„Ich will noch mehr lernen“

„Ich will noch mehr lernen“: Wie Querfurterin mit VHS-Kurs gegen Analphabetismus kämpft

Querfurt - Astrid Gläser zeigt auf ein Bild im Lehrbuch und fragt Annerose Lautenschläger: „Was ist das?“ Die Querfurterin überlegt, entgegnet „Brot“ und schreibt das Wort auf einen Zettel. „Und das?“, will Gläser wissen. „Salz“, sagt Lautenschläger und notiert. Die 62-Jährige sitzt in einem Klassenraum in der Kreisvolkshochschule (KVHS) des Saalekreises am Kirchplan in Querfurt. Seit fünfeinhalb Jahren werden dort Kurse für Menschen angeboten, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Und genauso lang besucht Annerose Lautenschläger den ...

Von Anke Losack

Astrid Gläser zeigt auf ein Bild im Lehrbuch und fragt Annerose Lautenschläger: „Was ist das?“ Die Querfurterin überlegt, entgegnet „Brot“ und schreibt das Wort auf einen Zettel. „Und das?“, will Gläser wissen. „Salz“, sagt Lautenschläger und notiert. Die 62-Jährige sitzt in einem Klassenraum in der Kreisvolkshochschule (KVHS) des Saalekreises am Kirchplan in Querfurt. Seit fünfeinhalb Jahren werden dort Kurse für Menschen angeboten, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Und genauso lang besucht Annerose Lautenschläger den Unterricht.

Grund für Analphabetismus: Lernschwächen und viele Jahre nicht mit Schrift zu tun gehabt zu haben

In Deutschland gelten laut einer 2019 veröffentlichten Studie rund 6,2 Millionen Erwachsene als funktionale Analphabeten. „Dabei reden wir nicht von Menschen, die gar nicht lesen und schreiben können“, erklärt KVHS-Außenstellenleiterin Gläser. Oft sei eine Lernschwäche ihr Problem und/oder viele Jahre nicht mit Schrift zu tun gehabt zu haben. Auf Annerose Lautenschläger trifft beides zu.

Sie habe als Kind eine Sonderschule besucht, danach in einer Wäscherei und später als Anlagenfahrerin in einem Werk gearbeitet, so die 62-Jährige. „Da brauchte ich nicht viel schreiben.“ Dass sie es nicht ausreichend beherrscht, habe darum keiner mitbekommen.

Im privaten Bereich sei ihr das Schreiben, zum Beispiel beim Ausfüllen von Unterlagen, von ihrem früheren Mann nahezu vollständig abgenommen worden. „Ich konnte ja noch nicht mal einen Briefumschlag schreiben“, so Lautenschläger.

Analphabetismus noch immer ein Tabuthema in Deutschland

Ein Mitarbeiter vom Jobcenter habe ihr geraten, sich bei der KVHS zu melden. War es bei Annerose Lautenschläger eine außenstehende Person, die auf den Unterricht aufmerksam machte, können es laut Gläser genauso Angehörige oder Freunde sein - sofern Betroffene denen ihre Schwächen offenbart haben. Manche verbergen ihr Defizit aus Scham, weiß die Außenstellenleiterin. Analphabetismus ist immer noch ein Tabuthema in Deutschland.

Gläser betont, dass für entsprechende Kurse bei der KVHS Beratungsgespräche anonym durchgeführt werden, „um die Hemmschwelle zu nehmen“. Auch Angehörige oder Freunde könnten mitgebracht werden zu dem Gespräch, bei dem unter anderem der Bildungsstand bewertet wird. Weil die Unterschiede bei den Teilnehmern mitunter gravierend sind, ist der Kurs auf maximal sechs Leute beschränkt.

Kurs gegen Analphabetismus in Querfurt kann Teilnehmern kostenlos angeboten werden

Doch selbst die kommen meist nicht zusammen, so die Außenstellenleiterin. Scham und mangelnde Zeit seien zwei Gründe. Wie der Unterricht abläuft, das können sich Interessierte von Mitte Januar bis März in einem Schnupperkurs bei der KVHS in Querfurt anschauen. Ab April startet dann ein regulärer Kurs für Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche.

Es sei gelungen, so Gläser stolz, für den Kurs eine finanzielle Förderung aus dem Europäischen Sozialfonds zu erhalten. Der Kurs kann den Teilnehmern kostenlos angeboten werden. Ein Einstieg sei Teilnehmern außerdem jederzeit möglich. „Wir müssen was tun für diese Leute, es muss immer wieder diese Projekte geben“, so Gläser und appelliert, sich zum Unterricht anzumelden.

Für Querfurterin ist Weg noch nicht beendet: „Ich will noch mehr lernen“

Ihrer Meinung nach hätten dann viel mehr Menschen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Rund 60 Prozent der funktionalen Analphabeten sind laut der Studie zwar in Arbeit, doch das werde für die Betroffenen immer schwieriger. Der Job kann Motivation sein, an einem Kurs teilzunehmen, oder auch die eigenen Kinder.

Oder eben wie bei Annerose Lautenschläger auftretende Probleme mit der Selbstständigkeit. Sie habe bisher viel in den Kursen gelernt, meint die 62-Jährige und Gläser fügt an: „Frau Lautenschläger hat ganz, ganz große Fortschritte gemacht.“ Doch für die Querfurterin ist der Weg noch nicht beendet. „Ich will noch mehr lernen.“ Sie wird den Unterricht weiterhin besuchen.

››Fragen zu Kursen an der Kreisvolkshochschule Querfurt unter Tel.: 034771/73 79 71 (mz)