„Viele werfen Essen weg”

Foodbloggerin Henriette Egler aus Quedlinburg: Dreifache Mutter hat 7.700 Abonnenten bei instagram

Quedlinburg - „Es ist unglaublich, was die Supermärkte alles wegschmeißen, obwohl viele Produkte noch essbar sind“

Von Tina Schwarz 07.04.2018, 07:55

Henriette Egler aus Quedlinburg ist leidenschaftliche Köchin und Foodbloggerin. Seit ein paar Jahren veröffentlicht sie unter dem Namen „lanisleckerecke“ Bilder und Rezepte ihrer Gerichte im Internet.

Henriette Egler ist aber auch Vollzeit-Mama von drei Kindern und auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Dass die 32-Jährige wie 2.000 andere Menschen im Landkreis Harz alle zwei Wochen zur Tafel geht - daraus macht sie kein Geheimnis.

Denn sobald sie ihre Tafeltüten abholt, fotografiert sie diese und veröffentlicht die Bilder auf ihrem Foodblog, einer Internetseite mit Kochideen und Rezepten. Dort zeigt sie dann auch, was sie aus den gespendeten Lebensmitteln zubereitet hat.

Mahlzeiten aus Lebensmitteln mit abgelaufener Mindesthaltbarkeitszeit

Mehr als 9.000 Menschen folgen ihr in sozialen Netzwerken wie „Facebook“ oder „Instagram“. Auf ihrem Blog zeigt sie, wie sie Lebensmittel verarbeitet, die in den Supermärkten nicht mehr verkauft werden können:

Älteres Brot, abgelaufenes Fleisch oder Milchprodukte, angegangenes Obst und Gemüse sowie Saisonware, die keiner mehr will: „Es ist unglaublich, was die Supermärkte alles wegschmeißen, obwohl viele Produkte noch essbar sind“, sagt sie.

Am liebsten würde sie das Mindesthaltbarkeitsdatum abschaffen. „Viele werfen das Essen einfach nur weg, weil das aufgedruckte Datum überschritten ist.“

Nur bei Fleisch ist Henriette vorsichtig

Allein bei Fleisch ist die 32-Jährige vorsichtig. „An das Verzehrdatum sollte man sich schon halten.“ Auch bei der Tafel bekommt sie Fleisch, das bereits abgelaufen ist. Das sei dann allerdings eingefroren und deswegen noch essbar, erklärt sie.

Seit fast fünf Jahren veröffentlicht Henriette Egler Fotos ihrer Tafeltüten und ihre Lieblingsrezepte im Internet. Angefangen hatte es mit dem Nachkochen von Maggi-Tüten, erinnert sie sich. Nun lässt sie sich von anderen Foodbloggern und Kulturen inspirieren, kocht auch gerne mal indisch oder polnisch.

„Ich koche vieles nach“, sagt sie. „Doch ich ändere die Rezepte auch gerne mal ab. Gerade wenn ich bestimme Zutaten nicht im Haus habe“, erzählt sie weiter.

Mit ihrem Blog will sie zum einen auf die Wegwerf-Gesellschaft und den Überfluss von Lebensmitteln aufmerksam machen, zum anderen will sie andere sensibilisieren, Tafelgänger nicht zu verurteilen. „Wenn man an die Tafel denkt, haben viele ein positives Gefühl. Sobald aber an die bedürftigen Menschen gedacht wird, wird das Gefühl negativ, und es fallen Bezeichnungen wie Assi oder Schmarotzer.“

Auch Henriette Egler musste schon Kritik einstecken. „Manche können nicht verstehen, warum ich zur Tafel gehe. Sie sagen dann, dass es vielen anderen schlechter als mir gehen und ich denen das Essen wegnehmen würde“, berichtet sie. Solche Begründungen kann die dreifache Mutter nicht nachvollziehen.

„Viele unserer Kunden haben wie Frau Egler mit Kritik zu kämpfen."

„Ich finde, jeder, der die Möglichkeit hat, sollte auch zur Tafel gehen“, entgegnet sie. Es sei schließlich wichtig, dass keine Lebensmittel weggeschmissen werden. Außerdem nutze sie das Geld, was die fünfköpfige Familie durch die Lebensmittelspenden spart, für familiäre Aktivitäten wie Kino oder Schwimmbad - „und nicht, wie viele vielleicht denken, für Alkohol und Zigaretten“, fügt sie hinzu.

Auch bei der Harzer Tafel in Quedlinburg ist der Foodblog der 32-Jährigen bekannt. „Viele unserer Kunden haben wie Frau Egler mit Kritik zu kämpfen. Wir finden gut und vor allem mutig, dass sie den Schritt in die Öffentlichkeit wagt“, sagt Sarah Zschernitz, Leiterin für Soziale Arbeit bei der Arbeiterwohlfahrt im Kreisverband Harz.

Der erste Besuch bei der Tafel war für Henriette Egler eine Überwindung

An ihr erstes Mal bei der Tafel kann sich Henriette Egler noch gut erinnern. „Es war eine Überwindung“, sagt sie. „Ich habe mich geschämt und mich gefühlt, als würde ich betteln gehen.“ Auch heute fällt ihr der Gang zur Tafel manchmal noch schwer. „Doch ich habe keine andere Wahl. Der Monat ist oftmals länger als das Portemonnaie dick, und mein Freund bekommt auch nur ein Ausbildungsgehalt“, erzählt die gelernte Bürokauffrau, die seit 2015 in Quedlinburg lebt.

Die Entscheidung, nicht arbeiten zu gehen, sondern sich zu Hause um ihre Kinder zu kümmern, fällte Henriette Egler genauso bewusst wie die, zur Tafel zu gehen. Ihr Arbeitsvertrag lief aus und sie stand vor der Wahl, ihren Sohn in die Kita zu geben und sich eine neue Stelle zu suchen oder das Kind selbst zu betreuen.

Sie entschied sich für Letzteres. Auch dafür erntet sie Kritik. „Einige sagen, dass ich arbeiten gehen und nicht dem Staat auf der Tasche liegen soll“, sagt sie. Die 32-jährige wolle auch wieder arbeiten, „aber erst, wenn meine Elternzeit vorbei ist“.

Auf ihrem Blog will sie bis dahin weiter über Lebensmittelverschwendung aufklären und zeigen, dass es nicht schlimm ist, ein Tafelgänger zu sein. (mz)

Bericht über Henriette Egler und die Harzer Tafel in der ZDF-Drehscheibe (etwa Minute 30:54): http://bit.ly/Lanis-Leckerecke