25 Jahre Leerstand

Ehemalige Beschäftigte erinnern sich an die Trommelfabrik in Weißenfels

Weissenfels - 25 Jahre Leerstand sind unübersehbar. Ehemalige Beschäftigte erinnern sich an die Trommelfabrik in Weißenfels

Von Holger Zimmer 06.02.2017, 12:05

Ein neuer Zaun umgibt das Gelände der alten Trommelfabrik. Das alte Tor wird von einem robusten Fahrradschloss gesichert. Daneben hat sich in den 1980er Jahren die Stechuhr befunden, weiß Klaus Koar, ein Mittsechziger.

Über 25 Jahre lang steht die ehemalige Trommelfabrik leer

Im Vorjahr sah hier noch alles ganz anders aus. Garagen sind inzwischen ebenso verschwunden wie Werkstattbaracken. Es schien, als würde hier alles im tiefen Dornröschenschlaf liegen. 25 Jahre Leerstand waren unübersehbar. Manches erinnert auch ans ehemalige Etablissement Bad: der einst repräsentative Hauptteil mit seiner Eingangsfront aus Säulen und Pfeilern, aber vor allem das Halbrund eines verglasten Wintergartens.

Hochfliegende Investitionspläne haben noch keine Gestalt angenommen, aber das Terrain ist seit Monaten beräumt und planiert, doch das alte Hauptgebäude mit seinem angebauten Bürotrakt steht noch da wie eine Ruine nach dem Krieg.

„Hier haben wir 1991 das Licht ausgeknipst“, sagt Klaus Koar. Er hatte eigentlich zur See fahren wollen, durfte aber nicht, angeblich wegen Westverwandtschaft. 1968 begann er eine Lehre und bis zum Schluss hat er in der Instandhaltung gearbeitet. Danach hatte er zunächst eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und war dann im Ordnungsamt der Stadt beschäftigt. Gern erinnert sich Koar an Betriebsfeiern mit Gerd Christian oder Gaby Rückert, waren Verbindungen zu den Künstlern ja naheliegend.

Bei der Begehung der alten Arbeitsstätte wirkte alles wie ein verwunschenes Paradies, das die Natur wieder zurückerobert hatte. Äste waren durch Kellergitter gewachsen, Bäume hatten sich durch Treppenstufen ans Licht gezwängt.

Neben Koar war auch Olaf Woll bei der Begehung dabei. Beide hatte Detlef Schmolke dazugebeten. Letzterer hatte Werkzeugmacher gelernt und studierte nach der Armeezeit Maschinenbau. Danach arbeitete er als Konstrukteur und später in der Elektronischen Datenverarbeitung. Er blieb bis zum Schluss, fegte auch die Straße. Noch heute spricht er von den gut 100 Beschäftigten als großer Familie. Mit dem Abgesang wurde es aber für viele nicht einfach, doch Schmolke fand bald einen Job und ist heute bei der Weißenfelser Stadtverwaltung beschäftigt.

Zuerst führte der Weg des Trios ins sogenannte Holzwollelager, schließlich mussten die hochwertigen Instrumente gut verpackt werden. Selbst die Puhdys, Karat und City - alles angesagte DDR-Bands - reisten an, schauten und erhielten auf Bezugsschein, was gebraucht wurde. Am alten Speisesaal kamen die Männer regelrecht ins Schwärmen. Tolle Kugellampen gehörten hier einst zur Ausstattung, geschnitzte Figuren zierten die Holzbalken.

Von dieser bürgerlichen Pracht, zu der auch Kronleuchter gehörten, die selbst den Sozialismus überlebt hatten, ist längst nichts mehr zu sehen. Holzdecken sind seit der Wende verfault und heruntergebrochen. Freilich wurde schon in DDR-Zeiten alles den Erfordernissen angepasst, das Parkett verschwand, Säulen wurden einbetoniert und auch ein Fahrstuhl eingebaut. Bei der Begehung fand sich noch ein Filmspiegel aus dem Jahr 1987. Die Männer wissen noch, wo in der Instandhaltung Bohrmaschine und Stanze gestanden haben. Und auch an einen Brand vor fast 40 Jahren kann sich Klaus Koar erinnern, wurden Teile des Dachstuhls Opfer der Flammen.

Säulen, Kuppelach und handbemalte Details

Der Rundgang führt über Treppen ohne Geländer bis in die oberen Geschosse. Die entstanden durch nachträglich eingebaute Betondecken. Die Säulen, die bis unters Kuppeldach reichen, blieben als Relikte des einstigen Glanzes der Vor-Fabrik-Zeit erhalten. In der Endmontage in der ersten Etage wurde vom Rahmen bis zu Holz- oder Plastereifen, von Beschlägen bis zur Bespannung alles zusammengebaut. Die Bemalung erfolgte per Hand, was ohne Belüftung ein gesundheitsgefährdender Job war.

Und das Ende? „Wir haben immer auf eine Chance gehofft“, sagt Klaus Koar. Denn Musikinstrumente waren ja gefragt und in Ostdeutschland war man der einzige Betrieb, der Trommeln herstellte. Doch mit der D-Mark seien auch in den ehemals sozialistischen Ländern bis nach Kuba die Märkte weggebrochen. Und von den ehemaligen Firmeneignern gab es kein Interesse. Nun tut sich was, aber noch steht die Ruine wie ein Mahnmal auf den Badanlagen. (mz)