Sparhammer an Schulen?

Sparhammer an Schulen?: Gelder für sozialpädagogische Arbeit unverzichtbar

Weissenfels - Es regt sich Widerstand gegen Sparmaßnahmen.

Von Meike Ruppe-Schmidt 30.03.2019, 08:00

Seit zehn Jahren arbeitet Kristin Scharf als Schulsozialarbeiterin an der Weißenfelser Neustadtschule, hat die Herzen und das Vertrauen der Kinder gewonnen. Nun soll sie gehen. Denn ihre und 32 weitere Stellen für Schulsozialarbeiter im Burgenlandkreis werden maßgeblich von einem europäischen Fördermittelprogramm finanziert. Das jedoch läuft im nächsten Jahr aus.

Unterschriftenaktion als Widerstand für fehlende Gelder

Jetzt kämpfen die Kinder der Neustadtschule in Weißenfels zusammen mit vielen anderen Schulen in Sachsen-Anhalt um den Erhalt der Schulsozialarbeit. Sie sind Teil des Aktionsbündnis der Bildungsgewerkschaft GEW, dem Landeselternrat, dem Landesschülerrat, der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Das Ziel: Bis zum 15. April will man 100.000 Unterschriften für den dauerhaften Erhalt der Schulsozialarbeit sammeln.

Dafür starteten die Schülerinnen und Schüler der Neustadtschule am Mittwoch ihre erste von insgesamt drei Unterschriftenaktionen im Weißenfelser Heuwegpark. „Wir wollen die Öffentlichkeit für die Problematik sensibilisieren“, erklärt Sozialarbeiterin Scharf. „Es gibt bereits jetzt einen großen Personalmangel an Schulen. Wenn nun auch noch die Sozialarbeit wegfällt, mache ich mir große Sorgen um die Ausbildung der Kinder.“

Was Schulsozialarbeiter leisten, lässt sich in Zahlen schlecht messen. Doch sie ist umso wichtiger für jedes einzelne Kind - und damit für die gesamte Gesellschaft. Neben dem Schulwissen bewirkt gute Sozialarbeit Persönlichkeitsentwicklung. Im Extremfall können Schulverweigerer wieder fürs Lernen begeistert werden, erfahren Strukturen und Regeln im Schulalltag.

Kämpfen Sozialarbeiter um jedes einzelne Kind, leisten sie auch einen wichtigen wirtschaftlichen Beitrag. Erst recht vor dem Hintergrund des Nachwuchskräftemangels. Statt zu sparen, sollte man also in Schulen - und damit in die Zukunft - investieren. Schon John F. Kennedy hat es seinerzeit auf den Punkt gebracht: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“

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Sozialpädagogische Arbeit bedeutend

Wie es ohne Sozialarbeit an Schulen aussehen würde, darüber mag Ralf Dupree, Englischlehrer an der Neustadtschule, gar nicht nachdenken. „Sozialarbeit leistet zunehmend das, was eigentlich Familien vermitteln sollen“, erklärt er. „Und das sind Akzeptanz, Toleranz, respektvollen Umgang.“ An der Neustadtschule werde all dies in Projekten wie die Streitschlichter-Arbeitsgemeinschaft, der Schulgarten, Suchtprävention, Anti-Mobbing und Anti-Gewalttraining vermittelt.

Projekte, die Scharf in ihrer zehnjährigen Tätigkeit aufgebaut hat. Noch viel wichtiger aber: Durch die sozialpädagogische Arbeit ist es gelungen, Schulschwänzer wieder zurück zum Unterricht zu bringen. „Wir hatten das Problem der Schulverweigerung bei einzelnen Schülern“, sagt Dupree. „Durch intensive und sehr persönliche Sozialarbeit ist man den Ursachen auf den Grund gegangen. So gelang es, die Kinder wieder zur regelmäßigen Teilnahme am Unterricht zu bringen.“ Scharf: „Es ist es wirklich wert, um jedes einzelne Kind zu kämpfen.“

Landesregierung soll notfalls unterstützen

Das sieht man am Goethegymnasium ähnlich. „Ich halte die Arbeit der Sozialpädagogen für absolut unverzichtbar“, sagt Schulleiter Jürgen Mannke. „Ich erwarte von der Landesregierung, dass sie Gelder bereitstellt, um die Sozialarbeit an Schulen dauerhaft zu gewährleisten.“ Neben Neustadtschule und Goethegymnasium beteiligen sich außerdem die Ökowegschule, die Albert-Einstein-Schule, sowie die Berufsbildenden Schulen am Aktionsbündnis. Um die langfristige Verankerung der schulischen Sozialarbeit geht es auch dem Kreiselternrates.

„Kinder, die in Schwierigkeiten sind, brauchen einen Ansprechpartner“, sagt Pressesprecher Michael Jacob. „Für manche Kinder sind Sozialarbeiter die einzigen Vertrauenspersonen, die sie haben. Müssen sie aufgrund befristeter Projekte gehen, dann ist das für Kinder eine große Enttäuschung.“ Jacobi warnt: „Wer als Kind enttäuscht wird von der Politik, der wird auch später zu einem enttäuschten Erwachsenen.“ (mz)