst für die Entwicklung des Flugwesens spielte: Das Denkmal, bemoost und verwittert am Weg gelegen, erinnert an sechs deutsche Flieger, die beim Absturz eines Riesenflugzeuges vom Typ R14 im Sommer 1917 hier ums Leben kamen.

Über hunderte von Jahren kratzten Menschen Dutzende großer und kleiner Höhlen in den Sandstein der Klusberge.
Über hunderte von Jahren kratzten Menschen Dutzende großer und kleiner Höhlen in den Sandstein der Klusberge.
(Foto: Steffen Könau)

Viel schiebt sich zu Füßen der von Wind und Wetter geschliffenen Felsnadeln zusammen. Bereits vor Jahrtausenden befand sich hier ein Observatorium, von dem aus Menschen den Lauf der Sterne beobachtet haben sollen.

Bis zurück in die Jungsteinzeit reichen Funde, die Archäologen hier machten, wo heute Wanderer und Spaziergänger bizarre Gesteinsformationen wie den Fünffingerfelsen und den Teufelsstuhl bewundern und Liebespaare ihre Namen samt Herzchenrahmen in unbeobachteten Momenten in den Stein ritzen, neben die Namen der Soldaten und die Kreuze, die Mönche lange vorher in der kleinen Hügelkette hinterließen, die nur 1,5 Kilometer lang und 600 Meter breit ist.

Notbetten im Bunker „Malachit“.
Notbetten im Bunker „Malachit“.
(Foto: Steffen Könau)

Die erste urkundliche Erwähnung von Höhlenräumen auf den damals noch kahlen Felsen ist auf das Jahr 1070 datiert. Die Klusberge, 193 Meter hoch und so benannt nach einem der „Klausner“ gerufenen Einsiedler, waren seinerzeit im Besitz eines Klosters. Später zog eine Hirten-Bruderschaft ein, die die Sandsteinfelsen weiter ausschabte und Höhlen als Wohn- und Gebetsräume schuf.

Das Dritte Reich entdeckte das Areal zwischen Klus-, Spiegels- und Thekenbergen schließlich als idealen Standort für unterirdische Todesfabriken. Ausgehend von einigen künstlichen Gewölben, in denen Champignons gezogen wurden, sollte das Halberstädter Tragflächenwerk unter der Erde verschwinden. In den Objekten Makrele I und Makrele II, gebaut von der halleschen Filiale der Grün & Bilfinger AG mit Hilfe von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, wäre der Platz gewesen, bombensicher zu produzieren.

Eine Höhle ohne Aussicht, aber mit Graffiti: Heute sind die Klusberge ein Ausflugssziel.
Eine Höhle ohne Aussicht, aber mit Graffiti: Heute sind die Klusberge ein Ausflugssziel.
(Foto: Steffen Könau)

Unter den gleich nebenan liegenden Thekenbergen mussten KZ-Häftlinge weitere Hohlräume in den Berg graben. Das Projekt „Malachit“ sollte Platz für eine Triebwerksfabrik mit 6.000 Mitarbeitern schaffen. Schon im Krieg wird das Gebiet so zur No-Go-Area. Und dabei bleibt es nach Kriegsende. Jetzt quartiert sich das 49. Gardepanzerregiment der GSSD in den Bergen ein. Die Einheit wurde ursprünglich in Woronesch in Dienst gestellt - deshalb wohl ist der Name dieser Stadt mehrfach im Sandstein verewigt.

Viel mehr ist nicht geblieben aus der Zeit, in der der Sperrbezirk Mythen und Märchen produziert. Atomwaffen lägen hier, hieß es, und auch, dass die „Makrele“-Bunker inzwischen so groß seien, dass tausende Panzer darin Platz fänden.

In den Sandstein gekratze Namen.
In den Sandstein gekratze Namen.
(Foto: Steffen Könau)

Die Wirklichkeit ist profaner: Die mit dem Blut von KZ-Häftlingen bezahlten Riesenhallen des Projekts „Malachit“, bequem erreichbar mit einem eigenen Bahnanschluss, benutzt zu DDR-Zeiten die NVA als „Komplexlager 12“ zur Bereitstellung von Vorräten für den Kriegsfall. Mit dem Ende der DDR öffnen sich die alten Wanderwege wieder. Die russischen Truppen ziehen ab, die NVA übergibt an die Bundeswehr.

Geheimnisvoll aber bleibt es an den Klusbergen: Nach der Währungsunion versteckt die Bundesbank in den kilometerlangen „Malachit“-Kavernen die Milliardenbestände an Ostmark, die die DDR-Bürger seinerzeit gegen Westgeld eingetauscht haben.