Jahresrückblick in Wittenberg

Jahresrückblick in Wittenberg: Ein Tunnel, viele Hoffnungen

Wittenberg - Was die Menschen neben der Pandemie bewegte. Diesmal: In Wittenberg eröffnen sich neue Perspektiven.

Von Irina Steinmann 07.01.2021, 10:01

Oh Schreck, der Jahresrückblick! Gab es da überhaupt etwas außer Corona und all die Feste, die man unkaputtbar glaubte und die am Ende doch ausfielen, eines nach dem anderen? Diese ganze lange Elend zwischen Nicht-Stadtfest und Nicht-Weihnachtsmarkt! Doch, ja, da war durchaus etwas, wie der folgende Rückblick für die Lutherstadt Wittenberg zeigt:

Am Ende Licht

Die Stadt eröffnet ihren BER. Nach mindestens einem Vierteljahrhundert seit Beginn der ersten Planungen ist es am 11. November soweit: Wittenberg ist nach Osten nicht mehr dicht für Zugreisende, der Tunnel in die Elstervorstadt ist offen. Jahrelang hingen der Stadt bereits Fördermittel vor der Nase.

Als ein Stück Umgehungsstraße gebaut wurde, bedachte man den Tunnel gleich mit - „2011“ steht deshalb für alle Zeiten über der Aussparung, die man damals für den Bahn-Tunnel gelassen hatte - und direkt gegenüber „2020“ für das Fertigstellungsdatum. Als Gemeinschaftsprojekt mit der Bahn erwies sich das Unterfangen immer wieder als komplizierter als erwartet.

Zuletzt, im Herbst und Winter 2019, waren noch konkrete bauliche Probleme hinzugekommen.

Und recht eigentlich betrachtet ist die Angelegenheit auch jetzt noch nicht beendet: Zwar dämmert seit dem 11. November der bereits Jahre zuvor errichtete Großparkplatz nicht mehr vor sich hin - zu Fuß erreicht man die „Elstervorstadt“ aber trotz Tunnelöffnung nicht: Der entsprechende Weg ist noch gar nicht gebaut. Gut möglich also, dass der Tunnel auch im nächsten Jahresrückblick noch einmal eine Rolle spielen wird.

Als Hintergrund für jugendliche Posen, sei es auf dem Rad, sei es auf dem Skateboard, ist die bläulich beleuchtete Unterführung aber jetzt schon recht beliebt. Und die anderen schauen sich gern die großformatigen Fotos an, die die Tunnelwände zieren und Ergebnisse eines Wettbewerbs sind. Wittenberg zeigt sich hier als „Stadt an der Elbe“. Wow!

Grün ist die Hoffnung

Womit wir bei einem ungleich größeren Thema sind - größer, aber eben auch ein ungefangener Fisch: die Laga! Seit 16. Dezember steht fest: Wittenberg bewirbt sich für das Massenevent anno 2027. Noch wogen die Diskussionen pro oder kontra Landesgartenschau nicht eben heftig hin und her. Das aber wird sich womöglich ändern, wenn es konkreter wird, sprich, die Lutherstadt den Zuschlag bekommen sollte.

Das aber werden wir erst im Laufe des gerade begonnenen Jahres erfahren, wohl im Herbst. Was dem Thema bereits heute einen Platz im Jahresrückblick 2021 sichert. Und womöglich sogar in den Folgejahren. Aber: Abwarten!

Doch was heißt hier eigentlich, es gab noch keine großen Debatten? Gab’s doch. Die Kleingärtner „Am Stadtgraben“ fürchten um ihre Pfründe, trommeln entsprechend und haben in den Grünen UnterstützerInnen gefunden.

In den Wallanlagen ist aber auch Schönes passiert im vergangenen Jahr: Dank bürgerschaftlichem Engagement und einem Geldsegen seitens SKW sprudeln die Fontänen im Schwanenteich wieder. Ermöglicht hatte dies eine Spendenkampagne der Wittenberger Bürgerstiftung.

Dass das in die Luft emporschießende Wasser bei Dunkelheit in der Saison sogar beleuchtet ist, verleiht dem Gewässer einen besonderen Reiz. Kleiner Wermutstropfen: Auch ans Ufer des Schwanenteichs führt, ähnlich wie vom Hauptbahnhof in die Elstervorstadt, noch kein Weg hin. Hm. Wie sich die sanierte Anlage auf die Dunkelmänner-Dichte auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Panorama bleibt

Für viele zweifellos nach wie vor eine Attraktion, wird das Panorama „Luther 1517“ nun noch weitere vier Jahre, bis Oktober 2024, am Standort des früheren KTC zu sehen sein. Denn wo Not war, wuchs am Ende doch das Rettende auch: Am 19. September berichtete die MZ über die geglückte Rettung des Rundlings, übernommen hat ihn die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

Dass deren Bischof zuvor als Akademiedirektor in der Lutherstadt Dienst tat, hat der Angelegenheit sicher nicht geschadet. Vorerst also Ende gut, alles gut fürs Panorama, dessen Übernahme durch die Stadt Wittenberg beziehungsweise deren Marketinggesellschaft im März des Jahres verworfen worden war.

Altstadt wird gemanagt

Apropos Marketing: Seit 1. August hat die Lutherstadt nun auch das, was einige über Jahre hinweg mehr oder weniger lautstark gefordert haben - ein City-Management. Viel hat man seither noch nicht gesehen von dessen Taten, was freilich kein Wunder ist angesichts der Pandemie, die die Situation im Innenstadt-Handel noch einmal deutlich verschärft hat - Arbeit ist dem City-Management daher auch 2021 gewiss.

Ratten in der Kita

Viel Aufregendes gab es im vergangenen Jahr ja nun nicht im Städtchen - Ratten in der Kita gehören allerdings zweifelsfrei dazu. Die Tiere zwangen die integrative Kita „Flax und Krümel“ zum vorzeitigen Umzug ins Ausweichquartier nach Piesteritz ins alte Ärztehaus - was allein schon kein echter Spaß ist, doch das Leben ist auch sonst nicht gerecht: Kurz vor Weihnachten musste auch das Provisorium vorläufig geschlossen werden - ja, wegen C.

Freuen konnten sich in diesem merkwürdigen Jahr 2020 allerdings die Kinder, Eltern und Lehrer in Pratau: Der Ersatzneubau der Grundschule „Katharina von Bora“ läuft. Am 13. Juli war Baustart für das lang ersehnte Projekt, das bis kommenden Herbst realisiert sein soll. Und am 26. August gab es in diesem Zusammenhang erstmals sogar ein „Stadtgespräch“ auf dem Lande, immerhin rund 40 Leute kamen.

Abgefahren!

Und jetzt noch einmal zurück zum Hauptbahnhof. Pendlern wird 2020 als besonders beschwerliches Jahr in Erinnerung bleiben, so sie nicht ohnehin im Home Office bleiben durften: Zehn Wochen ohne Zugverkehr ließen das Nervenkostüm ganz schön flattern. Da gab es fragile Umsteigeverbindungen mit enormen Fahrzeitverlängerungen und jede Menge unerwünschten Körperfastkontakt im wenig maskenaffinen Ersatzverkehr.

Schrumpfungsprozess

Was vergessen? Ach ja, die AfD-Fraktion im Stadtrat hat sich selbst verkleinert. Einer durfte nicht mehr, zwei wollten nicht mehr. Die Folgen brachten Bernhard „Luther“ Naumann einen neuen Job ein. Nach seinem Abschied als Küster der Stadtkirche sitzt der Sozialdemokrat nun ehrenamtlich als einer der Stellvertreter dem Stadtrat vor. (mz)