Jubiläum

Ein Hauch von Weltfußball in Kemberg

Dieter Schmidt hat eine neue Broschüre mit vielen Bildern über seinen Lieblingssport verfasst. Der Ex-Bürgermeister präsentiert sich als Macher.

Von Michael Hübner
Sonja und Dieter Schmidt blättern in der neuen Broschüre über den Fußball in Kemberg. Foto: Sven Wieder

Kemberg/MZ

- Dieter Schmidt hat vieles erlebt - in der Politik oder im Fußball. Jetzt hat er sich wieder einmal als Macher erwiesen. Der 83-Jährige ist Autor, Herausgeber und Vertriebsleiter in einer Person. Dabei setzt der Kemberger nicht auf moderne Kommunikationsmittel oder auf Computer, sondern eher auf seine Schreibmaschine. Trotzdem ist nach einem Jahr Arbeit seine Broschüre pünktlich fertig geworden. „90 Stück zum 90. Geburtstag“, sagt er. „Meine Frau hat mir sehr viel geholfen“, lobt er seine bessere Hälfte Sonja, die gelernte Fotografin. Das Paar ist in wenigen Tagen 60 Jahre verheiratet.

Bänke vom Zentralstadion

In dem Werk geht es aber ausschließlich um die Liebe zum Fußball. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, feiert Rot-Weiß Kemberg ein stolzes Jubiläum. Neun Jahrzehnte rollt der Ball. Schmidt hat selbst gespielt, und das durchaus erfolgreich. „Mit der Reserve wurde ich Kreismeister, und ich habe den Traktor-Pokal gewonnen“, erinnert Schmidt an einen regionalen Wettbewerb der Betriebssportgemeinschaften, die sich eben Traktor genannt haben.

Nach seiner aktiven Zeit ist er Schiedsrichter und leitet fast zwei Jahrzehnte die Abteilung. Seine Handschrift ist noch heute überall zu sehen. Ein Beispiel ist die Tribüne. Die sorgt sogar für einen Hauch von Weltfußball in Kemberg. Benfica Lissabon, Olympique Marseille, Tottenham Hotspurs, AC Mailand, Girondins Bordeaux und der SSC Neapel mit Kapitän Diego Armando Maradona haben in Leipzig gespielt. „Und unsere Bänke sind aus dem Zentralstadion“, erzählt Schmidt.

Beim Abriss sind die Kemberger zur Stelle. Der unvergessene Bernd Geipel hatte für den Transport gesorgt. „Die Sitze waren schon weg. Wir waren etwas zu spät dran“, erinnert sich Schmidt an die Aktion. Aber nicht nur die Bänke gibt es zum Nulltarif. Der Verein bezahlt für seine Tribüne keinen Cent. Schmidt holt Sponsoren ins Boot und finanziert das Bauvorhaben privat mit. An den Coup wird in der Broschüre auch erinnert, genau wie an die Siegesserie, die 2011 zum Aufstieg in die Verbandsliga führt. „Jetzt begann der „Profi“-Fußball.

Mit dem tschechischen Trainer Jiri Andrusak und fünf Spielern aus Teplice ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten“, heißt es dazu in der Broschüre. Niederlagen und Querelen kommen dagegen kaum vor. „Die sportliche Fairness, die ich beim Schreiben genauso anlege wie bei meinem Lieblingssport verbietet es mir, schmutzige Wäsche zu waschen, um Verantwortliche vorführen zu wollen“, heißt es beim „Anpfiff“, dem Vorwort. Zum Schluss wird er trotzdem deutlich: „Sollte ich etwas sachlich Unrichtiges oder gar Falsches geschrieben haben, möge man mir das verzeihen. Dies kann auch an der ungenügenden Zuarbeit liegen, die ich wiederum erfahren musste“.

Von der Kritik extra ausgenommen ist das Frauen-Team. Aber auch die Männer sind begeistert. „Eine Pflichtlektüre für die Kemberger“, meint Spieler Moritz Hillebrand. Und nicht nur für die. Bestellungen gibt es laut Schmidt auch aus Gräfenhainichen, Bad Schmiedeberg und Nudersdorf. Und jeder muss dabei das Werk persönlich abholen. „Viel Spaß beim Lesen“, wünscht der Autor bei der Übergabe. Meistens gibt es dabei noch eine Anekdote als Zugabe. So hat Schmidt 1974 alles versucht, bei der Weltmeisterschaft im Westen dabei zu sein.

Sein Kampf mit den DDR-Behörden dokumentiert er in seiner Autobiografie „Immer am Ball - Wie das Leben eben so spielt“. Der Kemberger ist nicht erfolgreich und schaut die Partien im TV an. „Im ARD-Fernsehen behauptete ein Mann im Ledermantel auf die Frage des Reporters, wie er zu der Eintrittskarte gekommen sei: Er sei in das Reisebüro der DDR gegangen und habe seine Karte gekauft. Und nun sei er hier“, hört Schmidt und fühlt sich „belogen und verarscht“.

Auswanderung ist gescheitert

Ein Gefühl, das er kennt. 1962 erhält er den Meisterbrief. „23 Jahre und acht Anträge später durfte ich mich selbstständig machen“, erzählt der Ex-Malermeister, der nach der Wende der erste frei gewählte Bürgermeister Kembergs wird. Er steht - und das noch heute - für liberale Politik. Zu seiner Biografie zählen aber nicht nur Siege. Als Stadtoberhaupt und auch als Fußballchef erlebt er Anfeindungen und Verleumdungen. Auch eine Auswanderung nach Kanada scheitert. Trotzdem sagt Schmidt: „Ich bereue nicht eine Minute meines Lebens.“