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  7. Lehrermangel bekämpfen? Debatte um die 4-Tage-Woche an Schulen

Bildung in Sachsen-AnhaltProbleme lösen oder schaffen? Das sagen Schulen aus dem Kreis Wittenberg zur 4-Tage-Woche

An der Rosa-Luxemburg-Schule in Wittenberg wird die 4-Tage-Woche mit einem Projekttag erprobt. Welche ersten Erfahrungen dort gesammelt worden sind und was andere Schulen dazu sagen.

Von Adrian Ziannis Aktualisiert: 13.11.2023, 09:45
An der Rosa-Luxemburg-Schule  läuft das Modellprojekt.
An der Rosa-Luxemburg-Schule läuft das Modellprojekt. (Foto: Klitzsch)

Wittenberg/MZ. - Wäre eine 4-Tage-Woche ein Mittel, um dem verbreiteten Lehrermangel beizukommen – zum Beispiel, indem am fünften Tag ein Lehrer mehrere Klassen per Videoschalte unterrichtet oder die Schüler in Projekten arbeiten?

In der Pandemiezeit sind zwangsläufig Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt worden, gute wie schlechte. An einigen wenigen Schulen in Sachsen-Anhalt wird die 4-Tage-Woche derzeit in Modellprojekten weiter erprobt. Ziel dabei ist es aber – zumindest offiziell – nicht den Personalmangel zu bekämpfen, sondern die Qualität einer solchen Unterrichtsform zu erproben.

Eine dieser Schulen ist die Rosa-Luxemburg-Schule in Wittenberg. Dort hat sich die MZ erkundigt, welche Erfahrungen Lehrer und Schüler gesammelt haben und ob die Schulleitung Chancen sieht, damit auch die Unterrichtsabdeckung zu verbessern.

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Laut Projektleiter Daniel Kemp sind die 8. Klassen an der „Rosa“ zunächst für eine Woche im Praktikum in einem Betrieb der Region. Danach nehmen sie an vier Tagen der Woche normal am Präsenzunterricht der Schule teil, am fünften Tag sind sie im Betrieb. Insgesamt seien sie ein halbes Jahr in einem Betrieb, bevor sie wechseln. Wenn es aber zwischen Schülerpraktikant und Betrieb gut passe, dann sei auch eine Verlängerung auf ein Jahr möglich.

Projekt vier-Tage-Woche: Nicht alle Schüler sind motiviert

Projektleiter Kemp sagt, die meisten Schüler nähmen das Projekt positiv auf. Jedoch dürfe man auch nicht vergessen, dass die Schüler mit der Pubertät in einem schwierigen Lebensabschnitt seien. Daher sei es nicht verwunderlich, wenn einzelne wenig motiviert sind.

Für alle Schüler des gegenwärtigen Durchlaufs sei ein Praktikumsplatz bei einem Unternehmen der Region gefunden worden. Probleme habe es anfangs mit zwei ukrainischen Schülern wegen der Sprachbarriere gegeben. Aber auch dafür sei eine Lösung gefunden worden.

Von den teilnehmenden Unternehmen komme sehr viel positive Rückmeldung. Projektleiter Daniel Kemp meint, dadurch, dass viele Firmen der Region ebenfalls unter Personalmangel litten, sei man dort erfreut, potenzielle zukünftige Lehrlinge auf diesem Weg zu gewinnen. Durch die betrieblichen Einblicke werde das im Unterricht erworbene Wissen mit praktischen Fähigkeiten vernetzt. Sie hätten ein konkretes praktisches Anwendungsgebiet für das dort vermittelte Wissen.

Ob die Schulen durch das Projekt 4-Tage-Woche auch Geld und Personal einsparen wollten? Sowohl die Schulleiterin Silvana Gries von der Rosa-Luxemburg-Schule als auch der Pressesprecher des Landesschulamts in Halle, Tobias Kühne, verneinen das. Ihnen zufolge gehe es vielmehr darum, die Schule weiterzuentwickeln und neue Formen des Unterrichts zu erproben.

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Man wolle die Erfahrungen der Pandemie mitnehmen und als Anstoß für eine Modernisierung sehen. Dabei gehe es um mehr Praxisbezüge und Digitalisierung des Unterrichts.

Bildung in Sachsen-Anhalt: Es wird mehr Personal benötigt

Schulamtssprecher Kühne sagt, durch die Vor- und Nachbereitung des in den Betrieben erlernten Wissens im Unterricht werde sogar mehr Personal benötigt als bei herkömmlichem Unterricht. Folgt man dieser Darstellung so bedeutet das also, dass der gerade an Sekundarschulen besonders gravierende Mangel an Lehrkräften mit dem 4-Tages-Modell sogar noch verschärft werden könnte.

Wie sieht es an anderen Schulen der Region aus und was halten diese von der 4-Tage-Woche? An der Ganztagsschule in Coswig sieht es mit der Unterrichtsabdeckung noch ganz gut aus, Unterrichtsausfall sei derzeit kein Problem. Das berichtet die Schulleiterin Bettina Hahn. Doch die aktuelle Erkältungswelle erfüllt sie mit Sorge.

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Zwar sei der Krankenstand unter den Kollegen derzeit gering, aber wenn es zu vielen Ausfällen käme, dann fiele sofort Unterricht weg. Das bedeute dann einen hohen Arbeitsaufwand, weil die Stundentafel neu geschrieben werden müsse. Die Ausfälle könnten auch dazu führen, dass wohl wieder zum Distanzunterricht wie zu Pandemie-Zeiten übergegangen werden müsse. Denn nur so könne ein Lehrer zwei Klassen unterrichten – eine davon in Präsenz und eine per Online-Unterricht.

Schulen im Kreis Wittenberg: Dienstplan auf Kante

Schulleiterin Hahn räumt gegenüber der MZ ein, dass der Dienstplan generell extrem auf Kante genäht sei. So stünden für die insgesamt 17 Schulklassen der GTS Coswig nur 18 Lehrer zur Verfügung. Zwar erreiche man eine hohe Unterrichtsabdeckung und es könnten auch alle Fächer angeboten werden, jedoch müssten die Stunden verkürzt gehalten werden.

Gerade die 5. und 6. Klassen erhielten weniger Unterricht als vorgeschrieben: an drei Tagen in der Wochen sogar nur vier Stunden. Auch gebe es Fächer, in denen Personalmangel herrsche. Dies seien, seit Jahren unverändert, Englisch, Biologie und Chemie. Während den Schülern an der GTS Coswig nur noch drei Wochenstunden Englisch angeboten werden könnten, seien es bei den Fächern Biologie und Chemie sogar nur je eine Wochenstunde.

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Das Projekt 4-Tage-Woche sieht Schulleiterin Hahn nicht unbedingt als Lösung, sondern bisher eher skeptisch. Sie habe an der GTS Coswig schon viel Unterricht kürzen müssen und es sei daher nicht im Interesse der Schüler, wenn sie nun einen weiteren Tag Unterricht durch das Projekt verlören. „Ich habe die Schüler lieber vor Ort“, so Hahn.

Für eine gute Idee hält Heike Beck, Schulleiterin an der GTS Kemberg, das Konzept 4-Tage-Woche. Sie gibt jedoch zu bedenken, dass es in Kemberg im Unterschied zu Wittenberg viel zu wenig Betriebe gebe, um allen Schülern einen Praktikumsplatz anbieten zu können. Dies sei ein großes Hindernis. Auch sei die Betreuung der Schüler in Betrieben wegen Personalmangels nicht immer sicher.