„Fels in der Brandung des Vergessens“

Zeitz bekommt Tafel für Opfer der SED-Diktatur

Am Gewandhaus am Zeitzer Altmarkt erinnert eine Tafel an Opfer der SED-Diktatur. Was Zeitzeugen aus ihrem Leben berichten.

Von Yvette Meinhardt
OB Christian Thieme und Ulf Altmann (CDU) enthüllen die Tafel für Opfer der SED-Diktatur.
OB Christian Thieme und Ulf Altmann (CDU) enthüllen die Tafel für Opfer der SED-Diktatur. (Foto: Yvette Meinhardt)

Zeitz/MZ - Eine Gedenktafel für die Opfer der SED-Diktatur wurde am Samstagnachmittag am Altmarkt in Zeitz feierlich enthüllt und zahlreiche Blumen niedergelegt. Der Zeitzer Oberbürgermeister Christian Thieme (CDU) und Ulf Altmann (CDU), Stadtratsvorsitzender vollzogen gemeinsam den Akt. Auf Initiative von Oskar Schmidt, Journalist Peter Merseburger, dem Zeitzer Günter Holluba (CDU) und anderen Bürgern entstand die Idee, den Opfern des SED-Regimes auf diese Weise zu gedenken. „Wir danken denjenigen Stadträten, die nach jahrzehntelangem Widerstand den Vorschlag endlich umgesetzt haben“, sagte Oskar Schmidt in seinem Grußwort im Rathaus. Zu der Veranstaltung waren zahlreiche Zeitzeugen gekommen und berichteten von ihren Schicksalen.

Dazu gehört zum Beispiel Birgit Krüger. Sie ist in Zeitz geboren und aufgewachsen, ging 1966 nach Ost-Berlin und stellte 1976 insgesamt vier Ausreiseanträge. „Am 24. Oktober 1977 bin ich in der Frühstückspause in meinem Betrieb abgeholt und verhaftet worden“, erinnert sich die Frau. Damals hatte sie zwei Kinder, diese waren neun und elf Jahre alt. „Wegen unserer kleinen Kinder wollten wir nicht heimlich fliehen, sondern haben auf die UNO-Menschenrechte gesetzt, an die UNO geschrieben und die Ausreise beantragt“, erzählt sie am Rande des Geschehens. Vier Ausreiseanträge habe sie gestellt und wurde schließlich wegen staatsfeindlicher Verleumdung zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sieben Monate saß sie in Berlin-Pankow, kam danach in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck. Zur Einweihung der Tafel rezitierte sie emotional ein Gedicht über Hoheneck. Es sei für sie eine sehr schlimme Zeit gewesen, sagte die Seniorin tief bewegt.

Wegen staatsgefährdender Hetze zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt

Ein ganz andere Geschichte kann Jörg Bilke aus eigener Erfahrung berichten. „Ich habe in Mainz Literaturwissenschaften studiert und damals sieben kritische Artikel über die DDR verfasst“, erzählt er. Im September 1961 kam er zur Buchmesse nach Leipzig und wurde am 6. September 1961 mitten in der Stadt verhaftet. „Mein Prozess fand im Januar 1962 statt und ich wurde wegen staatsgefährdender Hetze zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt“, sagt der heute 84-Jährige. Zuerst sei er in Altenburg, dann in Leipzig und schließlich im Zuchthaus Waldheim inhaftiert gewesen. Viele der Opfer kennen sich aus verschiedenen Opfervereinigungen und haben auf diese Weise auch von der Veranstaltung in Zeitz erfahren.

Birgit Krüger und Jörg Bilke gehören zu den Zeitzeugen.
Birgit Krüger und Jörg Bilke gehören zu den Zeitzeugen.
(Foto: Y. Meinhardt)

Vor dem Hintergrund einzelner Schicksale und dem Umstand, dass „in Zeitz ehemalige Funktionäre und ihre Unterstützer wieder in einflussreichen Positionen sitzen, die SED-Diktatur verniedlichen, die Opfer verhöhnen und angemessene Würdigung jahrzehntelang verhindern“ stellt „die neue Gedenktafel eine wertvolle Hilfe für die Opfer dar. Ihre Leiden werden endlich auch in Zeitz offiziell anerkannt. Sie erhalten nun auch hier die lang erhoffte Würdigung“, sagt Oskar Schmidt in seiner Rede.

„Fels in der Brandung des Vergessens“

Sein Weggefährte und Studienkamerad Konrad Elmer-Herzig schlug in seinem Beitrag den geschichtlichen Bogen zur Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz in Zeitz. „Ihr Widerstand war und ist nicht nur für die Stadt Zeitz und den Kreis bedeutsam, sondern ein bemerkenswerter Teil des gesamten Widerstands in der DDR. Vor allem die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz hat die Geschichte nachweisbar beeinflusst“, sagt Elmer-Herzig und so habe die Gedenktafel ihre Bedeutung weit über Zeitz hinaus. So sei diese Tafel ein „Fels in der Brandung des Vergessens, ein Ort der Erinnerungen an das, was an Unrecht geschah.“

Von 1963 bis 1989 hat die Bundesrepublik Deutschland insgesamt 33.755 politische Häftlinge aus den Gefängnissen der DDR freigekauft. Der Preis lag bei rund 3,5 Milliarden D-Mark. Für die letzten Gefangenen, die nach Westdeutschland ausreisen konnten, waren 1990 noch Waren im Wert von 65 Millionen D-Mark fällig. Die Waren erreichen die DDR wenige Tage vor der Wiedervereinigung, am 24. September 1990. „Auch wir sind damals freigekauft worden und lebten dann im Westen. Wir wurden mit Bussen abgeholt und rübergefahren, das vergesse ich nie“, sagt Krüger.