Kulturzentrum Quedlinburg

Kulturzentrum Quedlinburg: Todesurteil für Bar 2.0

quedlinburg/MZ - „Bar 2.0“ - das sollte neu klingen, modern, nach Facebook und Twitter. „Es sollte eine Weiterentwicklung symbolisieren, den Sprung ins 21. Jahrhundert“, sagt Ralph Albrecht, 43, der Betreiber der Bar im Kulturzentrum Reichenstraße in Quedlinburg. Jetzt soll die Kneipe in dieser Form schließen. Die Kündigung des Mietvertrags zum 30. Juni liegt auf dem Tisch. Vielleicht ist Albrecht zu weit ...

Von ingo kugenbuch

„Bar 2.0“ - das sollte neu klingen, modern, nach Facebook und Twitter. „Es sollte eine Weiterentwicklung symbolisieren, den Sprung ins 21. Jahrhundert“, sagt Ralph Albrecht, 43, der Betreiber der Bar im Kulturzentrum Reichenstraße in Quedlinburg. Jetzt soll die Kneipe in dieser Form schließen. Die Kündigung des Mietvertrags zum 30. Juni liegt auf dem Tisch. Vielleicht ist Albrecht zu weit gesprungen.

Ralph Albrecht betreibt die Bar in der Reichenstraße jetzt seit fünf Jahren, vorher hat er zwei Jahre unter dem alten Chef gearbeitet. Wenn er von der alten Kneipe erzählt, zeichnet er ein düsteres Bild von einem schmierigen, finsteren Loch, in dem sich Punks trafen, die regelmäßig von Rechtsradikalen überfallen wurden. „Ich hatte keine Lust mehr, Angst hinter dem Tresen zu haben“, sagt Albrecht heute. Als er die Bar übernahm, renovierte er den Raum - und änderte auch die Ausrichtung. „Ich habe gesagt: Wer reinkommen will, soll reinkommen.“

Die Zahl der Polizeieinsätze sei daraufhin um 95 Prozent zurückgegangen. Heute könne hier jeder feiern und sich entspannen, ohne Angst haben zu müssen. 365 Tage im Jahr. „Unter Jugendlichen aber auch älteren Kulturschaffenden, Studenten, Schülern, Migranten und Menschen aus allen Bevölkerungsschichten ist die Bar äußerst beliebt, da sie für jeden offen und vielseitig ist“, so Albrecht. Das bestätigen nicht nur Stammgäste. Auch Ulrich Thomas, CDU-Landtagsabgeordneter und Chef der Stadtratsfraktion, setzt sich für die Bar ein, in der regelmäßig seine Töchter zu Gast seien.

„Wir als Stadt haben ein Interesse an der offenen Jugendarbeit“, sagt Thomas. „Jeder ist hier willkommen.“ In den Jahren zuvor habe es „Polarisierungen“ gegeben. Er habe die Sorge, dass mit einem Betreiberwechsel diese Art der Jugendarbeit nicht mehr erfolgen werde. Die Kündigung durch den Dachverein Reichenstraße sei „ohne transparente Gründe erfolgt“, sagt Thomas. „Die Entscheidung ist nur schwer nachzuvollziehen.“

Albrecht glaubt, dass er gehen muss, weil er zu tolerant ist, in seiner Bar auch Gäste mit Kleidung der umstrittenen Marke „Thor Steinar“ geduldet werden. „Ich setze auf Dialog“, sagt Albrecht.

Tatsächlich geht dem linksorientierten Dachverein diese Toleranz zu weit. „In unserer Hausordnung steht, dass Personen mit einem rechten Hintergrund keinen Zutritt haben. Das gilt auch für die Marke Thor Steinar“, sagt Stefan Helmholz, Geschäftsführer des Dachvereins Reichenstraße, der MZ. Thor Steinar werde genauso vom FC Bayern München oder bei Borussia Dortmund geächtet, sagt Helmholz.

Aber das sei längst nicht der einzige Grund für die Kündigung. „Es gab von Anfang an erheblichen Widerstand gegen den neuen Stil, die neue Ausrichtung.“ Viele Kleinigkeiten hätten sich über die Jahre summiert - vom Rauchverbot, auf dessen Einhaltung Albrecht nicht dränge, bis hin zu den fehlenden kulturellen Angeboten der Bar. In der Ratsversammlung - dem höchsten Gremium in der Reichenstraße - sei deshalb im Januar die Kündigung beschlossen worden. Vor einer Woche wurde diese Entscheidung mit sieben zu einer Stimme bestätigt, sagt Helmholz. Auch ein von Quedlinburgs Bürgermeister Eberhard Brecht moderiertes Gespräch habe keine Lösung gebracht. Helmholz bringt das Problem auf den Punkt: „Verein und Kneipe bilden keine Einheit.“ Eike Helmholz, Vorstandsvorsitzender des Dachvereins, bestätigt das: „Er passt nicht zu uns.“ Und Vorstandsmitglied Thomas Günther Loch setzt noch einen drauf: „Er arbeitet zum Teil gegen uns.“

Wie soll es nun weitergehen mit der Bar in der Reichenstraße, für deren Fortbestehen 700 Menschen ihre Unterschrift geleistet haben? „Die Bar macht nicht zu“, sagt Stefan Helmholz. Der Verein werde sie übernehmen und die 8 000 Euro, die bisher als Miete pro Jahr geflossen sind, auch in Zukunft „locker erwirtschaften“. Ralph Albrecht will schnell einen „neuen Laden aufmachen“. Aber nur, wenn er einen Ausgleich für Investitionen und Stammkunden in Höhe von 52 000 Euro gezahlt bekommt. Er werde es, sagt er, auch auf einen Rechtsstreit ankommen lassen.