Beim Hive-Festival rausgeschmissen Nach schweren Vorwürfen in der Techno-Szene: Erster Star-DJ beendet Karriere
Seit einigen Tagen bebt die "Hard Techno"-Szene. Ein Insider beschuldigte mehrere Star-DJs in zahlreichen Fällen des Machtmissbrauchs und der sexuellen Nötigung. Nun zieht der erste der beschuldigten DJs Konsequenzen und beendet seine Karriere.

Gräfenhainichen/DUR. – Die Vorwürfe wiegen schwer: Machtmissbrauch, Nötigung teils minderjähriger Frauen und sexuelle Übergriffe.
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Die Anschuldigungen gegen mehrere Star-DJs der "Hard Techno"-Szene sorgten zuletzt für eine Welle der Empörung – und diese scheint nicht abzureißen. Immer mehr Details kommen nun ans Licht.
Übergriffe und Machtmissbrauch: Insider beschuldigt namhafte DJs
Seit dem vergangenen Wochenende erhebt der Amerikaner Brad auf seinem Instagram-Account @bradnolimit in mehreren Beiträgen und Storys schwere Vorwürfe gegen mehrere namenhafte DJs der "Hard Techno"-Szene. Laut eigenen Aussagen ist er ein ehemaliger Partner der französischen Management-Agentur "Steer", bei der die beschuldigten DJs unter Vertrag stehen.
"Steer Management" ist eine internationale Künstleragentur, die mehrere Acts aus der Hard-Techno-Szene vertritt und für Veranstaltungen vermittelt.
Im Zuge der Anschuldigungen nannte er insbesondere die DJs "Basswell", "Shlømo", "Carv" und "Fantasm" und beschuldigte sie öffentlich des Machtmissbrauchs und der Übergriffigkeit gegenüber Frauen in mehreren Fällen.
Zuletzt veröffentlichte er weitere Anschuldigungen gegen den Schweizer DJ "Odymel" sowie den niederländisch-kolumbianischen DJ "Hades". "Odymel" selbst bestätigte in einem Statement ein aktuell laufendes Verfahren.
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Laut Brad hätten sich bislang unzählige Menschen bei ihm gemeldet; er selbst komme kaum hinterher, allen zu antworten. Insgesamt sei sein Account in der vergangenen Woche knapp 25 Millionen Mal aufgerufen worden.
In einem Statement vom 25. Februar bezog er erneut Stellung zu seinen Anschuldigungen und erklärte, warum er so lange mit der Veröffentlichung gewartet habe.
Er habe zunächst "genug belastende Beweise" sammeln müssen. Des Weiteren gebe es noch "Fälle, die ich nicht öffentlich bekannt machen kann, da mir die Kapazitäten dazu fehlen".
Er selbst sehe sich "nicht als Held oder Ermittler", auch sei er kein Journalist. Er sei lediglich eine Person, die "eine Tür aufgestoßen hat und von der Realität und der Größe dieses Problems getroffen wurde". Nun komme es darauf an, "dass sich etwas ändert. Dass Strukturen hinterfragt werden."
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Star-DJane Amelie Lens mit emotionalem Statement
Im Zuge seines Statements machte Brad außerdem auf den Instagram-Account @MeTooDJs aufmerksam. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss professioneller Frauen aus der elektronischen Musikszene, darunter Anwältinnen, Psychologinnen, Suchtspezialistinnen und Journalistinnen. Sie unterstützen laut eigener Darstellung Betroffene im Kampf um Gerechtigkeit.
Auch mehrere Star-DJanes der Techno-Szene bezogen inzwischen Stellung zu den Vorwürfen. So veröffentlichte die belgische DJane Amelie Lens ein emotionales Statement.
Sie schreibt: "Die Tanzfläche ist unser Zuhause und der Backstage-Bereich unser Arbeitsplatz. Sicherheit wurde viel zu lange als 'Frauenproblem' abgetan."
Insbesondere Männer nimmt sie in die Pflicht und betont: "Es ist nicht immer der unheimliche Mann in der Gasse, der für solche Übergriffe verantwortlich ist." Oftmals seien es vermeintlich "gute Freunde", die übergriffig würden.
Nach schweren Vorwürfen: DJ Carv beendet seine Karriere
Inzwischen haben sich auch die meisten der öffentlich beschuldigten DJs zu Wort gemeldet. Nachdem der Frankfurter DJ "Carv" in einem Statement einräumte, in der Vergangenheit "private, explizite Nachrichten geschrieben und intime Bilder an Frauen" verschickt zu haben, kam es nun zu einem drastischen Schritt.
In einem exklusiven Statement gegenüber "Watson" teilte "Carv" mit, dass ihm in den vergangenen Tagen bewusst geworden sei, was er angerichtet habe. Er weise zwar alle Vorwürfe strafrechtlich relevanten Verhaltens zurück, ziehe jedoch Konsequenzen. Er erklärte: "Das Projekt DJ Carv endet hier."
Sein Management sage alle Auftritte ab und deaktiviere seine Social-Media-Kanäle. Unveröffentlichte Tracks sollen in den kommenden Wochen noch veröffentlicht werden, seine Musik bleibe auf den Streaming-Plattformen abrufbar. Inzwischen löschte Carv – bis auf sein Statement – alle vorherigen Posts zu Auftritten und neuer Musik von seinen Kanälen.
"Nie etwas getan": DJ Fantasm weist alle Vorwürfe von sich
Auch der amerikanische DJ "Fantasm" meldete sich, nachdem er zunächst geschwiegen hatte, inzwischen zu Wort. In einem Video auf Instagram spricht er von einer Verleumdungskampagne. Zudem zweifelt er an der "Rechtsprechung" über soziale Medien und erklärte, man müsse "den Opfern helfen und einen Gerichtsprozess auf den Weg bringen".
Im weiteren Verlauf seines Statements wird er persönlich. Sinngemäß sagt er, er habe "nie etwas getan", und betont, dass er seit drei Jahren rechtlich gegen Personen vorgehe, die über ihn gesprochen hätten.
Offenbar bezieht er sich dabei auf einen Vorfall vor einigen Jahren: Nach einem Auftritt in Lyon waren Anschuldigungen von Frauen gegen ihn erhoben worden. Der DJ wurde daraufhin von sämtlichen französischen Veranstaltern gesperrt und darf seitdem nicht mehr in Frankreich auftreten.
Wörtlich sagte er: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich niemals jemanden ohne dessen Einwilligung benutze. Alle Anschuldigungen sind falsch. Ich bin kein Pädophiler und bin nur hier, um die Wahrheit zu verbreiten und durch meine Musik Leidenschaft zu zeigen." Überprüfbare Details nannte er in seinem Statement jedoch nicht.
"Obsessive Rachekampagne": DJ Shlømo kündigt rechtliche Schritte an
Nachdem der französische DJ "Shlømo" vor einigen Tagen sein Statement auf Instagram wieder gelöscht hatte, legte er am 26. Februar nach. Das Vorgehen von @bradnolimit bezeichnete "Shlømo" als "obsessive Rachekampagne".
Er selbst habe nie eine nicht einvernehmliche Beziehung geführt, nie sexuellen Missbrauch an einer Frau begangen und nie eine sexuelle Beziehung mit einer minderjährigen Person gehabt. Zudem bezeichnete er die vorgelegten Beweise als "wertlos", irreführend oder "komplett fabriziert". Es handele sich um "primitive und offensichtliche Fotomontagen".
Des Weiteren wirft er Brad (@bradnolimit) vor, Geld verlangt zu haben, um seine "Vendetta" zu beenden. In diesem Zusammenhang kündigte er rechtliche Schritte an. Er wolle unter anderem Anzeige wegen Verleumdung, Belästigung, Morddrohungen, versuchter Erpressung, Fälschung und der Verbreitung gefälschter Dokumente erstatten. Auch er betonte, dass Brads Vorgehen es tatsächlichen Betroffenen erschwere, gehört zu werden.
Nach Vorwürfen gegen DJ-Größen: Hive-Festival bei Gräfenhainichen wirft Künstler raus
Nachdem die Vorwürfe laut geworden waren, reagierten zahlreiche Festivals und Partyreihen weltweit. Der größte niederländische Hard-Techno-Veranstalter "Verknipt" strich die DJs aus allen Line-ups. Auch deutsche Festivals und Veranstaltungen wie "Electrisize" bei Düsseldorf, der "World Club Dome" in Frankfurt sowie Deutschlands beliebtester Club, das "Boothaus" in Köln, beendeten die Zusammenarbeit mit den Künstlern.
Auch das in Ferropolis bei Gräfenhainichen stattfindende Hive-Festival (Eigenschreibweise: HIVE) bezog als eines der ersten Festivals Stellung zu den Vorwürfen.
In dem Statement heißt es: "HIVE ist ein sicherer Ort für alle – ein Ort der Freiheit, der Inklusion und des Respekts. Wir werden alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Werte und unsere Gäste zu schützen."
Aus diesem Grund nehme man die Vorwürfe sehr ernst und "nehme die betreffenden Künstlerinnen und Künstler mit sofortiger Wirkung aus all unseren Line-ups".