Naether-Kinderwagen in Zeitz

Naether-Kinderwagen in Zeitz: Das Haus, in dem alles begann

Zeitz - Um 1850 waren hinter jeder Tür der acht Häuser in der damaligen Jüdengasse verschiedene Handwerker eifrig zugange. Alle, egal ob Bäcker, Gelbgießer, Instrumentenbauer, Feinhauer, Kürschner, Schneider oder Tischler, lebten und wirkten wie der Stellmachermeister Gotthelf Naether und sein Sohn Ernst Albert nach der Maxime, die Friedrich Schiller im Lied von der Glocke niedergeschrieben hatte: „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe ...

Von Petrik Wittwika

Um 1850 waren hinter jeder Tür der acht Häuser in der damaligen Jüdengasse verschiedene Handwerker eifrig zugange. Alle, egal ob Bäcker, Gelbgießer, Instrumentenbauer, Feinhauer, Kürschner, Schneider oder Tischler, lebten und wirkten wie der Stellmachermeister Gotthelf Naether und sein Sohn Ernst Albert nach der Maxime, die Friedrich Schiller im Lied von der Glocke niedergeschrieben hatte: „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis.“

Dieser Aphorismus zierte übrigens später das von Albin Naether gestiftete „Denkmal der Arbeit“ in der Naetherstraße und erinnerte gleichzeitig an den Arbeitsethos der rastlosen und innovativen Zeitzer Handwerker.

Kutschenräder gefertigt

Bis zum Abbruch erhalten geblieben war im Hof der Judenstraße 2 jenes große Seitengebäude mit unverputztem Fachwerkobergeschoss und Satteldach, das eindrucksvoll die Vorstellung darüber anregte, wie der kleine Ernst Albert Naether dort einst als Kind um 1830 seinem Vater Gotthelf über die Schultern schaute, wenn dieser die mächtigen Räder für die Kutschen und Pferdewagen anfertigte und zurechtbog, sie an die großen Leiterwagen anpasste und wo er ab 1846 selbst mit vier Arbeitern zunächst Wagen und „ganz nebenbei“ auch seine ersten Kinderwagen fabrizierte.

Auch Ernst Albert Naethers drei Kinder, Tochter Anna und die Söhne Albin und Richard, erblickten im Haus Judenstraße 2 zwischen 1849 und 1853 das Licht der Welt. Das ausgedehnte Grundstück mit seiner Hofdurchfahrt bot auch anderen Handwerkern und Händlern genügend Raum für ihre Arbeit. Alle lebten unter einem Dach, sie zahlten ihre Miete an die Naethers. Die sozialen Beziehungen unter den Nachbarn waren eng. Jene ordnende Macht der traditionsreichen Zeitzer Innungen schwand ab 1845 zusehends nach Einführung der preußischen Gewerbefreiheit.

Typisches Geschäftshaus

Nach dem Verkauf des Hauses durch Ernst Albert Naether für 51 750 Mark am 31. Juli 1877 an Schneidermeister Ernst Fritzsche jun., der den Kauf über eine von Naether gewährte Hypothek finanzierte, soll das historische Portal der Eingangstür ausgebaut und auf dem Naether’schen Grundstück in der Geschwister-Scholl-Straße wieder aufgestellt worden sein, von wo es nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand. Belegt ist, dass Umbauarbeiten in den 1880er Jahren die Fassade im Erdgeschoss mit Ladeneinbauten veränderten.

Judenstraße 2 war aber nicht nur ein Haus, vom dem aus Naether-Kinderwagen ihren Siegeszug um die Welt antraten. Als belebtes, bis unters Dach bewohntes innerstädtisches Geschäftshaus, das dann im 20. Jahrhundert der Familie des Schneidermeisters Kurt Gröber gehörte, bleibt es in den Erinnerungen der Menschen fest verankert. Wer erinnert sich nicht an die zu DDR-Zeiten im Hof in der Werkstatt untergebrachte Buchbinderei Helms, den im Haus ansässigen Schumacher oder das Damenmode und Untertrikotagengeschäft Meinhardt? Bei Meinhardts gab es elegante Blusen oder Strümpfe. Der Geschäftsinhaber hatte seine Ware geordert, indem er selbst mit dem Auto in die Fabriken fuhr und einkaufte, die dann von der freundlichen Frau Winkler verkauft wurde. (mz)