Stadtgespräch

Fluch und Segen der Satzung in Wittenberg

Eine Veranstaltung zu den Regeln für Altstadt-Gebäude findet im kleinen Kreis statt.

Von Irina Steinmann
Das Publikum hörte aufmerksam zu.
Das Publikum hörte aufmerksam zu. (Foto: Steinmann)

Wittenberg - Die Klagen über vermeintlich ungerechtfertigte Behinderungen bei Veränderungen an Gebäuden in der Wittenberger Altstadt sind Legion, beim „Stadtgespräch“ am Montagabend machte sich dies allerdings nicht bemerkbar. Die geplante Vorstellung und Debatte der zugrundeliegenden Regelungen, allen voran der Gestaltungssatzung, zog nur wenige Interessenten an, von denen sich zudem niemand konkret als Kritiker in eigener Sache äußerte.

Das Thema drohte damit jene „trockene“ Materie zu bleiben, die es, wie Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) betonte, aber eigentlich nicht sei. Dass das Publikum gleichwohl mit einem gewissen Erkenntnisgewinn nach Haus gehen konnte, war Jörg Lammert zu verdanken. Der Architekt aus Weimar war eingeladen worden, um von außen einen Blick auf die Altstadt zu werfen und verstand es in seinem „Impulsreferat“, für den Umgang mit dem baulichen Erbe und insbesondere die Integration von Neubauten in der Lutherstadt zu sensibilisieren, welche aus seiner Sicht gelungen sind.

Lammert hatte sich das neue Melanchthonhaus („Man hat mich dreimal gewarnt, mit diesem Haus anzufangen“), den Schlosskomplex und die Bauten am Arsenalplatz vorgenommen und seine positiven Bewertungen auch anschaulich begründet, indem er gerade die jeweiligen Festlegungen im Ortsrecht heranzog. Als ein Beispiel mag der Schlosshof dienen, den der Neubau auf der Parzellengröße der vorherigen Bebauung erst wieder zu einem solchen macht und der für Lammert, wie der Arsenalplatz, für Wittenberger „Entmilitarisierung“ steht.

Dass dem gebürtigen Wittenberger - der sich als Wettbewerbssieger auch begründete Hoffnungen auf die Umsetzung seines Entwurfs für das hohe Mietshaus im neuen Wohngebiet „Am Stadthafen“ machen darf (die MZ berichtete) - sein Urteil dabei sehr euphorisch geriet, stieß nicht auf Gegenstimmen. „Eigentlich kann man wirklich glücklich sein, hier zu leben“, hatte Lammert erklärt und der Stadt bescheinigt, „Wittenberg hat und ist Zukunft“.

Was die Architekten sagen

Moderiert von Martin Stein von der Landesentwicklungsgesellschaft Saleg, geriet die geplante Bürgerdebatte weitgehend zum Meinungsaustausch unter Architekten. Christoph Lück vom Büro „bc Architekten“ warnte davor, die per Satzung geforderte „Analogie“ bei der Wiederherstellung von Gebäudeteilen zu überreizen.

„Denkmalpflege hat dort aufzuhören, wo die Vermutung beginnt“, sagte er. Berufskollege Mike Meder, der selbst in der Altstadt für seine Familie ein Fachwerkhaus saniert hat, das „Kronhaus“, zeigte sich insgesamt misstrauisch. Er forderte, den Passus „Einvernehmen der Stadt“ bei baugenehmigungspflichtigen Verfahren - über die entscheidet immer der Landkreis - zu streichen.

Und während die Wohnungswirtschaft laut Wiwog-Geschäftsführer Rando Gießmann darauf setzt, dass auch auf Grundlage der neuen Gestaltungssatzung „Lösungen“ gefunden werden, was etwa Balkone oder Dachterrassen angeht, erwies sich Eckhard Naumann (SPD), Oberbürgermeister a. D. überraschend als Kritiker der Vorgängersatzung. „Es gab nicht nur das Positive“, führte er die sprichwörtliche Werbetafel ins Feld, die verboten wird, nur weil sie ein paar Zentimeter zu groß ist, und verlangte, die neue Satzung „atmungsfähig und flexibel“ zu halten, sowie Instrumente zur Schlichtung von Streitfällen.

Nur was sichtbar ist

Diese und weitere Vorschläge sollen Eingang in die Abwägung der Gestaltungs- und der Erhaltungssatzung finden, deren öffentliche Auslegung ebenfalls am Montag endete. Geplant ist, beide Satzungen - nach einem hierfür nötigen Ratsbeschluss - zum 1. Januar 2022 in Kraft treten zu lassen. Bürgermeister Jochen Kirchner betonte einmal mehr, dass die Regelungen ausschließlich jene Gebäudeteile betreffen, die öffentlich einsehbar sind. „Die Satzungen sollen dienen“, nicht „knebeln“, versprach Oberbürgermeister Zugehör. (mz)