Chance genutzt

Wie ein 17-Jähriger mit dem Abschluss an der Beuditzschule in Weißenfels für ein besseres Leben kämpft

Beuditzschule Schüler einer besonderen Klasse erhalten ihre Abschlusszeugnisse und können ins Berufsleben starten. Ein 17-Jähriger erzählt, wie er sich ändern musste.

Von Andrea Hamann-Richter
Die Schüler der Klasse des ?Produktiven Lernens? (hier mit Lehrerin Beatrice Mollnau) halten selbst hergestellte Modelle in den Händen, mit denen sie die Inhalte verschiedener Praktika veranschaulichen. Stanley aus Zeitz (3.v.r) hat ein Lkw-Modell gebastelt. Vorn im Bild: die Unstrut-Mühle in Zeddenbach.
Die Schüler der Klasse des ?Produktiven Lernens? (hier mit Lehrerin Beatrice Mollnau) halten selbst hergestellte Modelle in den Händen, mit denen sie die Inhalte verschiedener Praktika veranschaulichen. Stanley aus Zeitz (3.v.r) hat ein Lkw-Modell gebastelt. Vorn im Bild: die Unstrut-Mühle in Zeddenbach. Foto: A. Hamann-Richter

Weissenfels/MZ - Hartz IV, Couch, Fernsehen - Stanley aus Zeitz sieht diese trostlose Szene vor sich, denn so hätte sein zukünftiges Leben aussehen können. Der junge Mann weiß, dass er diesem Dasein nur knapp entkommen ist. Stanley hat einen Hauptschulabschluss und - wie fast alle der 14 Schülerinnen und Schüler dieser besonderen Klasse der Beuditzschule in Weißenfels - einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Stanley wird eine Lehre in einer Kfz-Werkstatt beginnen. Ihm und seinen Mitschülern wurden dieser Tage nun die Abschlusszeugnisse übergeben.

Nach Abschluss an der Beuditzschule in Weißenfels möchte Stanley Kfz-Mechaniker werden

Zu verdanken haben sie die einem außergewöhnlichen Bildungsangebot in der Sekundarschule. Es nennt sich Produktives Lernen und richtet sich an Schüler, die aus unterschiedlichen Gründen keine Aussicht auf einen Schulabschluss haben. Die Beuditzschule bietet es seit 2005 an und gehört damit zu 24 Standorten in Sachsen-Anhalt. Die Jugendlichen drückten in den vergangenen zwei Jahren an zwei Tagen in der Woche die Schulbank und wurden unter anderem in Mathematik, Deutsch, Gesellschaftswissenschaften und Englisch unterrichtet. An den anderen drei Tagen absolvierten die Schüler Praktika in unterschiedlichen Firmen. Sie waren in insgesamt sechs Unternehmen tätig, die sie sich selbst gesucht hatten, und erhielten so Einblicke in das Berufsleben.

Stanley hatte für sich herausgefunden, dass er Kfz-Mechaniker werden möchte. Der 17-Jährige hatte die Geschäftsführung und die Mitarbeiter eines Betriebes von sich überzeugen können und so den Ausbildungsvertrag ergattert. Seine Visitenkarte war dabei nicht vorrangig seine Bewerbung und die Vorlage seiner Zeugnisse, sondern vor allen seine Arbeitsleistung während der Praktika. So erzählt es die Lehrerin Beatrice Mollnau, die mit Lehrerin Sylke Haase die Schüler in den vergangenen zwei Jahren unterrichtet hatte.

Pädagoginnen mussten Schüler erst einmal wieder nach und nach aufbauen

Diesen Schülern eine neue Struktur zu geben, sei am Anfang schon herausfordernd gewesen, gibt Beatrice Mollnau zu. Schließlich kamen sie demotiviert nach Weißenfels, weil sie an ihre Schulen meistens nur schlechte Erinnerungen hatten. Die Pädagoginnen mussten sie erst einmal wieder nach und nach aufbauen und sie begleiteten sie intensiv.

Das beschränkte sich nicht nur auf den Unterricht. Sie besuchten in ihrer Freizeit auch die Schülerinnen und Schüler in ihren Praktikumsbetrieben, um zu sehen, wie sie klarkamen. „Letztendlich aber zu sehen, was dabei herauskommt, das gibt uns die größte Kraft“, sagt Beatrice Mollnau und schaut stolz auf die jungen Frauen und Männer, die vor ihr an den Unterrichtstischen sitzen.

Schlechte Erfahrungen in der Schule gesammelt

Nicht alle Jugendlichen hatten es bis zum Schluss geschafft. Von den anfangs 23 Schülern, die übrigens aus dem gesamten Burgenlandkreis kamen, waren es letztendlich noch 17 Schüler. 14 von ihnen erreichten den Hauptschulabschluss. Dazu gehört eben auch Stanley, der sagt, dass es ihm bewusst gewesen war, dass er hier eine wichtige Möglichkeit erhalten hatte. So erzählt er, dass er in den Praktika seine Stärken erkannte und in der Schule begriff, dass ein gewisses Grundwissen einfach nötig ist, um sich im Berufsleben zu bewähren.

Das war vorher nicht so. Von der Einschulung bis zur sechsten Klasse habe er einfach keinen Sinn in dem Schulbesuch gesehen. „Ich bin gekommen und gegangen wie ich wollte, dadurch sitzengeblieben und irgendwann kaum noch oder gar nicht mehr in meiner Schule erschienen“, sagt der junge Mann.

17-Jähriger aus Zeitz weiß um das Engagement der Frauen

Darauf war schließlich Doris Kuschel aufmerksam geworden. Sie fungierte zu dieser Zeit schon als Beratungslehrerin in seiner Schule. Sie war es dann auch, die Stanley und seinen Eltern diese Alternative empfahl. Sie wisse von der Verzweiflung vieler Eltern, die diese Möglichkeit gar nicht kennen und daher auch keinen Ausweg für ihre Kinder wüssten.

Ihnen rate sie dann zu diesem Weg. Das erzählt die Frau, die wie weitere ihrer Kolleginnen bei der Zeugnisübergabe anwesend ist. Das Engagement der Frauen weiß auch Stanley zu schätzen. Er habe sich hier viel mehr verstanden und daher auch gut aufgehoben gefühlt, sagt er mit dankbarem Blick, bevor er den ersten Schritt in den neuen Lebensabschnitt macht.