Dokumentation über verlassene Orte

Dokumentation über verlassene Orte: Filmteam weckt den Harz auf

Quedlinburg/Clausthal-Zellerfeld - Mehr als zwei Jahre ist Enno Seifried mit seinem Film-Team durch den Harz gezogen, auf der Suche nach verlassenen Orten. Der Filmemacher aus Leipzig hat eine Vorliebe für sie: Seine Dokumentarfilme nennt er „Geschichten hinter vergessenen Mauern“, und die fand er bisher in seiner sächsischen Heimatstadt: Verlassene Industriegebäude, fensterlose Ruinen, gruselige Hütten: Er drehte dort, wo schon lange niemand mehr wohnte oder ...

Von Oliver Müller-Lorey

Mehr als zwei Jahre ist Enno Seifried mit seinem Film-Team durch den Harz gezogen, auf der Suche nach verlassenen Orten. Der Filmemacher aus Leipzig hat eine Vorliebe für sie: Seine Dokumentarfilme nennt er „Geschichten hinter vergessenen Mauern“, und die fand er bisher in seiner sächsischen Heimatstadt: Verlassene Industriegebäude, fensterlose Ruinen, gruselige Hütten: Er drehte dort, wo schon lange niemand mehr wohnte oder arbeitete.

Sein aktueller Film spielt aber nicht in Leipzig sondern in „einem der schönsten und interessantesten Landschaftsgebiete der Bundesrepublik“, wie es auf der Website, mit der für den Streifen geworben wird, heißt: Sein aktueller Film spielt im Harz. Denn der ist eben nicht nur „schön und interessant“, sondern auch eine Schatztruhe für Menschen wie Enno Seifried.

Filmemacher schwer zu erreichen

„Vorrangig haben wir ehemalige Sanatorien und Hotels im Film, da es davon wirklich sehr viele gibt, die derzeit vom Leerstand betroffen sind“, schreibt er in einer E-Mail als Antwort auf eine MZ-Anfrage. Der Filmemacher ist - was bei einem Menschen, der stundenlang in verlassenen Häusern und Fabriken dreht, nicht sonderlich überrascht - schwer zu erreichen. Ein Telefoninterview kommt nicht zu Stande, stattdessen gibt es schriftlich Antworten auf die Reporter-Fragen:

Zum Beispiel, wie das Team all die gut versteckten Drehorte überhaupt gefunden hat. „Ach, so gut versteckt sind die gar nicht“, schreibt Enno Seifried. Sehr viele Locations habe man sogar am Wegesrand gefunden, andere bei Recherchen im Internet. Auch die Personen, die als Interviewpartner im Film auftreten, hätten sie über das Internet gefunden oder indem sie in der Umgebung an Türen klingelten.

Kein Grund zum Gruseln

Grusel, schreibt Enno Seifried, sei während der Dreharbeiten nicht aufgekommen. Sein Team sei ja mittlerweile sehr vertraut mit derartigen Orten. Außerdem seien ihnen solche Orte auch aus der Jugendzeit bekannt.

Das Team um Enno Seifried hat für die Produktion keine Gage erhalten und alle Kosten, etwa für die Technik, selbst getragen. Stattdessen startete das Team eine sogenannte Crowdfunding-Aktion. Unterstützer konnten einen Betrag ihrer Wahl beisteuern. Der Erfolg dieser Aktion war überwältigend: Eigentlich war das Ziel, 8 000 Euro zu sammeln. Doch nach wenigen Tagen stand die Spendenuhr schon bei 28 321 Euro und ist bis heute dort stehen geblieben. Je mehr die Unterstützer spendeten, desto größer waren ihre Prämien: Für zwölf Euro gab es eine Eintrittskarte und ein Filmplakat, für 20 Euro bereits eine DVD vom Film.

Wo genau das Filmteam drehte, will der Filmemacher aber nicht so wirklich verraten - das passt zu seinem etwas geheimnisvollen Auftreten. „Genaue Angaben der Orte wollen wir in der Öffentlichkeit nicht machen“, schreibt er. Das habe zum einen den Grund, Vandalen oder Schrottdiebe nicht anzulocken, andererseits wolle man der Filmpremiere nichts vorweg nehmen. Einen dritten Grund erfahre das Publikum innerhalb des Films, heißt es geheimniskrämerisch.

Nazi-Zeit im Harz

Mindestens ein Drehort steht aber bereits jetzt sicher fest: Das ehemalige „Werk Tanne“ in Clausthal-Zellerfeld im Westharz. Hier hatten die Nazis im Zweiten Weltkrieg Sprengstoff hergestellt. Friedhart Knolle ist Experte für das Werk: Schon während des Studiums an der Hochschule Clausthal interessierte er sich für die damals von vielen tabuisierte Nazi-Zeit im Harz. „Keiner wollte darüber sprechen. Alle haben gesagt, sie wollten damit nichts zu tun haben. Wenn man sich für die Nazi-Zeit interessiert hat, galt man leicht als Kommunist“, erinnert sich der 1955 geborene Goslarer, der heute Pressesprecher des Nationalparks Harz ist.

Im Film von Enno Seifried tritt er auf und gab unter anderem Auskunft über ein Massengrab von Zwangsarbeitern. Obwohl der Dreh im Winter nur etwa eine halbe Stunde dauerte, gefällt Friedhart Knolle das Resultat: „Er hat mich mit Niveau überzeugt“, sagt er über den Filmemacher. Der sei wohl über eine Empfehlung an den Harz-Experten gelangt. Am 29. Mai findet die Premiere in der Baumannshöhle in Rübeland statt, am 30. und 31. Mai gibt es weitere Vorführungen. Die Karten dazu gab es aber nicht einfach so zu kaufen, sie wurden an Unterstützer verteilt, die dem Filmteam mit einer Spende halfen.

Mehr Informationen über den Film gibt es hier. (mz)