Neuer Architekturführer für Halle

„Das guckt sich weg“

Halle für „Flaneusen und Flaneure“: Der Kunsthistoriker Holger Brülls und der Architekt Thomas Dietzsch zeigen die interessantesten Bauten der Stadt.

Von Christian Eger 15.11.2022, 15:56
Schon schön, aber im Sommer innen etwas zu heiß:  Sitz der Bundeskulturstiftung in Halle, entworfen von Dannheimer & Joos
Schon schön, aber im Sommer innen etwas zu heiß: Sitz der Bundeskulturstiftung in Halle, entworfen von Dannheimer & Joos (Foto: Bundeskulturstiftung/Jens Passoth)

HALLE/MZ - In Halle ist immer „Tag des offenen Denkmals“. Denn anders als Dessau-Roßlau oder Magdeburg ist die Saalestadt mit geringen Gebäudeverlusten durch den Zweiten Weltkrieg, wenn auch nicht durch die DDR gekommen. Die Stadt ist schön, und wo sie es nicht ist, durchweg interessant. Baulich vielstimmig, oft überraschend - und mit all diesen Eigenschaften lesenswert wie ein Buch. Das gibt es nun tatsächlich - gleichsam die Stadt für die Tasche.

Eine Handreichung für „Flaneusen und Flaneure“. Von denen schreiben die Hallenser Holger Brülls und Thomas Dietzsch. Gemeinsam legen der im Landesdenkmalamt beschäftigte Kunsthistoriker und der Architekt (Dietzsch & Weber) im Berliner Verlag DOM Publishers einen „Architekturführer. Halle an der Saale“ vor. Das Buch ist die erweiterte Neufassung des gleichnamigen, im Jahr 2000 im Verlag Dietrich Reimer veröffentlichten Werkes. Längst vergriffen, soll das Buch antiquarisch bis zu 250 Euro kosten, behauptet Thomas Bille. Der MDR-Journalist moderierte am Montagabend im voll besetzten großen Saal des Literaturhauses mit den beiden Autoren das Gespräch zum Buch.

Hochstraße muss weg

War das denn nötig: ein Buch über Halles Bauten? „Um sich zurechtzufinden“, sagt Holger Brülls. Und um ein „Gesamtbild“ zu gewinnen, den Wald vor Bäumen sichtbar zu machen. Von der Gegenwart aus - und zwar für den Laien genauso wie für den Kenner.

Mit 416 Seiten ist das Buch nicht nur nahezu doppelt so umfangreich wie sein Vorgänger, sondern auch doppelt so informativ. Wurden im ersten Band insgesamt 275 Einzelbauten und Ensembles vorgestellt, sind es jetzt 320. Die Architekturen wurden neu fotografiert, Grundrisse und Lagepläne hinzugegeben, QR-Codes mit exakter Lokalisierung, erläuternde Stichworte, Hinweise für Spazierrouten und Gastronomie. Viel mehr geht nicht. Man muss nur noch losgehen.

Vier Jahre, sagt Thomas Dietzsch, dauerte die Arbeit, durchaus einvernehmlich. Kein Streit? Nein, „nur unterschiedliche Meinungen“. Bille überrascht an manchen Stellen „die Milde“ in den Urteilen. Die, sagt Holger Brülls, sei oft den Zeitumständen der Bauten geschuldet. Aber je näher das Besprochene der Gegenwart komme, um so mehr gehe es in Richtung Architekturkritik.

Kostproben liefert bereits die pointierte, 30-seitige Einführung zur Stadt- und Baugeschichte. Ein Text, der sachlich so instruktiv wie kritisch vital ist. Halle-Neustadt wird als „polyzentrische Retortenstadt“ von „lebloser Weitläufigkeit“ markiert, der Abriss der Hochstraße als „eine der wichtigsten städtebaulichen Revisionen“ gefordert, „an die sich Halles Stadtplaner langfristig heranwagen müssen“, die „Kunst im öffentlichen Raum“ wird - trotz vor Ort tätiger Kunsthochschule - als „Totalausfall“ verbucht. Kurzum, Unterhaltung ist garantiert.

Die Berliner Brücke fehlt. Warum?

Auch im Literaturhaus. Thomas Bille gibt den launigen Dreinredner und Provokateur: Die Berliner Brücke fehlt. Warum? Der Journalist bremst die einhellige Begeisterung für den Moritzburg-Neubau mit den Einwänden: undichtes Dach, feuchter Turm, zählt das nicht? Und warum überhaupt sei man so „unentspannt“ in Sachen Halle-Neustadt?

Thomas Dietzsch ist der Mann der moderaten, Holger Brülls der starken Meinungen. Die Objektauswahl sei „streng subjektiv“ erfolgt, sagt Dietzsch. „Wir verreißen niemanden.“ Die Berliner Brücke? „Wir prüfen das nochmal.“ Und die Moritzburg-Mängel? Alles toll? „Das sind Gewährleistungsfragen“, wehrt Brülls ab. Das Thema sei insgesamt „heikel“.

Aber man habe da einen großartigen Bau, anders als Dessau mit seinem Bauhaus-Museum. Ein Gebäude, für das Autohäuser „stilprägend“ gewesen wären, meint Brülls, „ein Tiefschlag und traurig für die Stadt Dessau“. An Halle-Neustadt kritisieren die Autoren die „Megastrukturen“, das fehlende Leben zwischen den Bauten. „Gut ist, dass es langsam zugrünt“, sagt Thomas Dietzsch. Eine häufig genutzte Formel wie: „Das guckt sich weg“. Der Satz fällt im Gespräch stets dann, wenn etwas kritisch in den Blick gerät.

Elbphilharmonie für Halle

Aber vor allem ist es ein anerkennender, ja begeisterter Blick, den die zwei Hallenser auf ihre Stadt werfen. Brülls ist ein Freund der Bildungs- und Anstaltsbauten des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der noch mit „Atmosphäre“ gebaut und nicht nur „Behältnisse“ hingesetzt wurden. Dietzsch interessieren „Räume“. Und Thomas Bille das Wohlergehen der Nutzer von ehrgeiziger Architektur. Der glassichtige Sitz der Bundeskulturstiftung etwa: Die Mitarbeiter leiden im Sommer. Hier sei nachgebessert worden, sagt Dietzsch.

Insgesamt: Halle kann sich sehen lassen. Wenn er Gästen die Stadt vorstelle, sagt Thomas Bille, zeige er nicht den Markt, sondern den alten Universitäts-Campus, „ein ausnehmend schöner, exzeptioneller Platz“. Kein Widerspruch. Aber Wünsche. Brülls will weg von „Behälterarchitektur“, bedauert den Verlust des alten Schlachthofes, lobt den Brunnen auf dem Hallmarkt, weil dieser für den Platz eine „Aufenthaltsqualität“ schaffe. Um die gehe es.

Ein kurzweiliger Abend. Könnte so etwas ein Veranstaltungsformat werden? Ein architekturkritisches Quartett, Quartier für Quartier durch Halle? Schwer zu sagen. Interesse ist offenbar garantiert.

Was fehlt in Halle? Klar, die Kunst, sagt Holger Brülls, schöne einzelne Wohn- und Alltagsarchitektur. Sein Mitautor denkt da größer. „Ich würde mir einen riesigen baulichen Leuchtturm wünschen“, sagt Thomas Dietzsch. „So etwas wie die Elbphilharmonie.“

Holger Brülls, Thomas Dietzsch: Architekturführer. Halle an der Saale. DOM Publishers, Berlin, 416 Seiten, 800 Abbildungen, 38 Euro