Kopfkino in Wittenberg

Kopfkino in Wittenberg: Martin Zingsheim ist Meister der Sprache

Wittenberg - Sprache, sagt Martin Zingsheim, kann Leben retten. Er macht dies am Satz an einer Garderobe in Wien fest: „Im Falle eines Feuers verlassen Sie das Gebäude bitte, bevor Sie es auf Facebook posten.“ Ja, so weit ist es gekommen. Ein Leben ohne Internet ist durchaus möglich, für viele Menschen inzwischen jedoch sinnlos. Das jedoch ist für einen Kabarettisten wie Martin Zingsheim eine Steilvorlage par excellence. Es wäre falsch zu sagen, dass er genüsslich das merkwürdige Verhalten der Menschen auf die Schippe nimmt. Er braucht nämlich gar nicht viel zu erläutern. Das Beste spielt sich bei den Zuhörern im Kopf ...

Von Karina Blüthgen 17.05.2016, 07:29

Sprache, sagt Martin Zingsheim, kann Leben retten. Er macht dies am Satz an einer Garderobe in Wien fest: „Im Falle eines Feuers verlassen Sie das Gebäude bitte, bevor Sie es auf Facebook posten.“ Ja, so weit ist es gekommen. Ein Leben ohne Internet ist durchaus möglich, für viele Menschen inzwischen jedoch sinnlos. Das jedoch ist für einen Kabarettisten wie Martin Zingsheim eine Steilvorlage par excellence. Es wäre falsch zu sagen, dass er genüsslich das merkwürdige Verhalten der Menschen auf die Schippe nimmt. Er braucht nämlich gar nicht viel zu erläutern. Das Beste spielt sich bei den Zuhörern im Kopf ab.

Verrückte Dinge tun

Folgerichtig heißt sein neues Programm auch „Kopfkino“, und in dem empfiehlt er seinen Zuhörern einige ganz verrückte Dinge. Etwa in die Sparkasse zu gehen, ruhig in der Schlange zu warten und wenn man am Schalter ist, laut und voller Empörung zu fragen: „Wie, mein Konto ist voll?“ Was am Freitagabend in der Wittenberger Sparkasse, wo seit Jahren „reihenweise“ stattfindet, ausnehmend gut ankommt. Der 32-jährige Kölner auf der Bühne spielt förmlich mit Worten, fordert die Leute ganz nebenbei auf, wieder treffender beim Sprechen zu sein und auch genauer hinzuhören. In Sachen Ernährung zum Beispiel hat er eine Menge zu sagen. „Wer kommt schon auf die Idee, dass Apfelsaft aus mehr bestehen muss als aus Saft von Äpfeln. Und dass Suppen krümelig in Tüten aufwachsen müssen, leuchtet mir auch nicht ein.“ Für Zingsheim ist ökologisch korrektes Essen von artgerechter Tierhaltung nur wenige Sätze entfernt. Und während sich andere Kabarettisten an Politikern abarbeiten, nimmt er diese Spezies ebenso wie die Religion nur wohldosiert aufs Korn, dann aber richtig.

Erst im Herbst gibt es die nächste Folge von „reihenweise“. Am 30. September wird Lüder Wohlenberg nach Wittenberg kommen. Sein Programm heißt: „Wird schon wieder! Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Wohlenberg, ausgebildeter Notarzt und zugleich Kabarettist, bietet darin eine kurzweilige und satirische Überlebenshilfe für Patienten und andere Menschen. Am 18. November heißt es „Das Deutschland-Syndrom“. Jens Neutag wird dann zu Gast sein, in seinem sechsten Soloprogramm befasst er sich mit verschiedenen Skurrilitäten des Alltags.

Kartenbestellungen unter Tel. 03491/41 92 60 oder unter www.wittenberg-marketing.de

„Es gibt viele nette Christen. Was ich nicht verstehe, ist der missionarische Eifer“, bringt er ein bekanntes Szenario auf den Punkt. „Das machen Atheisten nicht. Sie gehen nicht von Haustür zu Haustür, klingeln und sagen: Tach, ich möchte mit Ihnen gern mal über Gott lästern.“ Auch Homosexualität ist für ihn ein Thema. Er jedoch dreht den Spieß um: „Ach, du bist hetero? Wann hast Du das gemerkt? Was sagen Deine Eltern dazu?“

Altbekanntes zur Collage

Das ist die große Stärke von Martin Zingsheim. Er nimmt sich Altbekanntes vor, fetzt es in kleine Stücke und bringt es als Collage neu zusammen. Egal ob gesprochen oder gesungen, manchmal kann man seinen Pointen kaum folgen. Selbst Kindersprache lässt er nicht aus. Wenn sein Sohn sagt: „Papa, ich zieh mal die Pantoffeln an, dann kann ich besser gucken“, hält er das bereits für das geeignete Niveau, um in eine deutsche Talkshow eingeladen zu werden.

Zum Brüllen komisch wird er, wenn er darüber philosophiert, dass mehr Deutsche jährlich in Museen statt in Fußballstadien gehen. „Natürlich fallen erstere nicht so auf“, erklärt er und entwirft ein Szenario, bei dem Museumsbesucher unter Polizeischutz zu Ausstellungen geführt werden und Fangesänge beim Anblick von Bildern anstimmen. Im Gegenzug könnte man mal einen Bischof ans Stadionmikrofon setzen und ein Spiel kommentieren lassen.

Es kommt wirklich selten vor, dass das Publikum noch auf der Treppe von dem Abend schwärmt. (mz)