Zusammen hoch

Die Harzer Volksbank lockt „Die Fantastischen Vier“ ins Bergtheater Thale

Damit wird der Naturbühne ein lässiger Abschied in die Renovierungsphase verschafft.

Von Bianca Müller
Zelebrieren seit mehr als 30 Jahren deutschen Sprechgesang: Die Fanta 4 im Bergtheater Thale.
Zelebrieren seit mehr als 30 Jahren deutschen Sprechgesang: Die Fanta 4 im Bergtheater Thale. Fotos: Marko Heiroth

Thale/MZ - „Es könnt’ alles so einfach sein, ist es aber nicht.“ Sangen „Die Fantastischen Vier“ schon 2007 und haben damit praktisch den Soundtrack für die Ticketjagd auf ihr „Morgen kann kommen“-Konzert der Volksbanken Raiffeisenbanken im Harzer Bergtheater angestimmt.

Regulär kaufen konnte man die knapp 500 Karten nämlich nicht, das Losglück musste auch mitspielen. Mehrere Server seien deshalb zusammengebrochen, sagt Hans-Heinrich Haase-Fricke, Vorstand und Sprecher der Harzer Volksbank, zur Eröffnung auf der Bühne, nicht ohne einen gewissen Stolz, hier alles richtig gemacht zu haben.

Daran gibt es schon vorher kaum Zweifel: Ein Viertel der deutschlandweit rund 800 Volksbanken habe sich laut Rainer Eisgruber als Ausrichter für eines der fünf Konzerte beworben, die finale Auswahl wiederum musste vom Locationscout der Band noch mal abgesegnet werden. Eisgruber ist Marketingleiter beim Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, der gemäß Slogan den Weg frei machte für die Vorzeige-Hiphopper als Werbepartner.

Rappende Zuversicht

Ursprünglich sollten die „Fantas“ nur Gesichter für die digitalen Angebote der Bank sein. Dann kam Corona, und irgendwie schien zeitweise jeder Weg in jedem Bereich versperrt. Auch für die Fanta 4. Nun sind sie auf fünf Bühnen die rappende Zuversicht. „Zuerst war es auch mal ganz schön, nicht den ganzen Sommer unterwegs zu sein“, gibt Smudo vor der Thale-Show, die den Osten in der Konzertreihe repräsentiert, zu. Es ist eine der ersten der neuen Zeitrechnung. Die Dimensionen sind kleiner, die Restriktionen strenger. Und die Aufregung größer? „Das Technische ist wie Fahrradfahren“, sagt er, „aber zu merken, wie schnell das Gefühl wieder da ist ...“ - „Für uns und für die Leute“, wirft Bandkollege Thomas D. ein. Da sprechen mehr als 30 Jahre Erfahrung im Musikbusiness. Ihre ausgefallene Tour zum Bandjubiläum wollen sie nachholen.

Mit Rücklicht: Thomas D.
Mit Rücklicht: Thomas D.
Foto: Marko Heiroth

„Für immer 30 Jahre live“, sagt Smudo selbstbewusst. 31, 32, 35, 40. Alle vier flachsen nun durcheinander, auch Michi Beck und And.Ypsilon mischen jetzt mit. Michael Bernd Schmidt? Nie gehört! Ach, Smudo? Natürlich! Vieles ist mit den Jahrzehnten in Fleisch und Blut übergegangen – auch die Künstler- und Spitznamen. Den Wiedereinstieg nach der Pandemie machten im Juli „ein paar Strandkorbkonzerte“, erzählt Michi Beck. Anders als bei Branchenkollege Helge Schneider, der noch während eines Auftritts entnervt das Handtuch warf, für die Fantas zumindest eine solide Sache. „Richtig geil war’s natürlich nicht, aber auch nicht ganz beschissen.“ Dass es nicht ganz einfach werden würde, habe man sich laut Smudo „eh schon gedacht, wir haben uns dann einfach nicht für so viele Shows verpflichtet – vielleicht ein Fehler, den Helge gemacht hat“.

„Im Südharz haben wir mal gespielt, wisst ihr noch?“

Vom Strandkorb auf den Berg. Eine Konzertlocation wie hier kannte die Band trotz aller Reise- und Bühnenerfahrung noch nicht – kleine, besondere Orte in allen Himmelsrichtungen, das gehört zum Credo der Kampagne. „Unglaublich! Wir müssen auf jeden Fall noch ein bisschen unsere Nacken dehnen“, bekennt Thomas D. mit Blick auf den Höhenunterschied zum Publikum lachend. Schon im Interview vorab geben sie einen Vorgeschmack auf das fast zweistündige Programm: gut gelaunt und unkompliziert. Dass sie die Naturbühne als letzter Act in ihre längere Renovierungsphase verabschieden, gefällt den gebürtigen Schwaben. „Im Südharz haben wir mal gespielt, wisst ihr noch?“, überlegt Smudo laut, ehe er sich bis in die späten 1980er Jahre zurückerinnert. Wernigerode, die Harzquerbahn.

So oder so: Das hier wird eine Premiere. Auch für viele der Zuschauer. „Es ist sooo irre“, sagt Viktoria Gerstaecker aus Esslingen vorher aufgeregt. „Wir gehen nicht so oft auf Konzerte, aber es gar nicht zu können, das war komisch.“ Die zwei Stunden bis Konzertbeginn überbrücken Moderator Holger Tapper und ein DJ im Wechsel. Auch wenn die ersten Reihen weitestgehend dem Sponsor und VIP-Gästen gehören: Gute Plätze gibt es an diesem Abend genug.

„Liebe Harzis“

„Ich hab sie schon mal in Köln gesehen. Dass ich hier so nah dran bin, ist krass!“ Es ist das Privileg der kleinen Bühnen, von dem auch Sven Hesse und Freundin Sandra hier zehren. Punkt 19.45 Uhr kommen die Fantas und ihre Begleitmusiker auf die Bühne. Was geht?! Man könnte den ganzen Bericht in ihren Songtiteln ausformulieren. Dass das Konzert kein 08/15-Werbeauftritt werden soll, lassen sie vorher schon durchklingen. Im Gespann wird diskutiert, wie man das Publikum begrüßt – zwischen Harz und Thale werden alle möglichen Stichworte abgegrast. Die einheimischen Besucher wissen später zu schätzen, dass sie nicht Thaler genannt werden. Mit „Liebe Harzis“ gibt Smudo schließlich den Schmusekurs vor. Michi Beck schiebt weitere Lobeshymnen hinterher: „Euch gebührt unser Respekt, ihr habt es hier hochgeschafft, auf diese Walpurgisgeschichte, obwohl Walpurgis lange vorbei ist – an einem Sonntagabend in Konkurrenz zu all den schönen Dingen wie Tatort.“

Mund auf, Augen zu: Smudo.
Mund auf, Augen zu: Smudo.
Foto: Marko Heiroth

Das vorgabebedingt ausgedünnte Publikum erwidert mit lautem Applaus, weiß die fehlende Menge würdig zu vertreten. Jetzt, wo die ersten gegenseitigen Sympathiebekundungen ausgetauscht sind, geht es überraschend schnell von Hit zu Hit. Irgendwie kennt man sie alle. In ihren mehr als 30 Jahren haben Die Fantastischen Vier jeder Generation mindestens einen bis zwei große Hits beschert, die man mitsingen kann – Fan oder nicht. Unter raueren Rapgenossen gern als Kommerzpoeten betitelt, kamen mit dem Älterwerden auch ernste Themen ins Portfolio.

„Corona ist ein Arschloch“, erklärt Smudo, um direkt im Anschluss noch mal einen Appell für eine Impfung abzuwerfen. „Ich hab’ zwar schon Besseres eingeworfen – aber auch schon viel Schlechteres.“ Auch in der Band kenne man unterschiedliche Meinungen, deshalb am besten „alle ein bisschen locker machen untereinander“.

Fakt ist: Ohne „Die da!?!“ oder „Sie ist weg“ in der Titelliste wird es kaum gehen. Das führt schon zu Beginn des Konzerts zwangsläufig zur Frage nach der Glaubwürdigkeit, gerade bei deutschsprachigen Liedern: Vier Männer Anfang fünfzig, eigentlich möchte man sie Jungs nennen, in Turnschuhen und Basecap, die den mit Anfang 20 vertexteten Liebeskummer besingen – funktioniert das? Es funktioniert. Fanta 4 geben sich lässig und die Zuschauer tun es ihnen gleich.

„Steil gehen“

Zeitweise, vor allem wenn man Thomas D. beobachtet, könnte die Zeit seit „MfG“ 1999 auch stehengeblieben sein. Nach Feierabend ruhiger Familienvater, zieht man auf der Bühne automatisch Vergleiche zu einem Fitnesskurs. Kurz nach 21 Uhr, als die Ränge ihr Licht längst nur noch von der Bühne abbekommen, wecken die Rapper Erinnerungen an die Fußball-Weltmeisterschaft 2018. „Zusammen“, im Original gemeinsam mit Sänger Clueso interpretiert, ist eine der Hymnen an diesem Abend. „Zusammen groß, zusammen alt“, heißt es da. „Zusammen hoch“ würde hier fast besser passen. Anfangs hat Michi Beck sich vorgenommen, „hier steil zu gehen vor der Reha-Pause“, wie er die Baumaßnahmen des Bergtheaters tauft.

Michi Beck
Michi Beck
Foto: Marko Heiroth

Das hat allem Anschein nach für beide Seiten geklappt. Die Band zelebriert ihr „Bergfest im Frühtau zu Thale“. „Obwohl es uns ja schon leid tut, dass wir euch nicht immer angucken können.“ Mit „Troy“ als Zugabe beginnt um 21.18 Uhr der Abgesang. Dieses Publikum – wenngleich aus allen Teilen der Republik – nimmt ihn wohl wörtlich und bleibt für immer treu. Was Johannes Oerding mit seinen Thale-Konzerten vor Jahren zur Harzer Wand erhob, verwandeln die Fanta 4 nun zur fantastischen Wand. Selbsterklärt und mit euphorischer Zustimmung von gegenüber.