Buchvorstellung

Der Bulle am Hexenhintern

Warum an der Teufelsbrücke von Thale für einen Sonderermittler ein Kleinstadt-Krimi beginnt, der mystische Ausmaße bekommt.

Von Uwe Kraus
Im Bodetal von Thale findet Reinhard Lehmann viele seiner Tatorte in „Zinnobertod“.
Im Bodetal von Thale findet Reinhard Lehmann viele seiner Tatorte in „Zinnobertod“. (Foto: Uwe Kraus)

Thale - Die Harzkrimi-Schreiber (West) heißen Reinhard Lehmann herzlich willkommen, voller Freude, „dass er als erster ‚Ostharzer‘ unsere Krimiautorenriege ergänzt“. Sein aktuelles Buch „Zinnobertod“ wirkt so ganz anders als die Bände des leider früh verstorbenen Quedlinburgers Christian Amling. Tief in die regionale Mystik steigt zwar auch Lehmanns Kriminaloberkommissar Benno Lorenz vom Magdeburger Landeskriminalamt, doch trägt er nicht die Leichtigkeit eines liebenswerten Privatdetektivs Irenäus Moll mit sich, vollführt nicht dessen abgefahrene naturnahe Experimente, gleicht nicht dem Kommissar Bernd Mader im Revierkommissariat Wernigerode von Marie Kastner oder dem Quedlinburger liebeskranken wie -werten Apotheken-Kriminalisten von Ellys Meller.

Enthauptete und zerstückelte Leiche

Kommissar Lorenz vertritt einen ganz anderen Schlag. Er steckt seine Nase nicht nur in den Hexenhintern auf dem Tanzplatz, sondern auch in viele andere Dinge, die in Thale stinken. Er legt sich mit einer Sekte an und wird gefoltert. Als Sonderermittler gerät er aber auch ins Kompetenzgerangel seiner Behörde und landet zwischen zerwühlten Laken. Eigentlich dreht es sich um einen Jungen, der von der Teufelsbrücke stürzt, eine enthauptete und zerstückelte Leiche folgt ebenso wie eine Vermisstenanzeige der Enkelin eines geschätzten Wanderführers. Der Tatortermittler aus Magdeburg hat mit Unterstützung eines befreundeten Forensikers und einer Cyberkriminalistin gut zu tun. Wobei sein Sarkasmus weiter wächst.

Der Metallurge und Ingenieur Reinhard Lehmann vom Jahrgang 1951 weiß, wovon er schreibt, gilt er doch als exzellenter Kenner seines Heimatortes an der Bode und dessen Bewohner. Schon sein Vater arbeitete „auf der Hütte“, hier im Kleinstädtischen kennt fast jeder jeden, auch wenn Familienbande zur Bandenstruktur gesponnen werden.

Kein unterhaltsames Einschlafbuch

Der Autor schreibt kein unterhaltsames Einschlafbuch, er schaut hin, wo es wehtut, auch dem Leser, den die sehr kompakte Geschichte nicht loslässt und der sich fragt, ob es so eine Parallelwelt im idyllischen Sagenharz nicht doch gibt. Namen sind 100-prozentig fiktiv, doch der rührige Lehmann stößt gerne an fast jeder Ecke an. Der Text fordert seinen Konsumenten, spielt mit dem Hintergrundwissen von einem dramatischen Suizid, der 1982 das EHW erschütterte, über Harzklub-Historie bis zur detaillierten Natur- und Giftrecherche. An einigen Stellen glaubt man förmlich Kekse und die Bronze der Hexen-Plastik zu riechen, die Waldgeräusche im Ohr zu haben oder empfindet Ekel, wenn Lehmann von perversen Zeitgenossen im Bestattungshaus schreibt. Ihm gelingt es, das vermeintliche Innenleben einer Sekte nach außen zu kehren.

Der urwüchsige Ostharzer schreibt bildreich und kantig. Er hat Spaß gehabt an seinem zweiten Buch, in dem er seine Personage für die Fortsetzung nicht nur durch Drogen, die Garrotte und das Skalpell schon etwas reduziert hat. Gekonnt baut er an seinem „Cliffhanger“, denn künftig ist der Boss eine Frau, und es darf gerätselt werden, wie das Sekten-Leben und das der Abtrünnigen in der ehemaligen Hüttenstadt weitergeht. (mz)