Von Beschlüssen enttäuscht

Von Beschlüssen enttäuscht: „Es ist ein Trauerspiel, was die Regierung mit uns macht“

Quedlinburg/Güntersberge - Auf Bund-Länder-Konferenz ist entschieden worden, wie es weitergeht. Was Betroffene aus Hotelbranche, Handel, Handwerk und Kunst dazu sagen.

Von Petra Korn

„Unsere Erwartung war nicht hoch. Aber noch nicht einmal diese wurde erfüllt“, sagt René Maksimčev, Inhaber des Harzhotels Güntersberge und Sprecher des Kreisvorstands des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Harz. Von den neuesten Beschlüssen auf der Bund-Länder-Konferenz sei er „massiv enttäuscht“: „Wir hätten uns gewünscht, dass es wenigstens eine Art Perspektive gibt mit Leitlinien, wie könnte ein Re-Start aussehen für das Gaststätten- und Hotelgewerbe“, erklärt René Maksimčev.

Versprechungen schon im Oktober

Hier sei seitens der Politik auch eine Erwartungshaltung geschürt worden, die aber nicht erfüllt worden sei. Die Stimmung unter den Kollegen „ist nicht besonders“, sagt der Sprecher des Dehoga-Kreisverbandes weiter und nennt da auch das Thema Unterstützung.

Im Oktober habe es vollmundig geheißen, dass allen Unternehmen geholfen werde. Doch statt der versprochenen Bazooka „kommt hier eine Art Wasserspritzpistole an, wenn überhaupt etwas ankommt“. Die Unternehmer müssten zwischenfinanzieren oder selbst vorfinanzieren.

Da wäre ein Perspektivplan, wann unter welchen Bedingungen wieder geöffnet werden könne, „ein gutes Zeichen gewesen, ein Thema, das unserer Branche gut getan hätte, um wieder ein bisschen Licht zu sehen“.

„Das Wasser steht uns nicht nur bis zum Hals, es steht uns drüber“

„Definitiv mehr erwartet“ von der Bund-Länder-Konferenz hat Torsten Pfoh, Inhaber eines Uhrmacher- und Schmuck-Geschäfts in Quedlinburg. Er sehe „keinen logischen Gedanken dahinter“, wenn körpernahe Dienstleistungen ab 1. März wieder erbracht werden dürften, ein Geschäft, wo kein körperlicher Kontakt zum Kunden erforderlich sei, nicht öffnen dürfe.

„Meiner Meinung nach werden hier systematisch Kleinst- und Soloselbstständige platt gemacht.“ Bisher sei immer von einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 für Lockerungen gesprochen worden, jetzt heiße es 35. „Dann ist Sommer. Bis dahin sind ganz viele, die Miete zahlen müssen, platt“, sagt Torsten Pfoh. „Das Wasser steht uns nicht nur bis zum Hals, es steht uns drüber.“

Finanzielle Hilfe gebe es für Dezember gar nicht, für Januar und Februar maximal bei Fixkosten. Das Geschäft, das er vor rund zwei Jahren von seinem Vater übernommen habe, gebe es schon seit mehr als 100 Jahren; „wenn die so weitermachen, wird es das bald nicht mehr geben“, sagt der Uhrmacher.

„Für uns als Einzelhändler und Gastronomen ist wichtig, dass die Förderung durch ist“

Es sei absehbar gewesen, welche Entscheidungen es geben werde, meint Martin Wiesenmüller, Inhaber der Parfümerie Flair in Quedlinburg und gemeinsam mit Jörg Börner an der Spitze der Werbegemeinschaft Steinbrücke. Abzuwarten sei, was nun im Land Sachsen-Anhalt beschlossen werde. „Für uns als Einzelhändler und Gastronomen ist wichtig, dass die Förderung durch ist.“

Die sei lange angekündigt gewesen, doch nun sei das Programm endlich online, könne Geld beantragt werden. „Das gibt die Chance zu überleben.“ Die Mitglieder der Werbegemeinschaft hielten Kontakt; gehofft werde, dass spätestens am 15. März wieder geöffnet werden dürfe.

„Eigentlich nichts erwartet“ hat Anja Herbener von den jüngsten Entscheidungen der Politik. „Ich war da schon sehr illusionslos.“ Kunst und Kultur hätten in den ersten Verkündungen zu Entscheidungen nie eine Rolle gespielt, „und im zweiten Anlauf kam Kunst und Kultur ganz am Ende“, sagt die Inhaberin des Figurentheaters Cirqu^onflexe in Quedlinburg.

„Es reicht einfach nicht, dass man die Kreativität den Künstlerinnen und Künstlern überlässt“

Sie sei mit vielen anderen Künstlern und Kulturschaffenden im Kontakt. Vor Ostern sehe hier keiner einen Betrieb, „manche sehen auch vor dem Herbst keine Spielzeit“. Wer draußen etwas machen könne, versuche, sich darauf einzustellen und hier etwas vorzubereiten, sagt Anja Herbener.

Auch sie überlegt, ihren Theatergarten für Veranstaltungen zu nutzen, sobald das möglich ist. Sie findet aber: „Es reicht einfach nicht, dass man die Kreativität den Künstlerinnen und Künstlern überlässt. Es müsste Auftrag sein, unkonventionelle Lösungen ausdrücklich anzufordern und zu unterstützen.“

Wenn Kindergärten und Schulen wieder öffneten, nennt Anja Herbener ein Beispiel, könnte es beispielsweise finanziell geförderte Kooperationen mit Museen geben, die Räume zur Verfügung stellen, in denen Kunstunterricht durchgeführt oder in die Theater eingeladen werden könnten. Solche Initiativen einzufordern und zu unterstützen - „ich denke, da gäbe es ganz viel Potenzial.“

„Alle haben Angst vor einem dritten Lockdown“

Von einer „gedämpften Stimmung“ spricht Wulfhard Böker, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Harz-Bode. Natürlich sei es schön, dass die Friseure ab dem 1. März wieder arbeiten könnten. „Aber ich habe auch das Mitgefühl für alle anderen Gewerke, die nicht aufmachen können.“ Und es helfe nichts, wenn man sage, man habe Milliardenpakete auf den Weg gebracht, wenn Unterstützung dort, wo sie gebraucht werde, nicht ankomme, sagt der Geschäftsführer. Für ihn bleibt nach wie vor der „Unternehmerlohn“ ein wichtiges Thema: eine Unterstützung für Unternehmensinhaber vergleichbar der, wie sie Arbeitnehmer erhalten. „Das fasst keiner an auf Bundesebene“, kritisiert Wulfhard Böker. Und wie es in der Pandemie weitergehe, da fehle allen Unternehmen eine Perspektive: „Alle haben Angst vor einem dritten Lockdown“, so der Geschäftsführer. „Insgesamt muss man sagen: Es ist ein Trauerspiel, was die Regierung mit uns macht.“

Freude über Öffnung

Schon seit sich am Mittwoch abzuzeichnen begann, dass die Friseure wieder öffnen könnten, kamen die ersten Terminanfragen, sagt Nannette Alb, Inhaberin von insgesamt vier Friseursalons in Quedlinburg und Halberstadt. „Jetzt steht das Telefon nicht mehr still“, so die Friseurmeisterin.

„Natürlich freuen wir uns, dass wir wieder arbeiten dürfen, meine Mitarbeiterinnen sind glücklich.“ Die Aussicht, wieder Geld verdienen zu dürfen - auch wenn bis dahin noch zweieinhalb Wochen vergingen -, sei schön. „Aber damit ist es nicht getan“, sagt Nannette Alb. „Wir brauchen eine Perspektive, dass wir nicht wieder zumachen müssen, wenn die Inzidenzzahlen wieder hoch gehen. Wir brauchen eine Aussage von der Politik, wie es weitergeht.“ (mz)